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Krieg gegen Drogen

Wie die Legalisierung von Drogen helfen könnte, die globale Armut zu bekämpfen

Und wir verhindern, dass aus armen Kindern die El Chapos von morgen werden.

von JS Rafaeli
08 Februar 2019, 11:12am

Foto: EFE News Agency | Alamy Stock Photo

In New York geht das Verfahren gegen Kartellboss Joaquín "El Chapo" Guzmán gerade in den dritten Monat. Es geht um Deals von mehreren Millionen US-Doallar, spektakuläre Gefängnisausbrüche, Auftragsmorde und politische Korruption.Wenn es um Drogenhandel im globalen Süden geht – also das, was man früher die "Dritte Welt" genannt hat –, schenken die Medien ihre Aufmerksamkeit gerne schillernden Bossen wie El Chapo oder Pablo Escobar. Dabei sind es vor allem arme Menschen, die in den Drogenhandel involviert und von ihm betroffen sind. Tatsächlich zeigt sich immer deutlicher, dass die internationale Prohibition ein wichtiger Motor globaler Armut ist. Die britische NGO Health Poverty Action hat einen Bericht veröffentlicht, der den Drogenhandel in Brasilien und Indien untersucht. Die Autorinnen wollten wissen: Wie haben Drogengangs die Kontrolle über Brasiliens Favelas gewonnen? Und wie ist in den ländlichen Gebieten Nordindiens durch den illegalen Mohnanbau eine Alternativwirtschaft entstanden?


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Der Krieg gegen Drogen kostet die Welt jährlich 100 Milliarden US-Dollar

"Ich habe jahrelang an grossen Entwicklungskampagnen gearbeitet: Schuldenerlass, Handelsgerechtigkeit, AIDS – die ganzen Dinge, die NGOs so machen. Aber die meisten dieser Initiativen sind, auch wenn sie viel Gutes bewirkt haben, im globalen Norden entworfen und dann exportiert worden", sagt Martin Drewry, CEO von Health Poverty Action. Bis eine Gruppe hochrangiger Politiker aus Lateinamerika nach London kam und alles auf den Kopf gestellt habe.

"Ihre oberste Priorität lautete: ein Ende der Drogenprohibition", erinnert sich Drewry. "Für sie ging es dabei vor allem um Armutsbekämpfung und globale Entwicklung. Ihrer Meinung nach sei eine Legalisierung sogar wichtiger als viele unserer Ideen zur Bekämpfung von unfairem Handel, Steuerhinterziehung und Klimawandel."

Ein Blick auf die Zahlen erklärt warum. Laut der britischen Organisation Transform, die sich für eine Reform der Drogenpolitik einsetzt, schätzt, dass der Krieg gegen die Drogen die Welt mindestens 100 Milliarden US-Dollar jährlich kostet, mindestens. Kosten für Gesundheitssysteme, die unversteuerten Einnahmen und das verschwendete menschliche Potenzial sind da noch gar nicht miteinbezogen. Das globale Budget für Hilfsprogramme liegt bei etwa 146 Milliarden US-Dollar im Jahr. Vergleicht man die beiden Zahlen, werden die Ausmasse des Problems klar.

Das Geschäft mit illegalen Drogen ist die Cashcow des internationalen Verbrechens. Kein anderer illegaler Sektor verfügt über ähnliche Gewinnmargen, um Beamte im grossen Stil zu bestechen. Im globalen Süden destabilisiert das Drogengeschäft dem NGO-Bericht zufolge ganze Staaten, indem es grundlegende Regierungsfunktionen zerstört und zivilgesellschaftliche Institutionen aushöhlt. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der kolumbianische Bürgerkrieg, in dem sich sowohl die FARC als auch ihre Widersacher von den rechtsgerichteten Bürgerwehren vor allem durch Kokain finanziert hatten. Heute sind es de facto rechtsfreie Räume wie das Grenzgebiet zwischen China und Myanmar, wo Amphetamin- und Heroinschmuggler so etwas wie Parallelstaaten errichtet haben.

