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Wie fühlt es sich an, jemanden zu töten?

Die Geschichten von vier Menschen, die alle auf irgendeine Weise den Tod einer anderen Person verursacht haben.

von Julian Morgans
19 Februar 2015, 8:43am

Allgemein herrscht die Ansicht, die westliche Gesellschaft sei so weit von den Themen Tod und Sterben entfernt wie eh und je, trotz all der Gewaltverherrlichung in den Medien. Aber wie ist es wirklich, jemandem das Leben zu nehmen? Was sind die Feinheiten des Tötens, die Hollywood nicht so ganz einfängt? Nach vielen Anrufen und Stunden der Internetrecherche habe ich vier Menschen gefunden, die alle in irgendeiner Form den Tod einer anderen Person verursacht haben und die bereit waren, mit mir darüber zu sprechen. Hier sind ihre Geschichten, in ihren eigenen Worten. (Alle Namen und Angaben, die auf die Identität der Erzähler schließen lassen, wurden entfernt oder geändert.)


Der Fahrer

Der schlimmste Moment meines Lebens geschah im Sommer 2014 gegen 21:30 Uhr. Ich fuhr gerade nach Hause, durch einen Stadtteil mit Striplokalen und billigen Hotels, wo es ein bisschen dunkel ist. Ich bog um eine Ecke und sah einen älteren Mann, Ende 50 bis Anfang 60, graues Haar, groß und schlaksig. Ich dachte: „Scheiße, ich werd' diesen Typen anfahren." Ich hupte und er hatte genug Zeit, um zu rennen, aber er lief einfach in derselben Geschwindigkeit weiter. Also trat ich das Bremspedal durch, versuchte auszuweichen, aber ich erwischte ihn.

Man hörte das Quietschen der Bremsen, das Klirren von Glas und Metall, das eingedrückt wurde. Alles in weniger als einer Sekunde. Ich sprang aus dem Auto, um zu sehen, ob er in Ordnung war, aber er war bewusstlos und sein rechtes Bein war am Schienbein nach rechts geschmettert worden. Einige Leute hielten an und jemand fragte mich, was wir tun sollten. Ich sagte ihm, er solle den Notruf wählen.

Später, nachdem ich zu Hause angekommen war, bekam mein Vater einen Anruf von der Polizei; sie sagten ihm, der Mann sei gestorben. In den darauffolgenden Tagen versuchte ich, mein normales Leben weiterzuführen, und erzählte es so wenigen Leuten wie möglich. Meine Mutter hatte da allerdings ganz andere Vorstellungen und erzählte es der gesamten erweiterten Familie. Meine Schwester heiratete zwei Wochen darauf und alle umarmten mich und sagten mir, ich hätte nichts falsch gemacht. Ich wollt einfach nur, dass alles wieder so ist wie vorher. Aber das ist das Komische am Vergessen: Du kannst nicht vergessen, wenn du vergessen willst. Ich denke immer noch jeden Tag an diesen Mann. Was würde er gerade tun, wenn ich nicht gewesen wäre?

Ich bekomme einen Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung, aber der Fall kam noch nicht vor Gericht. Wenn ich daraus eins gelernt habe, dann ist das, nicht bei Rot über die Ampel zu gehen. Ernsthaft, lauft einfach da, wo es sicher ist.

Der Soldat

Ich komme aus einer Kleinstadt. Ich war 2005 mit der High School fertig und war voll bis oben hin mit Testosteron, also ging ich natürlich zur Army und meldete mich freiwillig für den Spähtrupp des Bataillons. Diese Typen leben mit der Einstellung: „Wir sind besser als ihr, weil wir hohe Ansprüche an uns selbst haben." Das führt zu einer Mentalität wie in der High School, wo niemand der Letzte sein will, der seine Jungfräulichkeit verliert. Wir wetteiferten um den ersten Abschuss des Einsatzes. Man dachte nicht darüber nach, wie es sein würde, ein Leben zu nehmen, oder wie man sich hinterher vielleicht fühlt.

Bei mir passierte es am Vorabend des Muttertags 2007. Ich erinnere mich nur, wie ich mit meinem Gruppenleiter und meinem Zimmergenossen aufstand, durch das Visier meines Gewehrs sah und auf diese Typen feuerte, die sich hinter einem Mörser versteckten. Als der erste Typ aufstand, war es wie ein Übungsziel aus Plastik, das hochschnellt. Ich schoss einfach. Als der Staub sich legte, hatten wir sechs Rebellen auf dem Schlachtfeld getötet. Zwei weitere starben in einem Krankenhaus.

Verbündete Einheiten kamen und bargen ihre Leichen, und als wir zum Trupp zurückkehrten, beglückwünschten uns alle. Aber Wochen später, als der Einsatz sich in die Länge zog, fing ich langsam an, die entstellten Gesichter der Männer, die wir getötet hatten, als menschlich anzusehen. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, ob es ein winziges irakisches Mädchen gibt, das zu Hause sitzt und weint, weil Papa nicht nach Hause gekommen ist, oder ob es eine Frau gibt, deren Ehemann jetzt für immer weg ist.

