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In der Spielhölle

Alles ist möglich—solange du spielst

In Österreich sind extrem viele Menschen süchtig. Nach Alkohol, Nikotin, Glücksspiel und unendlich anderen Dingen. Ich wollte wissen, wie (leicht) man süchtig wird und was man dagegen tun kann.

von Hanna Herbst
31 Oktober 2013, 1:00pm

Foto von Jorge Quinteros

Es fällt mir ziemlich schwer, nachzuvollziehen, wie es sich anfühlt, nach etwas süchtig zu sein. Also so richtig. Wahrscheinlich, weil ich einfach nie eine Sucht hatte (abgesehen vom gelegentlichen Binge-Watching neuer Serien, das aber auch irgendwann aufhört—spätestens, wenn die Serie vorbei ist, oder alle Charaktere tot sind, die ich mochte). Aber wenn man jemandem seine Sucht ansieht, weil der Körper von Alkohol und Drogen schon so offensichtlich kaputt ist, oder ein bisschen offensichtlicher: weil er gerade eine Nadel im Arm stecken hat (was in Wien leider nicht so selten zu sehen ist), dann fühlt man sich doch ziemlich schlecht und ist froh, selbst nie in so etwas reingerutscht zu sein.

Aber erkennt man einen Spielsüchtigen, wenn man nicht gerade im Admiral hinter der Bar steht und täglich dieselben Gesichter sieht? Ich wüsste nicht, jemals bewusst einen gesehen zu haben. Dabei gibt es zirka doppelt so viele Spielsüchtige in Österreich wie es Drogensüchtige gibt. Und von denen sieht man täglich mehr als genug. Nun wurde eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass der Staat nur sehr wenig Geld in die Suchtforschung steckt, durch Steuern auf Alkohol, Nikotin oder Glücksspiel aber Unmengen an Geld einnimmt. So kosten Spielsüchtige den Staat zwar zehn Millionen Euro, gleichzeitig nimmt er aber allein mit Glücksspiel 270 Millionen Euro jährlich ein. Wieso sollte der Staat als Interesse daran haben, Süchtigen zu helfen? Ich wollte wissen, wie (leicht) man eine Sucht entwickelt, inwiefern sich Spielsucht zur Alkohol- oder Drogensucht unterscheidet und was ihre Ursachen und Auswirkungen sind. Also habe ich mit Prim. Dr. Olaf Rossiwall, Leiter des Instituts für Psychosomatik der Emco Privatklinik, Bad Dürrnberg, Hallein gesprochen.

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VICE: Wie entwickelt man eine Sucht?
Olaf Rossiwall: Suchtverhalten ist komplex. Seit vielen Jahren wird nach dem Sucht-Gen geforscht. Übereinstimmend wird heute von zirka 50 (!) Prozent genetischer Ursachen von Sucht gesprochen. Es ist jedoch nicht ein Gen, das für jede Sucht verantwortlich ist, sondern eher ein Zusammentreffen verschiedener Besonderheiten, die Suchtverhalten begünstigen: die eine oder andere Substanz, ein Verhalten, ein mehr oder weniger dafür empfänglicher Mensch und eine Gesellschaft die etwas gut heißt oder verurteilt—wie man beim Rauchen sehen kann. Eine Theorie zum Risiko des Einzelnen, eine Sucht zu entwickeln, ist beispielsweise das Reward Deficiency Syndrome. Menschen, die ein geschwächtes Belohnungssystem in ihrem Gehirn haben, sind sehr anfällig dafür, eine Substanz oder ein Verhalten zu entdecken, das dieses Belohnungssystem ankurbelt.

Unterscheidet sich Spielsucht von anderen Suchtformen?
Da gibt es kaum einen Unterschied. Die modernen bildgebenden Verfahren zeigen ganz deutlich, dass im Kopf dasselbe passiert, wenn jemand Heroin konsumiert oder seine Spielsucht befriedigt. Die körperlichen und sozialen Folgen sind allerdings verschieden. In Österreich besteht noch eine andere Besonderheit: Spielsucht wird im Diagnosenverzeichnis der WHO noch nicht als Suchterkrankung gelistet, sondern so wie zwanghaftes Ausreissen von Haaren oder Stehlen als Störung der Impulskontrolle.

Gibt es bestimmte Prädispositionen, die einen Menschen anfälliger machen, eine (Spiel)Sucht zu entwickeln?
Wie gesagt—die ererbte Veranlagung. Aber auch zusätzlich vorhandene andere psychische Besonderheiten, wie zum Beispiel seit der Kindheit bestehende Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störungen oder Depressionen. Die leichte Erreichbarkeit des Suchtmittels spielt ebenfalls eine Rolle.

