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Musik

Der Sänger von Bad Religion hat eine neue Theorie bezüglich der Evolution und des Zusammenlebens

„Kriege sind schon immer Teil der Menschheit gewesen und unsere Rolle als Beschützer dieses Planeten beinhaltet auch, solche Krisensituationen zu lösen. Eine Möglichkeit dafür ist, Flüchtlinge so gut und menschlich zu behandeln wie nur möglich."

von Mike Doherty
28 Oktober 2015, 11:15am

Greg Graffin ist wohl die perfekte Symbiose aus Professor und Punk auf Lebenszeit. Foto: digoboston | Flickr | CC BY 2.0

Jeden Herbst gibt der promovierte und stets gut gelaunte Evolutionsbiologe Greg Graffin an der Cornell University Vorlesungen zum Thema Evolution. Den Rest des Jahres ist er dann damit beschäftigt, als Frontman des Punkrock-Urgesteins Bad Religion dem Publikum bei Konzerten ordentlich einzuheizen. Letzten Monat hat Graffin sein Ego und Alter Ego zum ersten Mal zusammengebracht, als er akustische Bad-Religion-Lieder spielte, während er mit seinem neuen Buch Population Wars: A New Perspective on Competition and Coexistence auf Promo-Tour war.

Population Wars ist mit seiner Vielzahl an Fußnoten und Referenzen ohne Zweifel ein akademisches Werk, weist gegenüber traditionellen amerikanischen Werten wie etwa der Vorstellung von einem gewinnbaren Krieg oder Konkurrenzdenken aber trotzdem eine ziemlich punkige Attitüde auf. Graffin betrachtet diese Themen aus einem geologischen und zoologischen Blickwinkel und nimmt uns dabei mit auf eine Zeitreise durch die menschliche Evolution, um zu zeigen, wie Menschen nie in der Lage gewesen sind, ihre Feinde zu zerstören—eine Vermischung und Assimilation sind unumgänglich.

Graffin argumentiert damit, dass die Vorstellung vom menschlichen Konkurrenzkampf historisch gesehen verpufft. Das Leben hat laut ihm keinen höheren Sinn und der freie Wille ist zum Großteil nur Einbildung, denn unsere Entscheidungen werden von vielen Faktoren beeinflusst—zum Beispiel auch davon, wie uns die Bakterien in unserem Inneren an diesem und jeden Tag fühlen lassen. Und trotzdem kommt der Evolutionsbiologe zu dem Schluss, dass wir im großen evolutionären Bild immer noch freier sind als irgendein anderes Wirbeltier da draußen, denn wir besitzen die Fähigkeit, logisch zu denken.

Ich habe Graffin auf seiner nachhaltigen Farm im US-Bundesstaat New York angerufen, um über diese Vorstellungen und Ansichten zu diskutieren. Dabei sollte sich herausstellen, dass er gar kein so streitlustiger Punk ist.

VICE: Wie unterscheidet sich eine Album-Tour von einer Buch-Tour?
Greg Graffin: Hierbei handelt es sich um eine ganz neue Art der Buch-Tour. In den USA gibt es nur noch so wenige traditionelle Buchhandlungen, dass die normale Autoren-Reise so gut wie tot ist. Wenn ein Verlag einen Autor an der Angel hat, der auch nur den kleinsten öffentlichen Einfluss und Bekanntheitsgrad hat—und ich sehe mich schon als so etwas wie eine berühmte Person an—, dann muss dieser Autor auf jeden Fall etwas Kreativeres als bloß eine Lesung machen. Mein Verlag Thomas Dunne Books hielt es für eine gute Idee, dass ich bei meiner Buch-Tour noch ein bisschen Musik spiele und den Leuten die Möglichkeit biete, über das Buch zu diskutieren.

Heutzutage versucht jeder Redner, das Publikum irgendwie in den Vortrag mit einzubinden. Selbst bei akademischen Vorlesungen ist eine visuelle Komponente schon zu einer Art Pflicht geworden.
[lacht] Das kannst du laut sagen. Die Studenten schlafen doch ein, wenn du während deines Vortrags nicht irgendeine Grafik präsentierst. Trotzdem haben akademische Vorlesungen für mich immer noch etwas Formelles an sich. Bei meiner Buch-Tour geht es vor allem darum, die Leute mit einzubeziehen und mit ihnen über größere Probleme und Ansichten zu reden. Dabei sollen sie natürlich auch unterhalten werden. Irgendwie ist das Ganze auch nur das, was Bad Religion jetzt schon seit 35 Jahren macht.

Dein Buch befürwortet die Vorstellung vom Zusammenleben, was in einer Medienlandschaft, in der sich alles nur um irgendwelche Meinungen, Herangehensweisen und die beliebtesten Auffassungen geht, doch zu einem eher altmodischen Wort verkommen ist. In Population Wars blickst du zurück auf die Entstehung der Kontinente und lieferst damit den Kontext, der so dringend nötig ist.
Ja, das Ganze ist doch eher eine Herangehensweise der alten Schule. Vielen Leuten ist unsere Geschichte inzwischen egal. Mit diesem Buch versuche ich jedoch, Geschichte wieder salonfähig zu machen. Heutzutage wird man doch als Idiot angesehen, wenn man bei Twitter etwas Wert- oder Gehaltvolles schreibt und dann nicht alle zwei Stunden retweetet. Auf meinem Twitter-Account ist so viel los, dass ich schon längst den Überblick verloren habe. Wenn etwas wichtig für die Geschichte und für die Archive ist, dann sollte man das deshalb meiner Meinung nach auch gleich finden können. Um vernünftig zu recherchieren und jegliche Art von Zusammenhang herzustellen, muss man reflektieren—und das braucht Zeit. Dafür muss man weit zurückgehen und nach Archivmaterial suchen.

