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Kindesmissbrauch

"Er war pädophil": Der Regisseur der neuen Michael-Jackson-Doku im Interview

Dem King of Pop wurde schon zu Lebzeiten vorgeworfen, er würde kleine Jungen sexuell missbrauchen. Die mehrteilige Doku 'Leaving Neverland' will nun endgültig die Wahrheit ans Licht bringen.

von Josiah Hesse
22 Februar 2019, 3:46pm

Michael Jackson mit Wade Robson | Foto mit freundlicher Genehmigung von HBO

"Pornos und Süssigkeiten", sagt James Safechuck in der Doku Leaving Neverland und seufzt. Er erinnert sich an seine Kindheit, an Begegnungen mit Michael Jackson. Der vierstündige Film erzählt nicht nur seine Geschichte, sondern auch die von Wade Robson. Robson sagt, Jackson habe ihn über Jahre hinweg sexuell missbraucht.

Eigentlich will der US-Sender HBO die Doku Anfang März ausstrahlen. Inzwischen haben Jacksons Nachlassverwalter eine Klage eingereicht: Der Film soll nicht ausgestrahlt werden, HBO soll 100 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen. Denn Leaving Neverland wirft dem verstorbenen King of Pop vor, er habe sich als Opfer Kinder ausgesucht, die ihn als Helden verehrten. Die Eltern habe er mit Urlaubsreisen, Häusern und Geldgeschenken nach und nach um den Finger gewickelt. Seinen Opfern habe er mit psychischer Manipulation eingeredet, sie seien an ihrem eigenen Missbrauch mitschuldig.

James Safechuck war noch ein Kind, als er Michael Jackson 1988 beim Dreh einer Pepsi-Werbung kennenlernte. Die beiden wurden unzertrennlich, Jackson verbrachte oft die Nacht bei der Familie Safechuck. Auf seiner "Bad"-Tour liess Jackson den Jungen als Mini-MJ auftreten. In dieser Zeit habe der Weltstar ihn reich mit Schmuck beschenkt, so Safechuck – unter anderem mit einem Diamantring, der bei einer gespielten Hochzeit zwischen den beiden zum Einsatz gekommen sei. Safechuck zufolge gab Jackson ihm Wein und initiierte täglich sexuelle Handlungen mit ihm, auf Jacksons Neverland Ranch und auf Tour in Hotelzimmern.


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Heute sind James Safechuck und Wade Robson in ihren Dreissigern. Ihre Interviews über den sexuellen Missbrauch, den Jackson begangen haben soll, überlassen wenig der Fantasie. Es ist schmerzhaft und zermürbend zu hören, was sie erzählen: von blutiger Unterwäsche, von einem masturbierenden Jackson, von oraler Penetration eines Siebenjährigen. Aber vielleicht ist derart explizite Sprache nötig, wenn man gegen das Andenken an einen der beliebtesten Stars der Weltgeschichte ankommen muss.

Die Nachlassverwalter von Jackson, der in zwei Missbrauchsverfahren nie verurteilt wurde, bemühen sich, die Filmemacher, die mutmasslichen Opfer sowie den Sender HBO zu diskreditieren. Sie haben einen zehnseitigen Brief veröffentlicht, in dem sie unter anderem Robson als unglaubwürdig bezeichnen, weil dessen Vater Suizid begangen hat.

Bevor die Klage der Nachlassverwalter eingereicht wurde, hat uns Dan Reed, der Regisseur von Leaving Neverland, erklärt, warum sein Film für ihn hieb- und stichfest ist und ob wir nun aufhören müssen, Michael Jacksons Musik zu hören.

VICE: Es gibt so viele Bücher und Dokus über Michael Jacksons Psyche und den Missbrauch, den er als Kind erlitt. Hast du Jacksons eigenes Innenleben bewusst aus dem Film herausgelassen?
Dan Reed: Es ist eben kein Film über Michael Jackson. Es geht um Wade Robsons und James Safechucks Begegnungen mit ihm. Ich habe Jackson nie kennengelernt und kann nichts darüber sagen, was ihn dazu bewegt haben könnte, kleine Jungs zu missbrauchen. Darüber will ich nicht spekulieren.

