'Forza Horizon 3' hat mich vergessen lassen, wie sehr ich Autos hasse

Ich hätte mir nicht gedacht, dass ich jemals den aktiven Wunsch habe, mit einem Chevrolet Corvette Z06 im Sonnenuntergang über sandige Landstraßen zu rasen.

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Sep. 30 2016, 2:00pm

Screenshot vom Autor 'Forza Horizon 3' (c) Microsoft Studios

"Rennspiele, das Spannendste seit Pappe!" Mit diesen Worten hat mir mein Kollege den Review-Code für Forza Horizon 3 weitergeleitet und ich war fast geneigt zuzustimmen—immerhin habe ich schon immer ein massives Desinteresse an Autos und allem drumherum gehabt (mit Ausnahme von K.I.T.T., natürlich).

Ich habe sogar eine dezent irrationale Abneigung gegen die Dinger; sie sind laut, umweltschädlich, ruinieren die Lebensqualität in Großstädten und verkörpern perfekt die ignorant-egoistische Lebensart einer Gesellschaft, in der rücksichtslose Selbstverwirklichung der höchstmögliche Wert ist.

Auf den ersten Blick ist Forza Horizon 3 demnach kein Spiel für mich, sondern durch und durch "Car Porn": Über 350 detailliert und fotorealistisch nachgebildete Modelle verschiedener Epochen und Hersteller sind im Spiel enthalten, und die Kamera lässt keine Gelegenheit aus, jeden Zentimeter ihrer glänzenden Oberflächen lustvoll abzutasten wie in einem Audi-TV-Werbespot.

Mit diesen Maschinen, an denen man natürlich auch basteln darf, brettert man durch Städte, Regenwälder und Wüsten von Australien—ein spektakulär in Szene gesetzter Schauplatz, der einen besonders mit seinen naturalistischen Lichtstimmungen hypnotisiert: Ein Paradies für Screenshot-Fanatiker. Ewig lange Straßen und ihre günstig aufgestellten Sprung-Rampen, mit halbherzig davor aufgestellten "Danger!"-Schildern entlocken mir ein erstes sympathisierendes Schmunzeln.

Alle Screenshots vom Autor 'Forza Horizon 3' (c) Microsoft Studios

Aber gleichzeitig macht mich genau das skeptisch. Wie schafft es Forza Horizon 3 jetzt plötzlich, auch Autoskeptiker wie mich anzusprechen? Der Spaß am Fahren ist zunächst in eine Struktur gebettet, die wir nur zu gut kennen: die feingeölte Open-World-Schablone der Sorte Ubisoft, hinlänglich bekannt aus Assassin's Creed, Shadow of Mordor oder zuletzt Mad Max: Durch die Ummengen an unterschiedlichen Beschäftigungen, die wiederum neue Beschäftigungen freischalten, ist man durch ausgeklügelte mathematische Logarithmen ständig kurz davor, irgendeine In-Game-Belohnung zu bekommen.

Die Grenze zwischen Motivation und öder Wiederholung ist bei diesem Carrot-on-a-Stick-Prinzip stets eine schmale, und entscheidend ist am Ende die Frage, ob die Grundmechanik—in dem Fall das Fahren—etwas ist, das man gern tut. Im Fall von Forza Horizon 3 kann man das nur mit einem "La Cucaracha"-Hupen, dem Lauterdrehen des Hip-Hop-Radiosenders und einem 360-Grad-Drift bei 250 Kilometer pro Stunde beantworten.

Das Fahr- und Geschwindigkeitsgefühl in Forza Horizon 3 ist fabelhaft, und dazu extrem anpassbar. Mit manuellem Schalten und dem akkuraten Schadensmodell aktiviert, fühlt sich das Ganze ziemlich realistisch an. Es ist auch praktisch, dass ich alle Aktionen zurückspulen kann mit der Rewind-Funktion. Ich habe recht schnell bemerkt, dass ich Hilfe brauche, meinen Wagen in Extremfällen unter Kontrolle zu halten. Irgendwann musste ich einsehen, dass man vor Kurven einfach wirklich, WIRKLICH bremsen sollte.

Auch wenn ich kein großer Autofan bin, es gab schon einige solide und coole Rennspiele: Segas Out Run, der dritte Teil von Need for Speed oder das glorreiche Adrenalin-Fest Burnout Revenge. Auch an Stick Shift, in dem man ein homosexuelles Auto befriedigt, war beeindruckend schräg. Aber Forza Horizon 3 ist das erste seiner Art, das ich mit der gleichen Freude spiele, wie meine Rollenspiele und Action-Adventures. Es hat tief in meine autohassende Seele gegriffen und darin eine Ecke gefunden, die sich wünscht mit einer Chevrolet Corvette Z06 im Sonnenuntergang über sandige Landstraßen zu rasen.

MOTHERBOARD: Hentai, Hakenkreuze und zerhackte Beete beim Kampf um den ältesten Minecraft-Server.

Es wäre vielleicht sogar mein Spiel des Jahres, wenn es in seinen Dialogsequenzen und seinem Soundtrack ein bisschen weniger egozentrisches BWL-Studenten-Lebensgefühl rüberbringen würde. Forza Horizon 3 ist das Sunset Overdrive unter den Rennspielen: eine perfekt geölte Spaßmaschine mit dem Gesicht eines gebräunten Fratboys und dem Humor eines Großkonzerns.

Meine Skepsis gegenüber den stinkend motorisierten Ego-Karossen hat sich also nicht wesentlich gebessert, trotz allen Spaßes, den ich mit diesem Titel gehabt habe. So sehr ich manche dieser Autos im Spiel bewundere, ich würde doch niemals so ein Ding besitzen wollen.

Andreas auf Twitter: @schirmsprung

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