The Dystopia and Utopia Issue

Dies war angeblich einst der biblische Garten Eden

Die Fotografin Tamara Abdul Hadi besucht für die Titelstory unserer neuen Ausgabe den irakischen Sumpf, eine gefährdete Region mit einer blutigen Geschichte.

von Tamara Abdul Hadi
07 Mai 2018, 7:13am

Basna balanciert frisch gewaschene Decken auf dem Kopf. Sie lebt seit ihrer Kindheit im irakischen Marschland | Alle Fotos: Tamara Abdul Hadi

Aus der Dystopia and Utopia Issue.

Wo die Flüsse Euphrat und Tigris zusammenfliessen, waten noch heute Wasserbüffel durchs Schwemmland, die Einheimischen bewegen sich in handgebauten Booten die Wasserwege entlang. Hier liegt das Marschland Al-Ahwar. Einst war es Teil von Mesopotamien, heute ist diese Region der Südirak. Im vierten und dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung bauten die Sumerer hier Häuser aus Schilf, die Praktik hat bis heute überlebt.

Manche glauben sogar, dass das irakische Marschland der Ort ist, an dem der biblische Garten Eden lag. Doch seit dieser mythischen Zeit ist einiges geschehen. In den 1950ern begann die Regierung, das Land trockenzulegen, um daraus profitable Agrarflächen zu machen, doch nur wenig später gingen die Ölbohrungen los. In den 1980ern und 90ern, während des Iran-Irak-Kriegs, zerstörte Saddam Hussein Teile des Marschgebiets, damit sich Feinde dort nicht verstecken konnten.

Erst mit der US-Invasion und Husseins Sturz 2003 kamen Bemühungen in Gang, das Ökosystem zu schützen. Einheimische zerstörten die Dämme, nach und nach kehrten die Menschen ins Marschland zurück. 2016 erklärte die UNESCO die Region – "drei archäologische Stätten und vier Sumpfgebiete" – zum Welterbe. Laut der Weltnaturschutzunion IUCN sind allerdings drei der vier Sumpfgebiete noch nicht ausreichend geschützt. Staatliche Gelder fliessen weiter in die Ölgewinnung statt in den Naturschutz, Wasser und damit auch Nahrung für die Einwohner sind dagegen oft knapp. Die Nachbarländer Iran und Türkei stauen die Flüsse der Region, grosse Teile des Sumpfgebiets trocknen aus. Die Menschen hier, die Marsch-Araber, geben trotzdem nicht auf. Für sie ist dieses Gebiet das, was es schon für ihre Vorfahren war: ein Paradies.


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An einem nebligen Morgen im März besuche ich die Familie von Sayyid Raad. Sie leben vom Land, ohne die Annehmlichkeiten der modernen Gesellschaften. Von dieser Lebensweise sind sie fest überzeugt. Ich sehe zu, wie sie ihre Büffel melken. Nihaya, ihr Name ist Arabisch für "Ende", ist ungefähr zehn Jahre alt. Sie geht mit den Tieren so selbstverständlich um wie eine erfahrene Hirtin, melkt eine Büffelkuh nach der anderen. Ihr Vater und ihre älteren Geschwister – Hoda, Ahmad und Murtadha – tun dasselbe.

Die Menschen hier arbeiten unermüdlich, hüten und melken Büffel, sammeln Schilf zum Verkauf und fischen. Ich übernachte im Schilfhaus der Familie. In der Region wohnen Familien aus demselben Stamm oft in kleinen Ansammlungen solcher Häuser. Ein Büffel, der sich die ganze Nacht an der behelfsmässigen Tür scheuert, hält Wache. Als ich aufwache, bereitet die Hausherrin Halima das Frühstück zu, neben ihr schläft ein zweijähriges Kind auf dem Boden. Draussen sind die Büffel bereits auf ihre tägliche Wanderung durch das Marschland aufgebrochen. Vor Sonnenuntergang werden sie zurückkehren – als hingen sie genauso an diesem ehemaligen Paradies wie die Menschen, die hier zu Hause sind.

Ein eingestürztes Schilfhaus im irakischen Marschland
Ein eingestürztes Schilfhaus am Ufer des Euphrat
Der 17-jährige Ali steht vor einem Schilfdickicht im irakischen Marschland
Ali, 17, steht vor dem Schilf, aus dem die Marsch-Araber ihre Häuser bauen
Die Marsch-Araberin Umm Haider aus dem Irak trägt ein Bündel Schilfrohr auf der Schulter
Umm Haider trägt Schilf. Die Frauen im Marschland sammeln und verkaufen es
Das irakische Mädchen Nihaya trägt ein rotes Kopftuch und sitzt inmitten von Büffeln auf einem der Tiere
Nihaya sitzt bei Sonnenaufgang in der Nähe ihres Elternhauses auf einem der Büffel der Familie
Die Marsch-Araberin Hamdiyah fährt mit ihrem Boot durch das irakische Marschland
Hamdiyah gleitet auf ihrem Boot durch das Marschland, um Schilf zu sammeln
Der 11-jährige Iraker Jassem sitzt mit einer Decke auf einem Bündel Stroh
Jassem, 11, sitzt auf einer Insel im Sumpf Al-Hammar auf Schilf
Eine einfache Wellblechhütte im irakischen Marschland, die Fischer als Raststätte nutzen
Nachts gehen viele Marsch-Araber fischen. In dieser kleinen Hütte ruhen sich morgens Fischer aus, frühstücken und trinken Tee
Die Marsch-Araberin Umm Jassem bricht Schilfrohr
Umm Jassem zu Hause auf einer Insel im Sumpf Al-Hammar. Sie bricht Schilf für das Feuer, über dem sie Brot backen wird
Ein irakisches Mädchen steht in einem Boot und bereitet Schilfrohrbündel für den Verkauf vor
Eine junge Irakerin sammelt Schilf, das ihre Eltern verkaufen werden
Die 14-jährige Irakerin Zahra steht mit verhülltem Gesicht bei einem jungen Büffel
Zahra, 14, steht bei einem der Büffel ihrer Familie. Um 4 Uhr morgens steht die Familie auf, melkt die Büffel und versorgt die Hühner und Enten
Die Irakerin Umm Mahdi ist bis auf die Finger und Augen verhüllt, sie steht vor einem Schilfdickicht und blickt direkt in die Kamera
Umm Mahdi verkauft am Strassenrand Fisch
Ein Schilfhaus im irakischen Marschland
Ein Schilfhaus im irakischen Marschland

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