Nur weil man eine tragische Kindheit hatte, ist man nicht für bestimmte Verhaltensweisen prädestiniert. Ich fand es faszinierend, wie Wade und James Michael Jackson beschreiben. Und weil Jackson so unfassbar bekannt ist, werden ihre Geschichten um die Welt gehen. Das könnte sehr viele Leute darüber aufklären, wie sexueller Kindesmissbrauch abläuft. Die meisten stellen sich das falsch vor.

Welche Irrtümer begegnen dir häufig?
Auf Twitter fragen viele: "Warum hat Robson vor Gericht Jackson in Schutz genommen? Warum ist er nicht zu Mama gerannt und hat ihr gesagt, was Jackson getan hat?" Weil sexueller Missbrauch so nicht funktioniert. Und das zeigt der Film sehr anschaulich. Manche Menschen, die andere missbrauchen, können dafür sorgen, dass ihre Opfer sich in sie verlieben. Robson sagt etwa, er habe seine Beziehung mit Jackson sein ganzes Leben lang für etwas Positives gehalten. Es war sehr schwer für ihn einzugestehen, dass das Bullshit war.

Anhänger von Michael Jackson können sehr fanatisch sein. Bekommt der Film viel Gegenwind?
Es gibt Abermillionen Jackson-Fans auf der Welt. Menschen, die seine Musik lieben, für die seine Songs der Soundtrack zu grossartigen Erlebnissen waren. Aber neben diesen Menschen gibt es noch eine andere Sorte Fans, die fast schon wie Sektenmitglieder wirken. Diese Leute posten in den sozialen Medien Bösartiges über den Film. Häufig wiederholen sie Aussagen, die Jacksons Familie und Anwälte schon seit Jahren auffahren. Sie machen Jacksons Opfer schlecht, und zwar aggressiv und unerbittlich. Aber ich glaube, 2019 kommt man mit solchen Taktiken nicht mehr so einfach davon.

Die meisten Fans sind normale Menschen, die schockiert sind, wenn sie hören, wie viele Beweise es gegen Jackson gibt. So ging es mir auch. Als ich anfing, mich mit dem Thema zu beschäftigen, hatte ich keine Vorurteile gegen Jackson. Ich war nicht überzeugt, dass er ein Pädophiler war; er hätte auch unschuldig sein können. Ich hielt ihn für einen guten Menschen, der gute Musik machte und anscheinend freundlich zu Kindern war. Leider hat sich wirklich rausgestellt, dass er ein sexueller Gewalttäter war.

Und jetzt fragst du mich bestimmt, ob wir überhaupt noch seine Musik hören sollten.

Das wollte ich wirklich noch fragen.
[Lacht] Ich finde nicht, dass es einen Hashtag braucht, der verlangt, dass wir seine Musik boykottieren wie bei R. Kelly. Dazu ist Jacksons Musik in vielen Teilen der Welt einfach zu gross und verbreitet. Das kann man der Gesellschaft nicht einfach so entreissen. Aber willst du, dass auf dem Geburtstag deiner Kinder MJ-Songs laufen? Ich würde das nicht wollen. Verbieten braucht man sie deswegen aber auch nicht. Es ist grossartige Musik, er war ein sehr begabter Entertainer. Aber er war auch ein Pädophiler.

In einer Szene verbrennt Wade Robson Jacksons paillettenbesetzten Handschuh und seine "Thriller"-Jacke – waren das wirklich die Originale?
Ich war nicht dabei, als Wade diese Sachen verbrannte, aber dem Bildmaterial nach würde ich sagen, dass sie echt waren.

Interessant – wenn diese Kleidungsstücke echt waren, müssen sie extrem viel wert gewesen sein. Die Nachlassverwaltung von Jackson behauptet, Robson erzähle seine Geschichte nur des Geldes wegen.
Es mag sein, dass das teure Sachen waren, aber dass er sie verbrannt hat, beweist allein noch nicht viel. Da finde ich es aussagekräftiger, dass Wade und James überhaupt kein Geld für ihre Beteiligung an der Doku bekommen haben.

Kritiker werfen dir ausserdem vor, dass du die andere Seite zu Robsons und Safechucks Geschichten nicht präsentierst.
Wir haben sehr viel Kritik aufgenommen, vor allem von Fans, und ausserdem Aussagen, die Jackson zu Lebzeiten gemacht hat. Er stritt damals alle Missbrauchsvorwürfe ab. Auch lassen wir seine Anwälte aus beiden Klagefällen zu Wort kommen. Ich würde sagen, wir zeigen die Position von Michael Jackson und seinen Anwälten in vollem Umfang.

