Interviews

Dieser Typ ist auf einem 650 Meter langen Seil über eine Schlucht gelaufen

"Mein Ziel ist es, eine Slackline über einem Vulkan zu spannen, der gerade ausbricht und Lava spuckt."

von Johannes Musial
28 Oktober 2016, 7:00am

Alexander Schulz auf einer 375 Meter langen Slackline in China

Immer nur eine Zehenspitze entfernt von der Gefahr: Klingt wie jeder Film von Steven Seagal, gilt aber auch für Alexander Schulz. Der 25-Jährige wohnt in Innsbruck, studiert Geografie und ist einer der weltbesten Slackliner. Auf dünnen Bändern tänzelt er in schwindelerregenden Höhen durch die Luft.

Vor Kurzem ist er 650 Meter auf einem Nylonband über eine Schlucht in Frankreich gelaufen—Weltrekord. Das war aber nicht seine erste außergewöhnliche Aktion: Er lief schon auf Slacklines zwischen riesigen Kalksfelsen in China, über den Colorado River und zwischen Ski-Gondeln an der Zugspitze.

Wir haben mit ihm gesprochen, über seinen Rekord, über Ängste und eine Aktion, bei dem selbst ihm das Herz stehen blieb.

Der Slackliner Alexander Schulz | Foto: Johannes Olszewski

VICE: Glückwunsch zum Weltrekord! Wie schwer war das?
Alexander: Es war sehr anstrengend, die schwerste Line, die ich je gelaufen bin. Ich habe es zweimal versucht. Beim ersten Versuch war es unmöglich, ein starker Sturm hat die Line etwa 100 Meter zur Seite gedrückt. Beim zweiten Mal war es dann fast windstill und ich bin die Strecke in 45 Minuten gelaufen. Das war zwar auch körperlich anstrengend, aber vor allem mental. Man darf sich von nichts ablenken lassen und muss ruhig bleiben.

Und wie schaffst du das?
Mit einer entspannten Atmung und indem ich mir gut zurede. Wenn es besonders schwer wird, spreche ich es laut aus. "Auf geht's!", rufe ich dann. Oder: "Allez!". Dadurch bekomme ich neue Energie und Zuversicht.

Alexander Schulz beim Weltrekordversuch in Frankreich | Foto: One Inch Dreams

Wie spannt man überhaupt eine 650 Meter lange Slackline über eine Schlucht?
Das ist ein ganz schöner Aufwand. Beim ersten Mal haben wir eineinhalb Tage gebraucht, beim zweiten Mal nur einen Tag. Dafür brauchten wir eine Drohne, weil zwischen den Bergen dichter Wald ist. Wir haben damit eine Angelschnur über die Schlucht geflogen, dann vier immer dickere Schnüre und am Ende die Slackline knapp über den Baumwipfeln rübergezogen. Die Ausrüstung wiegt insgesamt 90 Kilo.

Was ist, wenn du fällst?
Ich habe einen Klettergurt an und bin mit einem zwei Meter langem Seil an der Slackline und dem Reserveseil gesichert. Wenn ich falle, werde ich davon aufgefangen und muss mich nur wieder hochziehen.

Was denkt man hunderte Meter über dem Boden auf einer nur 2,5 Zentimeter breiten Schnur?
Nicht viel, man muss sich konzentrieren. Wenn ich mich wohl fühle, kann ich aber auch bewusst die Umgebung genießen: "Wie schön ist dieser Ort, dieser Lavafelsen!" Ich mag es, mich ausgesetzt zu fühlen in der Höhe. Das ist ein Gefühl der Freiheit—ich würde es mit Fliegen vergleichen. Deshalb mache ich das. Den Wind auf der Haut spüren und auf der Line durch die Luft schwingen. Manchmal fliegen auch Vögel um mich herum. Das genieße ich voll, so finde ich zu mir.

Alexander Schulz auf einer Slackline zwischen den Seilbahnkabinen der Zugspitze | Foto: One Inch Dreams

Was ist so besonders am Slacklinen?
Nirgendwo muss man sich so intensiv mit sich selbst auseinandersetzen. Die eigenen Ängste und Gefühle kennenlernen. Sie zu akzeptieren und unter Kontrolle zu kriegen, das ist die große Herausforderung, das ist der Reiz.

Wie viel Angst hast du dort oben?
Wenn man auf die Line steigt, schlägt das Herz schneller, der Puls geht nach oben. Angst kann man aber trainieren. Ich habe über die Jahre gelernt, sie zu unterdrücken.

Vor was hast du sonst Angst?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich keine Ängste habe. Ich bin ein Perfektionist, fürchte mich deshalb davor, zu scheitern oder Leute zu enttäuschen. Erst das Slacklinen hat mir gezeigt: Es ist OK zu scheitern. Am Anfang fällt man andauernd runter und auch später ist das normal. Man muss mit Misserfolgen umgehen können.

In Mexiko fliegt ein Stuntpilot unter Alexander Schulz hindurch | Foto: Altius

Was ist das Verrückteste, was dir beim Slacklinen passiert ist?
Man hat uns vor einem Jahr nach Mexiko eingeladen, um dort eine Line zu spannen. Dann sollte da noch ein Flugzeug drunter durchfliegen. Ich dachte, das sei ein Scherz. Der ist aber mit Drehungen und einem Looping unter mir durchgeflogen, während ich auf der Slackline war. Das schüttet ganz schön Adrenalin aus, wenn das Flugzeug auf dich zukommt.

Hast du schon Pläne, wie du deinen Weltrekord toppen willst?
Viele. Ich will bald 1,2 Kilometer auf einer Slackline laufen und auf einem 5500 Meter hohem Berg. Mein ultimatives Ziel ist es aber, eine Slackline über einem Vulkan zu spannen, der gerade ausbricht und Lava spuckt.

Mehr über Alexander Schulz findet ihr hier.