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Was ich durch meine Schulzeit mit „Jihadi John“ über Radikalisierung gelernt habe

Weiße Lehrer aus der Mittelschicht eignen sich einfach nicht dafür, Extremismus einzudämmen.

von Nile Rice
20 März 2015, 9:00am

Jihadi John in einem IS-Video

Die Quintin Kynaston Community Academy im Londoner Stadtteil St. John's Wood hat schon des öfteren Charaktere hervorgebracht, die gefundenes Fressen für die mediale Darstellung und die öffentliche Wahrnehmung von Londons armer und gestörter Jugend waren. In den 80er Jahren handelte es sich dabei um Madness-Frontmann Suggs (deren Hit Baggy Trousers handelt von der Quintin Kynaston-Schule), im neuen Millennium kam dann Tulisa Contostavlos von N-Dubz dazu und jetzt reiht sich da noch Mohammed Emwazi aka „Jihadi John" ein—der Henker und makabere Star in mehreren IS-Hinrichtungsvideos.

Bevor Jihadi John als Emwazi und damit auch als Absolvent der Schule erkannt wurde, meinte ich scherzhaft zu einem Freund: „Ich wette, der war auf der Quintin Kynaston." Denn wenn eine Schule einen Jihadi John hervorbringen kann, dann auf jeden Fall unsere—das war uns allen bewusst. Als ich las, dass Emwazi wirklich die Quintin Kynaston besucht hatte, war meine Reaktion eine Art Schock—nicht, weil ich es nicht glauben konnte, sondern weil ich mit meiner Intuition richtig lag.

Emwazi ist nicht der einzige Quintin Kynaston-Absolvent, der sich vom Londoner Schuljungen zum internationalen Dschihadisten gewandelt hat. Es wurden auch noch zwei andere ehemalige Schüler identifiziert, die ins Ausland gegangen sind, um dort zu kämpfen. Mohammed Sakr schloss sich in Somalia der al-Shabaab-Miliz an und Choukri Ellekhlifi griff in Syrien zur Waffe. Beide sind inzwischen tot.

Emwazis „Demaskierung" kam direkt nach der Flucht von drei Londoner Schülerinnen in Richtung Syrien. Dieses Phänomen, bei dem unserer Meinung nach Jugendliche in die Hand beißen, die sie füttert, hat sich nun quasi zu einer existenziellen Frage entwickelt: Was macht das Dasein als Brite aus? Was bewegt manche junge Leute dazu, wegzugehen und zu schwören, das Land zu zerstören, in dem sie aufgewachsen sind?

Solche Fragen sind mir im Kopf rumgegangen, als Emwazis Identität aufgedeckt wurde und ich so erfuhr, dass ich in der Tat mit diesem Menschen zur Schule gegangen bin. Wir waren sogar mal Nachbarn.

Immer mehr Informationen wurden publik gemacht und mir so der Rest unserer Berührungspunkte aufgezeigt. Nichts bereitet mir mehr Bauchschmerzen als die Vorstellung von Emwazi, als wir gemeinsam in die siebte Klasse gingen, er mit den gleichen Brettspielen wie ich spielte und er nur einen Tisch weiter saß.

In der Nacht, in der die ganze Geschichte rauskam, schrieb mir ein Freund eine schockierte Nachricht: Ihm wurde klar, dass er ihn persönlich gekannt hatte. Mein Freund und ich haben manchmal den Unterricht sausen lassen, um mit anderen Jungs Fußball zu spielen—darunter auch Emwazi.

Dieser von mir vergessene Umstand führte mir vor Augen, dass der Emwazi, mit dem ich zur Schule ging, Fußball spielte und bei mir zu Hause abhing, so irrelevant gewesen ist, dass ich mich nicht mal mehr an ihn erinnert habe. Er war kein geselliger oder charismatischer Mensch, aber jetzt auch kein Einzelgänger oder Außenseiter—Worte, die wir gerne für Mörder verwenden, um zu rechtfertigen, warum wir das Ganze nicht haben kommen sehen. Er war einfach jemand, den man schnell vergisst.

Nicht so irrelevant sind jedoch die Erfahrungen, die in Emwazi und zwei anderen Schülern der Quintin Kynaston den Wunsch aufkommen ließen, für den IS oder die al-Shabaab-Miliz zu kämpfen—und das Ganze dann auch wirklich durchzuziehen.

