Vegetarier

Warum die ganze Schweiz gerade über Vegi-Würste diskutiert

Die Cervelat ist für die SVP mehr als nur eine Wurst.

von Kamil Biedermann
06 April 2017, 12:42pm

Titelfoto von Pixabay

In der Schweiz geht's gerade wortwörtlich um die Wurst: Mit einem Vorstoss im Parlament plant die SVP, die Bezeichnung "Wurst" in der "Vegi-Wurst" bei Fleischimitaten zu verbieten und damit der Schweizer Fleischindustrie unter die Arme zu greifen. Seit einem Jahr kämpft der Schweizer Fleisch-Fachverband (SFF) für exklusive Rechte bei den Bezeichnungen für seine Fleischprodukte.

Den Stein ins Rollen gebracht hat der Berner SVP-Nationalrat Erich Hess: "Wenn dem Konsumenten unter diesem Titel ein fleischloses Produkt angeboten wird, stiftet das Verwirrung, ja geht sogar in Richtung Täuschung", sagte Hess gegenüber 20 Minuten. Damit Schweizer Fleischliebhaber nie wieder versehentlich in ein Soja-Schnitzel – pardon, in einen vegetarischen Pflanzenfladen – beissen müssen, möchte Hess die Fleischwirtschaft in ihrem Kampf gegen den "Namenswildwuchs" unterstützen und dem Parlament vorschlagen, dass Soja-Würste und artverwandte Vegi-Produkte zukünftig nicht mehr "Wurst" oder "Schnitzel" heissen dürfen.

Abgesehen davon, dass viele andere Produkte gar nicht das sind, was sie vorgeben zu sein – wie VICE bereits veranschaulichte – ist der Gedanke daran befremdend, dass sich unser Parlament womöglich mit Vegi-Würstchen rumschlagen muss. Der SVP dürfte es bei ihrem Vorstoss allerdings nicht um Verbraucherschutz gehen – sie würde sich wohl kaum für höhere gesetzliche Qualitätsstandards in der Tierhaltung oder Deklarationsvorschriften für Fleischproduktion mit Antibiotikagebrauch einsetzen, dafür ist die Partei zu unternehmerfreundlich. Spannend wird es also, wenn man anschaut, was wohl hinter dem Cervelat-Getue steckt.

Kaum ein Lebensmittel steht besser für die Schweiz der SVP und ihre Werte als die Cervelat: altbewährt, bodenständig und schweizerisch durch und durch – bis auf die brasilianischen Rinderdärme, in die sie gestopft wird. Als im basellandschaftlichen Billingen 2016 eine Primarschule Schweinefleisch von der Karte streichen wollte, empörte sich die örtliche SVP gegenüber der Basellandschaftlichen Zeitung und ernannte die Cervelat zum Schweizer Kulturgut. Die Partei befürchtete den Verlust von Schweizer Werten durch eine religiöse Verschwörung, obwohl konkret gar keine religiösen Motive hinter der geplanten Verbannung standen. Ein Teil der Eltern hatte in einer Umfrage lediglich ohne konkrete Gründe angegeben, in der Kantine gerne auf Schweinefleisch verzichten zu wollen. 

Mit der Zunahme von fleischlosen Alternativen auf Menüplänen und gesunden Foodtrends, die zunehmend auf fettreiches Fleisch verzichten, fürchtet die SVP nicht nur um ihre Leibspeisen, vielmehr dürfte es der Partei um den Verlust der Schweizer Identität als Ganzes gehen. Die Vegetariertheke wird nicht als Alternative, sondern als äusserer Angriff auf die eigenen Essgewohnheiten wahrgenommen und dargestellt. Dass die Sojafladen auch noch gleich heissen dürfen wie die eigenen Schnitzel, weckt die gleichen Abwehrreflexe, wie es Migranten tun – im Sinne von: "Schweizer kann jeder werden, ich bin Eidgenosse".

So warb die Schweizer Fleischindustrie bis letztes Jahr | Screenshot: YouTube

Essen ist heute mehr als nur Energiezufuhr. Essen wurde zu einem Ideologieträger. Menschen, die nicht auf ihre Ernährung achten und einfach essen, was sie wollen, fühlen sich zunehmend einem "Tugendterror" ausgesetzt, erklärt die Verhaltenspsychologin Helene Karmasin gegenüber der NZZ. Klassischerweise ist der Teller für diese Menschen in zwei Achsen geteilt, wobei Fleisch jeweils das Zentrum eines Gerichts einnimmt. Alles Pflanzliche gehört zur Nebenachse, sprich Beilage. Zehn Jahre lang warb die Schweizer Fleischbranche dementsprechend mit dem Slogan "Schweizer Fleisch – Alles andere ist Beilage", bis sie den Slogan letztes Jahr zurückzog. "Wir haben festgestellt, dass der Slogan im gegenwärtigen Klima, in dem der Fleischverzicht in aller Munde ist, vermehrt kritisiert wird. In der politischen Diskussion wurde er uns regelrecht um die Ohren geschlagen", sagte der damalige Direktor des SFF zu 20 Minuten.

Dass Konsumgewohnheiten durchaus mit der ideologischen Ausrichtung einer Person zusammenhängen, erkannte auch schon so manches Wahlkampfteam. Grosse Datensätze mit Konsumgewohnheiten von potentiellen Wählern halfen beispielsweise Obamas Wahlkampfteam seine Kampagnen effizienter zu gestalten. Mit Hilfe von "Microtargeting" konnten massgeschneiderte Anzeigen für die jeweiligen Wählergruppen ausgespielt werden. 

Diese Verknüpfung existiert wohl auch in der Schweiz. Als die eidgenössische Ernährungskommission 2015 eine Empfehlung, nicht mehr als 120 Gramm Fleisch am Tag zu essen, nach unten korrigieren wollte, fand 20 Minuten in ihrer zugegebenermassen wenig repräsentativen Umfrage heraus, dass Vegetarier wohl eher nicht in der SVP zu finden sind. Die SVP kündigte dabei sofort an, ein "staatliches Fleischdiktat" mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen. Die Cervelat ist für die SVP mehr als nur eine Wurst. Sie ist eine Möglichkeit, mehr potentielle Wähler an sich zu binden.

Dass die "Vegiwurst-Affäre" immer wieder zum Thema wird und der konservative Konsument sich schon durch Mittagsmenüs politisch angegriffen fühlt, zeigt uns, wie sehr Ideologie und Essen zusammenhängen. Wohlwissend, dass Fleisch zurzeit nicht gerade das coolste Image hat, kaufte sich die Schweizer Fleischbranche das Hauptsponsoring des Swiss Music Awards – statt an Skirennen Klientel zu bewerben, das die Cervelat sowieso der vegetarischen Alternative vorzieht. Um in dieser ganzen Debatte um die Begriffsdefinition trotzdem einen Beitrag zu leisten, habe ich im digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache nachgeschlagen. Suchst du dort nach dem Wort "Schnitzel", findest du als erstes folgenden Eintrag: "1) dünne scheiben von gedörrtem obst".

VICE auf Facebook.