Inwiefern kann uns ein Geschichtsverständnis weiterhelfen?
Die Frage ist doch, welcher Denkweise wir uns verschreiben müssen, um unseren Planeten in Zukunft zu schützen. Das Ganze grenzt schon fast an Moral. Wie können wir mit unserem Konkurrenzdenken überhaupt ein Umweltethos entwickeln? Meiner Meinung nach ist das nicht möglich. Stattdessen muss man sich einem anderen Wissenschaftszweig zuwenden, der zwar nicht die Meinung der Allgemeinheit vertritt, im 21. Jahrhundert allerdings an Bedeutung gewinnen wird. Dieser Zweig wurde Anfang des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen und dann von der Evolutionstheoretikerin Lynn Margulis ausgearbeitet. Sie setzte sich sehr für Symbiose und das Zusammenleben ein, denn alle Organismen hängen voneinander ab.

In Population Wars beziehst du dich auch auf die Bücher Freakonimics, The Selfish Gene und Civilization: The West and the Rest. Dabei sagst du, dass diese Werke von der Vorstellung leben, dass Konkurrenzdenken alles in einer unendlichen natürlichen Entwicklung antreibt. Willst du diese Bücher damit kritisieren?
Nein, denn ich glaube nicht an Konkurrenzdenken. Meiner Meinung nach muss man jedoch anmerken, dass diese Bücher Paradebeispiele dafür sind, wie man malthusianisches Konkurrenzdenken auf ein Level hebt, das einer Verehrung oder Ikonographie gleichkommt, die wir schon gar nicht mehr anzweifeln. Niall Ferguson, der Autor von Civilization, kann sagen, dass der Wettstreit zu den großartigen „Spielen" der westlichen Zivilisation gehört. Das ist schon ziemlich clever. Aber ist es deswegen auch wahr? Ich will herausfinden, ob wir das Gleiche auch mit einem Zusammenwirken der Bevölkerungen erreichen können.

Der Wahlkampf der Republikaner ist vor allem von Ausschlusspolitik bestimmt—also der Ansicht, dass sich Amerikaner von anderen Menschen grundlegend unterscheiden.
Diese Ansicht vertreten ja auch vieler Amerikaner selbst: Konkurrenzdenken treibt alles an und wir haben uns unseren Elitestatus in der Welt wirklich verdient. Aber warum können wir ins nächste Modegeschäft gehen und ein T-Shirt für sieben Dollar kaufen? Weil viele unterbezahlte und unterprivilegierte Menschen diese Waren herstellen. Zwar sagen hier viele Leute, dass unsere Märkte besser sind und wir hier alles besser machen, aber das stimmt nicht. Die Märkte sind manipuliert. Mein Buch soll kein politisches Manifest darstellen, sondern es soll den Menschen da draußen klar machen, dass alles, was im amerikanischen Lifestyle als Dominanz aufgefasst wird, eine alternative Ursache hat. Wenn man erkennt, dass manche Leute benachteiligt werden, dann ist das schon mal ein guter Anfang und wir können damit beginnen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Dann kann man richtige Politik machen.

Hier in den USA und auch in vielen anderen Ländern dieser Welt machen sich die Leute sorgen, dass die Flüchtlingskrise schlimme Folgen haben wird, wenn noch mehr Flüchtlinge aufgenommen werden. Der Zustrom dieser Menschen beschleunigt doch aber eigentlich nur den bereits existierenden Vermischungsprozess, ohne ihn dabei großartig zu verändern, oder?
Das stimmt. Das Ganze ist auch ein gutes Beispiel für begrenzte Mittel—also in dem Sinne, dass ein nicht vom Krieg zerstörtes Land, in dem Frieden herrscht, für diese Flüchtlinge eine seltene und wertvolle Sache ist. Deshalb lassen sie auch alles zurück und machen sich auf den schwierigen Weg in ein solches Land. Kriege sind schon immer Teil der Menschheit gewesen und unsere Rolle als Beschützer dieses Planeten beinhaltet auch, solche Krisensituationen zu lösen. Eine Möglichkeit dafür ist, Flüchtlinge so gut und menschlich zu behandeln wie nur möglich. Wir müssen immer im Hinterkopf behalten, dass diese Leute wohl wieder in ihre Heimat zurückkehren werden, wenn der Krieg dort vorbei ist.

Wenn man von meinem Buch eine Sache mitnimmt, dann hoffentlich folgende: Völker sind ständig in Bewegung und vermischen sich—und manchmal ist diese Vermischung eben mit Gewalt verbunden. Das kann man nicht schönreden, aber man braucht definitiv Mittel und Wege, um etwas gegen diese Gewalt zu unternehmen. Man muss eine ideologische und moralische Grundlage schaffen, die für die Beendigung dieser Kriege förderlich ist. Wenn Konkurrenzkampf die Basis für unser Zusammenleben ist, dann kann man den Teufelskreis aus Gewalt und Krieg meiner Meinung nach nicht durchbrechen.

Wir sehen uns ja oft ganz egoistisch als den Mittelpunkt des Universums an. Müssen wir diese Denkweise neu definieren, um unseren Planeten besser zu beschützen?
Nun, mein Buch hat auch einen hoffnungsvollen Unterton. Wenn man etwas von einem sozialen Standpunkt aus betrachtet, dann sieht man meistens auch die größeren Zusammenhänge und erkennt, dass sich das jetzige Handeln auf die Zukunft auswirkt. Wenn man das als Ausgangspunkt festlegt, anstatt immer nur daran zu denken, was man für sich selbst aus der Situation rausschlagen könnte oder was sein Handeln einem selbst bringt, dann würde unsere Gesellschaft meiner Meinung nach auch komplett anders aussehen und andere Ziele verfolgen.