Die Quintin Kynaston befindet sich zwar in der vornehmen Gegend St. John's Wood, aber die Schüler kommen eher aus den sozial benachteiligten Teilen Londons—viele stammen dazu noch aus Immigranten-Familien und leben in ärmlichen Verhältnissen. 2006 nutzte Tony Blair die Quintin Kynaston als Bühne für die Ankündigung des Zeitplans seines Rücktritts. Als „Aushängeschild" für das zukünftige Bildungssystem sollte die Schule stellvertretend für seine „Bildung, Bildung, Bildung"-Agenda stehen. Sie war das Versuchskaninchen für eine Top-Down-Reform mit neuer Struktur, die dem privaten Sektor nachempfunden war, bei der der Fokus auf die Verwaltung gelegt wurde und bei der man auch kommerziellen Sponsoren offen gegenüberstand.

Und dann gab es da auch noch die demografischen Gegebenheiten: Die große Anzahl an kosovarisch-muslimischen Schülern sollte für Blairs eingreifende Politik dankbar sein. Das Bild von Blair zusammen mit muslimischen Kindern, die sich über seinen Besuch freuen, wäre dabei Kalkül in Perfektion gewesen. Durch den Ort seiner Rücktrittsankündigung sendete Blair ein unmissverständliches Signal im Bezug auf das, für was er in Erinnerung behalten werden wollte.

Besagte Ankündigung verlief jedoch nicht nach Plan. Vor der Schule hielten sich trotz der Anweisungen der Ordner immer noch Schüler auf. Halb angestachelt durch Aktivisten und halb aus eigenen Stücken fingen sie dann an, „Blair der Mörder" oder „Raus mit Blair" zu rufen. Die Gegend war mit Bildern eines blutverschmierten Tony Blairs zugepflastert. Im Grunde handelte es sich bei dem Ganzen um die Quintin Kynaston-Schule in einem Mikrokosmos: viel gelobt und dennoch unberechenbar—manchmal sogar unkontrollierbar.

Die Reformen verbesserten zwar die Noten und die allgemeine Schulleistung, aber die grundlegenderen Probleme blieben unbeachtet. Nach der Enthüllung seiner Identität wurde Emwazi von seinen ehemaligen Lehrern als „fleißig" beschrieben. Seine Noten reichten zwar für eine Zulassung zum Studium, aber eigentlich beweist das nur, dass akademischer Erfolg kein Anzeichen für einen moralischen Charakter ist und auch nicht vor einer Radikalisierung schützt.

Ich weiß noch, wie ein Schüler einen Lehrer als „Juden" beschimpfte und dieser Lehrer dem Schüler daraufhin das gleiche Wort an den Kopf warf.



Die Lehrerbelegschaft sah sich oft mit Schülern konfrontiert, die absolut keinen Respekt zeigten. Ich habe Artikel gelesen, in denen „enthüllt" wird, dass Emwazi „Jude" als Schimpfwort benutzt und sich öfters in antisemitischen Schimpftiraden verloren hat. Für jeden, der selbst auf diese Schule ging, war das jedoch keine Enthüllung. „Jude" war dort eine ganz normale Beleidigung. Im Normalfall wurde der Gebrauch des Wortes auch nicht bestraft und einfach als Teenager-Rebellion abgetan, die sich von den „anstößigen" Kommentaren auf anderen Schulen nicht wirklich unterschied. Die Quintin Kynaston ignorierte solche Anmerkungen die meiste Zeit.

Pro-9/11-Aussagen waren ebenfalls keine Seltenheit. Die Lehrer, die oft nicht aus der Gegend kamen, besaßen nicht die intellektuellen Fähigkeiten, um etwas gegen eine solche Phrasendrescherei zu unternehmen, weil es einfach völlig außerhalb ihres Erfahrungsbereichs lag. Ich weiß noch, wie ein Schüler einen Lehrer als „Juden" beschimpfte und dieser Lehrer dem Schüler daraufhin das gleiche Wort an den Kopf warf. Ein anderer Lehrer ohne jegliche Kontrolle über die Klasse erzählte etwas von Verschwörungen im Bezug auf den 11. September und erklärte, wie die amerikanische Regierung für das Ganze verantwortlich sei—ja, „Scheich Osama" hätte damit nichts zu tun gehabt.

