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Ich wollte Gottes Wort verbreiten und habe dadurch nur meinen eigenen Glauben verloren

Wenn man sich seinen Kommilitonen als „Mat, der Christ" vorstellt, ist es schwer Freunde zu finden.

von Mat Drogemuller
29 Februar 2016, 5:36am

Alle Illustrationen von Michael Dockery

Wenn du denkst, der Studienanfang sei schwer, dann versuch es doch mal als 17-jährige Jungfrau, die gerade durch eine Trennung geht und gleichzeitig Gottes Wort in einer unglaublich überheblichen und abgehobenen Art predigt.

Ich hatte Religion erst wenige Monate zuvor durch meine damalige Freundin für mich entdeckt. Meine neue Leidenschaft hatte mich dann zu der einzigen Kirche meiner kleinen abgelegenen Ortschaft in South Australia geführt, in der das Durchschnittsalter der Gemeindemitglieder unter 50 war. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eine Pfingstkirche. Zu der Zeit, als ich aufs College wechselte, befand ich mich dann dementsprechend auch am Höhepunkt meiner Jesusphase.

Ich begann meine Zeit als Student dann auch prompt mit einem Akt der Rebellion: Ich übersprang die Einführungswoche. Schließlich hatte ich bessere Dinge zu tun, wie zum Beispiel das komplette Alte Testament zu lesen. Abgesehen davon schien es kaum andere Christen an der Uni zu geben, abgesehen von den paar Leuten, die am Informationsstand der Evangelical Students saßen, und die sehen ziemlich gruselig aus. Ja, ich sagte ja schon, dass ich ziemlich überheblich war. Damals wusste ich auch noch nicht, dass ich kein Jahr später selbst einer dieser übertrieben lächelnden Typen sein würde, die verzweifelt versuchen, unschuldige Passanten in „ein Gespräch über Gott" zu verwickeln.

Mein erstes Jahr an der Uni lief dann auch nicht besonders gut. Als der Unterricht endlich anfing, stellte ich mich in den Seminaren als „Mat, der Christ" vor und fing an, ein selbstgebasteltes „I heart Jesus"-T-Shirt zu tragen. Dann machte meine Christen-Freundin mit mir Schluss. Ich war plötzlich allein und suchte verzweifelt nach Anschluss. Ich wandte mich also an die einzigen Leute, die mir geblieben waren: die anderen Jesus Freaks.

Sie hatten einen eigenen Raum im „Oasis", dem religiösen Knotenpunkt der Universität, der sich durch seine geschmacklose Einrichtung auszeichnete und obendrein noch stank wie ein verstaubter Beichtstuhl. Am Eingang standen verteilt ein paar ramponierte Sofas, auf denen man es sich bequem machen und durch Bücher blättern konnte—die Bibliothek umfasste alles von Buddhismus bis hin zum Papst. Bei meinem ersten Besuch lasen wir zusammen die Bibel und redeten über Evolution. Die Evolution war zu der Zeit ein äußerst wichtiges Thema für mich, weil ich gerade vor der Entscheidung stand, Genesis als guter Christ wörtlich zu verstehen und daran zu glauben, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hatte—was sich offensichtlich mit der modernen Wissenschaft nur schwer vereinen lässt. Der Anführer der Gruppe allerdings, ein etwas älterer, ungepflegter Typ, der aussah, als ob er in einem Antiquariat arbeiten würde, war fest davon überzeugt, dass die Prinzipien der Evolution (das Überleben des Stärkeren) mit der unergründlichen Liebe unseres alten Kumpels Jesus nicht vereinbar seien. Ich kam mit den anderen Jesus-Leuten zwar auch nicht so gut aus, aber insgesamt waren sie doch nett und recht gastfreundlich.