Ab wann ist es eine Sucht? Bis wann ist Spielen „normal“?
Die Suchtkriterien beschreiben das unüberwindbare Verlangen, die Schwierigkeiten den Konsum zu kontrollieren (vor allem in Hinblick auf Menge, Beginn und Ende) und die Toleranzbildung—also immer mehr vom Suchtmittel wird benötigt, um eine ausreichende Wirkung zu erzielen. Dazu gehören die Vernachlässigung anderer Aktivitäten, Verpflichtungen und Vergnügen, aber auch Entzugserscheinungen. 

Wie viele Menschen sind betroffen?
Die Zahlen sind oft sehr verschieden. 80 000 kommt ganz gut hin. Die Zahl der Behandlungsbedürftigen würde ich auf zirka 40 000 einschätzen. Höhere Angaben überschneiden sich zu einem großen Teil mit Alkoholkranken und vielen anderen psychisch Kranken. Da ist die Frage eher, ob nicht das Spielen ein Symptom der anderen Störung ist. Zum Beipiel Manie oder Boderline-Syndrom. Besonders schwer ist abzuschätzen, wie viele Internetgamer süchtig sind.

80 bis 90 Prozent der Spielsüchtigen haben mit Automaten angefangen. Foto von bass_nroll

Ist Spielsucht eine weit verbreitete Sucht, auch im Vergleich zu anderen?
Wenn man es mit 300 000 bis 500 000 Alkoholabhängigen vergleicht, nein. Auch 150 000 Menschen, die süchtig nach Beruhigungsmitteln sind, machen eine viel größere Gruppe aus. „Klassisch“ Drogensüchtige gibt es etwa gleich viele wie Spielsüchtige.

Männer sind anscheinend öfter betroffen als Frauen. Wie kommt das?
Überwiegend ist das genetisch bedingt. Wohl aber auch, weil das Verhalten bei Männern eher akzeptiert wird.

Was kann man als Angehöriger tun?
Zuerst einmal sich und sein eigenes Wohlergehen schützen. Wenn man es bemerkt, dann ist es höchste Zeit, auf die eigene materielle Sicherheit zu schauen und die Täuschungs- und Ablenkungsmanöver nicht zu beachten, sowie den Betroffenen zu konfrontieren, anstatt durch Verschweigen ein idealer Co-Abhängiger zu sein. In weiterer Folge natürlich auch Beratungen aufsuchen.

Wie heilt man Spielsucht?
Ähnlich wie andere Süchte auch: zuerst Motivieren, dann „entziehen“ und dann alles tun, um die Abstinenz zu fördern. Die klare Abmachung, was bei Rückfällen passieren soll, ist auch wichtig zu klären. In mehreren Bundesländern gibt es Spezialambulanzen und in einzelnen Sonderkrankenhäusern für Suchterkrankungen auch stationäre Behandlungsangebote. Eine gute Zusammenstellung der Hilfsangebote finden wir auf der Website des—schau, schau—Finanzministeriums.
Die Selbsthilfeaktivitäten funktionieren leider nicht ganz so gut wie beispielsweise bei Alkoholkranken. Sind doch die AA die weltweit erfolgreichste „Institution“ gegen Alkoholismus, so kam es bei den Anonymen Spielern schon vor, dass Rückfällige mit der Gruppen- oder Vereinskasse ins nächste Casino durchgebrannt sind.

Macht es Sinn, Glücksspiel zu verbieten?
Gegenfrage: Warum bringt Prohibition nichts bei Alkohol? Außerdem ist es eine politische Frage. Je leichter verfügbar ein Suchtmittel ist, desto mehr Süchtige gibt es. Das würde für ein Verbot sprechen. Die Politik hat sich ja bei der Nikotinabhängigkeit langsam den Abstinenten zugewendet. Vielleicht wird ohne Verbot der erschwerte Zugang ein viel besseres Steuerungsinstrument, das etwas demokratieverträglicher ist. In China wurden die Anbieter von Online-Spielen verpflichtet, den Zugang nach drei Stunden für mindestens vier Stunden unmöglich zu machen, nachdem es schon Todesfälle von Jugendlichen gab, die durch stundenlanges Sitzen im Schneidersitz und gleichzeitiges Vergessen auf Trinken an einer Lungenembolie verstorben sind.
 

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