Jihadi John während des Studiums (Foto: bereitgestellt von der University of Westminster)

In einem Interview sagte der ehemalige Direktor der Quintin Kynaston-Schule, dass man keinen Jugendlichen für gefährdet hielt. Einer meiner Mitschüler hatte 2005 jedoch einen kurzen Auftritt in einer BBC-Dokumentation über Radikalisierung. Das ist also schon mal ein gefährdeter Jugendlicher. Was versucht man hier zu schützen, den Ruf oder die Schüler?

Die einzige Sache, auf die man bei Jugendlichen dieses Alters achtgeben muss, ist Entfremdung—kein 15-jähriger Schüler wird offen eine fest eingebrannte und konkrete islamistische Ideologie zur Schau stellen. Kein IS-Aufnäher auf dem Rucksack, kein „radikaler" Haarschnitt, keine Verehrung von anstößigen islamischen Bands. Eine Suche nach so etwas—der Karikatur eines „Problemkinds"—wird garantiert erfolglos sein.

Wenn man reflexartig Muslime für fundamentalistische Jugendliche verantwortlich macht, dann wird diese Reaktion durch die Tatsache überheblich gemacht, dass beide Mörder von Lee Rigby konvertiert und damit nicht muslimisch erzogen wurden. Eine solche Reaktion konnte aber auch nur von Leuten kommen, die keine Verbindung zu diesen Gemeinden haben.

Das ist ein Problem, dass sich auch auf Lehrer übertragen lässt. Wir wissen, dass weiße Pflegeeltern eines schwarzen Kindes niemals voll darauf vorbereitet sein können, richtig mit dem Thema Identität umzugehen. Wir wissen genauso, dass Lehrerinnen nötig sind, um den Schülerinnen ein weibliches Vorbild geben zu können—das versteht sich von selbst. Wir wissen, dass weiße Lehrer im Vereinigten Königreich nicht die gleichen Erfahrungen wie schwarze Jugendliche gemacht haben. Genau deshalb bedarf es schwarzer Lehrer. Diese Liste lässt sich noch beliebig erweitern. Genau deswegen hat die letzte Labour-Regierung auch Programme ins Leben gerufen, um ehemalige Bankangestellte im Schnellverfahren in den Lehrerberuf einzuarbeiten (ein weiterer Versuch, die Privatsektor-Mentalität ins Schulwesen einzubringen), und die derzeitige Koalitionsregierung wendet das gleiche Modell auf ehemalige Soldaten an. Keine dieser beiden Berufsgruppen eignet sich jedoch für die Bekämpfung der Radikalisierung an Schulen.

Warum werden keine Musliminnen, keine schwarzen Männer und keine weißen Frauen aus der Arbeiterklasse für den Lehrerberuf fit gemacht? Diese Menschen werden zwar oft als Unterstützung für die Lehrkräfte angestellt, aber die wirkliche Verantwortung für die Jugendlichen wird auch weiterhin in die Hände von Leuten gelegt, die einen weniger geeigneten Hintergrund und eine nicht so tiefe Verbindung zu den Schülern haben. Das Ganze ist ein weiteres Beispiel für das unterschwellige, aber dennoch allgegenwärtige Klassenprivileg und den institutionalisierten Rassismus, die die britische Gesellschaft durchziehen.

Wir müssen erkennen, dass das, was wir von der Gesellschaft erwarten, in den Schulen seinen Anfang findet. Wenn wir keine Kontrolle darüber haben, welche Art der Sozialisierung in den Bildungseinrichtungen abläuft, dann werden Schüler auch weiterhin radikalisiert. Den Randgruppen muss gezeigt werden, dass auch sie einen Platz in der Gesellschaft haben, der nicht mit einem schlechten Ruf behaftet ist. Das hängt natürlich davon ab, ob die Gesellschaft dazu bereit ist, einen solchen Platz für diese Gruppen zu schaffen—wenn im Lehrerberuf jedoch weiterhin Weiße aus der Mittelschicht vorherrschend sind, dann lässt das Zweifel daran aufkommen, ob man sich diesbezüglich überhaupt Mühe gibt.