Ihr habt allerdings keine neueren Interviews mit der Gegenseite geführt.
Soweit ich weiss, hat sich der Standpunkt von Jacksons Seite nicht geändert. Sie bestehen weiter auf seiner Unschuld.

Es wirkt so, als wäre es euch wichtig gewesen, sehr detailliert und explizit über Jacksons mutmassliche Missbrauchshandlungen zu sprechen. Warum reichte ein einfaches "Er hat mich sexuell missbraucht" nicht aus?
Wir mussten etablieren, dass sexuelle Handlungen passiert sind. Jahrelang behauptete Jackson, er habe aus komplett unschuldigen Gründen das Bett mit Kindern geteilt. Wenn wir diese grafischen, schockierenden Beschreibungen nicht hätten, würden sich die Leute vorstellen, dass wir hier von Umarmungen sprechen, die ein bisschen zu lang und innig waren, oder dass Jackson ihnen über die Wange gestreichelt hätte. Wir mussten klarmachen: Es ging Jackson um Sex, nicht um liebevolle Berührungen.

Hast du den Eindruck, dass Leute aus Jacksons Umfeld davon wussten oder ihm sogar als Komplizen dienten?
Ich habe keine Hinweise gesehen, dass andere Leute sich an den sexuellen Handlungen beteiligten. Aber ob es Mitwisser und Komplizen gab, ist eine legitime Frage, auf die ich keine Antwort habe. Jacksons Leben wurde rund um die Uhr von seinen Angestellten gemanagt. Schwer vorstellbar, dass niemand etwas mitgekriegt hat. Was dachten sie denn, was Jackson jede Nacht mit einem Jungen in seinem Bett machte?

Sind Robsons und Safechucks Erfahrungen nur die Spitze des Eisbergs?
Ich bin überzeugt, dass es viele weitere Opfer gibt. Wir wollten uns auf James und Wade und ihre Familien konzentrieren. Sie hatten alle langjährigen Kontakt mit Jackson. Ich bin mir sicher, dass sich noch mehr Opfer zu Wort melden werden, wenn es für sie der richtige Zeitpunkt ist. Wir werden sehen.

Wäre der Film auch entstanden, wenn Jackson noch am Leben wäre?
Das wäre sicherlich schwierig gewesen. Auch heute haben die Leute Angst vor Jacksons Anwälten. Als ich mit Menschen sprach, die an den Ermittlungen beteiligt waren, zeigten viele sich besorgt, dass Jacksons Leute die Opfer mundtot machen könnten. Sie beschäftigen skrupellose Privatdetektive und ziehen häufig vor Gericht. Die Macht der Jackson-Maschine ist absolut furchterregend.

Welchen Einfluss hat die #MeToo-Bewegung darauf, wie der Film aufgenommen wird?
Es ist definitiv ein Segen, dass wir inzwischen diese Welle erlebt haben, in der es darum ging, Opfern von sexuellen Übergriffen zu glauben. Zuvor war es einfacher, diese Menschen mit Rufmordkampagnen zum Schweigen zu bringen. Ich denke, heute wäre Jackson nicht mehr mit den Dingen davongekommen, die er in den 90ern tat.

Wie geht es Robson und Safechuck heute? Ziehen sie sich aus der Öffentlichkeit zurück, jetzt wo der Film bald seine Premiere hat?
Im Gegenteil, sie sind sehr glücklich über den Film. Die Premiere am Sundance Film Festival war ein Wendepunkt in ihrem Leben. Es gab nach der Vorführung eine Standing Ovation. Menschen riefen: "Wir glauben euch!" Wade und James hatten Tränen in den Augen. Ich denke, sie waren geschockt, weil sie zum ersten Mal Bestätigung bekamen. Sie waren es dermassen gewöhnt, dass man ihnen nicht glaubte und sie durch den Dreck zog.

In den USA wird der erste Teil von Leaving Neverland am 3. März auf HBO ausgestrahlt. Noch ist unklar, wann und wo der Film in Deutschland erhältlich sein wird. Dieser Artikel wird mit entsprechenden Informationen geupdatet.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.

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