Ein paar Wochen später befand ich mich in einem Gespräch mit anderen nicht-Jesus Freaks. Einer sagte „Jesus!" und ich bat ihn sofort darum, den Namen des Herren bitte nie wieder sinnlos in den Mund zu nehmen. Man schenkte mir daraufhin einen verwirrten, leicht von Abscheu gezeichneten Blick und von da an war mir klar, dass ich nie von den restlichen Studierenden akzeptiert werden würde. Viele Menschen würden an so einem Punkt wahrscheinlich ihre eigene Einstellung überdenken, aber nicht ich. Stattdessen entschloss ich mich, aufs Ganze zu gehen, und bat darum, vor Beginn unserer Vorlesung über Eigentumsrecht vor dem versammelten Hörsaal reden zu dürfen.

Ich stellte mich also vor meine etwa hundert Kommilitonen und lud alle dazu ein, an unserer wöchentlichen Diskussionsrunde darüber teilzunehmen, ob Jesus tatsächlich gelebt hat (du glaubst gar nicht, welchen Standpunkt ich darin vertrat). Wie zu erwarten, kam mein Aufruf nicht gut an. Als Antwort auf meine Einladung erntete ich bloß Stille und peinliche Blicke und so zog ich mich in die hinterste Reihe des Saals zurück.

Bald darauf stand schon der Jahres-Höhepunkt eines jeden evangelikalen Universitätsstudenten ins Haus: die Religionswoche. Wir hatten Pläne geschmiedet, wie wir die komplette Studentenschaft mit den wunderbaren Worten Gottes erreichen würden. Wir legten uns richtig ins Zeug: Wir hatten Poster, wir hatten Stände, wir hatten Diskussionsgruppen und wir hatten Treffen—und natürlich brachte nichts davon auch nur irgendetwas. „No one was saved", wie Paul McCartney sagen würde. Wir klammerten uns aber an unserem Glauben fest und sagten uns selbst: „Nächstes Jahr dann! Nächstes Jahr läuft das viel besser!"

Mit einem Optimismus, der von nichts in der Realität gestützt wurde (wir reden hier immerhin von Religion), meldete ich mich freiwillig, um unseren Stand in der Orientierungswoche für die nächsten Erstsemester zu leiten. Ich dachte damals gar nicht so viel darüber nach, aber irgendwie schloss sich hier der Kreis. Wir bauten den netten Tisch mit unseren Flyern, dem verstörend-netten Lächeln, Polohemden und Sandalen auf. Wir sagten „Hi!" zu Leuten. Wir riefen die Leute rüber. Wir hatten so viele tollen Argumente und überhaupt! Wir hatten großartige Dinge über Gott zu sagen—und niemanden interessierte es einen Scheiß. Jeder lief einfach an uns vorbei. Man mied uns wie die Pest. Selbst der studentische Anführer der jungen Sozialdemokraten strafte uns mit einem bösen Blick.

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Irgendwann zwischen dieser grauenvollen Schicht bei der Orientierungswoche und dem darauffolgenden Semester sagte ich mich von der Religion los. Ich habe zwar auch letztes Jahr für VICE einen ausführlichen Artikel darüber geschrieben, aber so viel soll an dieser Stelle gesagt sein: Es war eine absolute Erleichterung. Ich versuche nicht mehr, potenziellen Freunden meinen Glauben aufzuzwingen; ich fühle mich nicht mehr schuldig, wenn ich nicht genug über Jesus spreche, und ich muss keine emotional aufreibenden Schichten mehr an diesen Ständen schieben. Natürlich war es viel zu spät, um meinen Ruf an der Uni noch irgendwie zu retten, aber zumindest konnte ich nicht noch tiefer sinken.

Nein, einer Studierendenvereinigung beizutreten, war nicht gerade die beste Erfahrung meines Lebens. Tatsächlich war es sogar eins der demütigendsten, erniedrigendsten und demolarisierendsten Dinge, für die ich mich jemals freiwillig gemeldet habe. Die Erinnerungen daran werden mich für immer verfolgen. Heutzutage fühle ich großes Mitleid mit diesen es-gut-meinenden-aber-schon-bald-desillusionierten Menschen, die an diesen Ständen sitzen—und das solltest du auch. Trotzdem tue ich mein Bestes, um im Vorbeigehen den Augenkontakt zu vermeiden.