"Das ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf der Armut"

"Meist sind es ressourcenarme Länder, in denen der Drogenhandel grosse Teile der Wirtschaft ausmacht – natürlich unversteuert", sagt Martin Drewry. "Die Regierungen sind damit beschäftigt, bewaffnete Konflikte gegen die eigene Bevölkerung auszutragen, und stellen gleichzeitig nicht die grundlegendsten Dinge wie Gesundheitsversorgung, Bildung und Infrastruktur zur Verfügung." Aber das Problem reicht noch viel weiter.

Der Health-Poverty-Action-Bericht schaut sich nicht nur an, wie "Produktionsländer" wie Kolumbien und Afghanistan durch die Nachfrage westlicher Konsumentinnen und Konsumenten in den Krieg gegen Drogen geraten sind. Die NGO hat auch untersucht, wie der Drogenhandel innerhalb der Länder des globalen Südens selbst funktioniert.

"Die Regierungen sind damit beschäftigt, bewaffnete Konflikte gegen die eigene Bevölkerung auszutragen, und stellen gleichzeitig nicht die grundlegendsten Dinge wie Gesundheitsversorgung, Bildung und Infrastruktur zur Verfügung." – Martin Drewy

"Das ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf der Armut. Menschen geraten ins Drogengeschäft, um das Nötigste zum Leben zu haben. Alternativen fehlen. Dann werden sie verhaftet und ihre Chancen am Arbeitsmarkt dadurch weiter vermindert. So entstehen schliesslich Familien, in denen dieser Kreislauf von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Ein Mädchen aus São Paolo hat uns erzählt, wie sie anfing, Drogen zu verkaufen, weil ihre Mutter verhaftet worden war und sie ihre kleinen Schwestern versorgen musste. Sie war zwölf Jahre alt. 64 Prozent der Frauen in brasilianischen Gefängnissen sind dort aufgrund von Drogenvergehen."

In Indien sind es vor allem Frauen, die im kleinen Massstab Schlafmohn anbauen. Die Arbeitszeit ist flexibel, sie können sich nebenbei um ihre traditionellen häuslichen Pflichten kümmern – und sich sogar weiterbilden. Durch den Anbau werden die Frauen allerdings auch anfällig für die Ausbeutung durch kriminelle Gangs und Drangsalierungen durch die Polizei.

Das ist das Problem des Drogenhandels: Die Bosse kommen davon, während es die Ärmsten besonders hart trifft. "Die Typen an der Spitze, die die Gangs in den Ländern anführen, können es sich leisten, Bestechungsgelder zu zahlen. Oft verfügen sie auch über entsprechendes Personal und Bewaffnung, um sich zu verteidigen", sagt Drewry. "Gleichzeitig stehen die Regierungen unter extremen Druck durch die USA. Die verlangen, dass die Länder 'mit harter Hand gegen Drogen vorgehen'. Also müssen Polizei und Armee aktiv werden. Dann trifft es zwangsläufig die Ärmsten."

Wer bereits Erfahrung im illegalen Drogengeschäft gesammelt hat, eignet sich auch fürs legale Geschäft

Der Bericht betont, dass die Forderung zur Legalisierung von Drogen nur der erste Schritt sei. Am Ende komme es vor allem darauf an, wie der regulierte Markt aussieht. "Es wird den Armen nicht helfen, wenn wir den Drogenhandel Grosskonzernen überlassen", sagt Drewry. "Es bräuchte eine ernsthafte und transparente Regierungsbeteiligung. Es gibt kein Allzweckmodell, aber es wäre in jedem Fall begrüssenswert sicherzustellen, dass diejenigen einen Job im legalisierten Geschäft finden, die bereits darin gearbeitet haben. Ausserdem müsste man die Bildung von Monopolen verhindern, wie es bereits in Bolivien und Kalifornien probiert wird."

Drewry sieht in der Legalisierung eine einmalige Gelegenheit. "Wir haben die Chance, einen komplett neuen Sektor aufzubauen. Dabei könnte sogar ein allgemeines Modell für Entwicklungsländer entstehen, die unter ernsthafter Korruption leiden."

Bis es soweit ist, sollten wir weniger auf den milliardenschweren Drogenboss El Chapo blicken und stattdessen den ärmlichen Jungen dahinter sehen: den Farmersohn Joaquín Guzmán aus Badiraguato, Mexiko. Nur wenn wir die Gesetze ändern, können wir die Kinder retten, die gerade in seine Fussstapfen treten.

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This article originally appeared on VICE UK.