Ich war schon so lange dort gewesen, dass mir der Tod egal geworden war. Ich hatte keine Angst und akzeptierte einfach alles. Aber als mir klar wurde, dass ich ein menschliches Wesen vollständig und unwiederbringlich ausgelöscht hatte, war es reine seelische Folter, und es ließ die Gefahr, da draußen getötet zu werden, wieder sehr real erscheinen.

Der Sohn

Meine Eltern trennten sich, als ich vier war, aber er war immer noch Teil meines Lebens. Feiertagsessen waren immer unser Ding. An Silvester und am vierten Juli unterhielten sich mein Vater und ich immer über die Geschichte der USA und der Welt, während wir auf dem Bootssteg saßen und uns das Feuerwerk über San Francisco ansahen. Jedes Jahr bis letztes Jahr.

Am Ende war seine Lunge dabei zu versagen und er bekam nicht genug Sauerstoff. Am Tag bevor sie ihn ins Hospiz einwiesen, setzten die Ärzte einen Termin an, um zu besprechen, was nun zu tun war. Er wollte nicht künstlich beatmet werden und viel mehr konnten sie nicht tun.

Vielleicht vier Stunden bevor er starb, sagte er mir, ich solle mich aufsetzen. Er nahm mich bei den Händen und sagte: „Ich ... ich glaube, ich will den Sauerstoff abstellen." Er umarmte mich und nahm seine Maske ab. Ich bat die Krankenpflegerin zu gehen. Dann half ich ihm, sich zurückzulehnen, und hielt seine Hand.

Ich weiß nicht mehr, wann seine Augen aufhörten, sich zu bewegen, aber sie schlossen sich nicht. Er atmete immer noch, langsamer, aber er versuchte es nicht, war nicht mehr da. Da bemerkte ich, dass seine Hand nun ganz schlaff war, noch mehr als wenn man schläft. In meinem Kopf wiederholte ich einfach immer wieder: „Du warst mein ganzes Leben lang für mich da und ich bin für dich da, bis zum Ende." Und dann schließlich: „Ich werde es wirklich vermissen, mit dir zu reden."

Nachdem ich einfach irgendwie im Zimmer rumgelaufen war, die Hände auf dem Kopf, und mich gefragt hatte „Was zur Hölle jetzt?", tat ich all seine Sachen in einen Müllsack und brachte ihn nach draußen. Ich habe mich ihm gegenüber richtig verhalten, keine Frage. Er hat die Entscheidung selbst getroffen, ich habe ihm nur geholfen, sie in die Tat umzusetzen. Ich bin unglaublich stolz auf ihn, dass er mich nicht gezwungen hat, die Entscheidung alleine zu treffen.

Der Teenager

Diese Geschichte hat sich in einer ländlichen Gegend zugetragen. Ich war 18, aber ich bin nie die Art Person gewesen, die ausgeht und Partys besucht, also war ich alleine zu Hause und surfte im Internet. Gegen neun Uhr hörte ich, wie das Fenster im Wohnzimmer eingeschlagen wurde.

Ehrlich, ich erinnere mich nicht, dass ich viel darüber nachgedacht hätte, was zu tun ist. Ich ging einfach zu meiner ungeladenen Flinte unter meinem Bett, schnappte mir die vier Patronen aus dem Nachttisch und lud sie, ohne den Schlitten durchzuziehen. Nachdem ich meine Verteidigungsposition vorbereitet hatte, wählte ich den Notruf und sagte der Frau am anderen Ende, dass ein Eindringling in meinem Haus ist. Sie war gerade dabei, mir zu sagen, ich solle nicht gegen ihn vorgehen, als der Einbrecher durch meine Schlafzimmertür brach. Ich hatte meine Flinte direkt auf seinen Masseschwerpunkt gerichtet. Ich lud durch und schrie, dass er sich davonmachen sollte. Er stand einfach nur da und starrte, als würde er seine Chancen abschätzen. Dann bewegte er sich plötzlich und zog eine Pistole aus seinem Hosenbund.

Dieser Teil macht mir Sorgen: Ich zögerte keine Sekunde. Sobald seine Hand sich um die Pistole schloss, feuerte ich. Der erste Schuss zerstörte seine Brusthöhle und seine Wirbelsäule. Er kollabierte. Der zweite Schuss blies den Großteil seines Kopfs weg. Die Notruftelefonistin rief immer wieder, ich solle antworten. Sie war erschüttert von dem, was passierte, und sie war sehr erleichtert, als sie meine Stimme am anderen Ende hörte. Ich sagte ihr einfach, dass ich in Ordnung war und der Einbrecher tot. Sie blieb in der Leitung bis die Polizisten da waren.

Danach ging ich mit meinem Großvater auf die Veranda. Ich weiß nur noch, dass ich mich übergab und weinte. Ich bin überhaupt nicht glücklich darüber, dass ich ein Leben genommen habe. Es ist gegen die menschliche Natur, das zu nehmen, was Gott jedem Mann und jeder Frau gegeben hat. Aber wenn ich nochmal in dieser Situation wäre, dann würde ich immer noch feuern. Ich werde mein Leben und die Menschen, die ich liebe, verteidigen.

Illustrationen von Molly Rose Dyson.

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