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Vergewaltigung und Schwangerschaft bei 'Game of Thrones' und im echten Mittelalter

Laut einiger Fan-Theorien soll Sansa Stark von Ramsey schwanger sein—doch wie sind Frauen im Mittelalter eigentlich mit dem Thema umgegangen? Was wären Sansa Optionen?

von Kathleen E. Kennedy
12 Juli 2016, 12:05pm

Fotos von Helen Sloan, mit freundlicher Genehmigung von HBO

Game of Thrones ist bekannt dafür, dass Hauptfiguren nach allen Regeln der Kunst ins Gras beißen müssen. Auch für die zahlreichen Vergewaltigungen ist die Fantasy-Serie inzwischen berüchtigt. Es wurde im Staffelfinale nicht geklärt, doch seit Folge 9 wimmelt es vor Fan-Theorien, dass Sansa Stark vielleicht schwanger geworden sein könnte, als ihr sadistischer Ehemann Ramsay Bolton sie vergewaltigte. "Du kannst mich nicht töten", spottet der gefesselte Lord Bolton, bevor Hunde ihn zerfleischen. "Ich bin jetzt ein Teil von dir."

Wenn es sich herausstellen sollte, dass Sansa tatsächlich von Bolton schwanger ist, wäre es auch nicht das erste Mal, dass eine Frau in Game of Thrones durch eine Vergewaltigung schwanger wird. Gilly und Sam ziehen zusammen Gillys Sohn groß, der von Gillys Vater Craster gezeugt wurde. Craster vergewaltigte regelmäßig all seine Tochter-Frauen, wobei er die so entstandenen weiblichen Nachfahren behielt und die männlichen Kinder dem Nachtkönig opferte. Khal Drogo vergewaltigt (zumindest in der Serie) Daenerys, und auch wenn Dany ihren Mann im Laufe der Zeit schätzen lernt, ist es trotzdem ihr Vergewaltiger, von dem sie später schwanger ist. Während der Schlacht von Schwarzwasser versichert Cersei Lannister Sansa, dass sie aufgrund ihrer Periode wenigstens nicht schwanger werden könne, wenn König Stannis' Soldaten das Schloss stürmen und die Hofdamen vergewaltigen. Außerdem gibt es viele Fans, die überzeugt sind, dass Jon Snow das Ergebnis der Vergewaltigung Lyanna Starks durch Rhaegar Targaryen ist.

Die Game of Thrones-Welt ist ein brutaler Ort. Die Frauen, die in dieser Welt schwanger werden, haben sehr unterschiedliche Optionen. Sam und Gilly wollen ihren Sohn großziehen und lieben ihn, ganz gleich, wer sein Erzeuger war. Daenerys ist am Boden zerstört, als sie ihr Kind verliert. Im Kontrast dazu stehen Cerseis Aussagen zu Sansa: Sie geht davon aus, dass die Kinder, die ihre Hofdamen zur Welt bringen werden, eine schreckliche körperliche und geistige Bürde darstellen werden. Zu diesem Zeitpunkt ist es noch unausgesprochen, doch Cersei und auch Margaery verwenden ein Abtreibungsmittel namens Mondtee.

Genau wie die Art der Gewalt, die bei Game of Thrones dargestellt wird, keine Fantasy ist, hat auch der Abtreibungstee reale Entsprechungen. Schon seit Jahrtausenden setzen Frauen verschiedene Mittel ein, darunter Kräuter, um ihre Fruchtbarkeit zu beeinflussen. Allerdings sahen die mittelalterlichen Ansichten zu Abtreibung ein wenig anders aus als die von heute. Vor dem Mittelalter waren Abtreibungen erlaubt, weil man sie nicht wirklich als Abtreibungen sah. Damals war man im christlichen Europa überzeugt, ohne eine Seele handle es sich nicht um einen Menschen, und die Seele entwickle sich erst nach 40 bzw. 80 Tagen Schwangerschaft (die weibliche Seele kam natürlich 40 Tage später als die männliche, aus Gründen).

Somit wäre die AfD noch nicht einmal "vormittelalterlich", was ihre Haltung zu Abtreibung angeht. Mehr zum AfD-Programm auf MOTHERBOARD

Frauen hatten also im Frühstadium ziemlich viel Kontrolle über ihre Schwangerschaften. Bemerkenswert ist auch, dass diese Haltung gleichzeitig einen leichteren Umgang mit Fehlgeburten erlaubt haben muss, die bekanntlich in den ersten drei Monaten häufig vorkommen. In den ersten Wochen kann vieles schiefgehen, vor allem ohne die moderne Medizin und Ernährung. Die mittelalterlichen Hebammen und Mediziner überließen es der Schwangeren, wie sie mit dieser riskanten Zeit umgehen wollte. Eine Abtreibung nach der Zeit, in der sich die Seele entwickeln soll, galt als Sünde und wurde in manchen Gegenden als Verbrechen eingestuft, doch eine strafrechtliche Verfolgung gab es im Mittelalter selten.

Möglicherweise liefert uns eine berühmte englische Königsmutter ein Beispiel für die mittelalterliche Familienplanung. 1457 brachte Margaret Beaufort den zukünftigen König Heinrich VII zur Welt. Sie war erst 14 und starb fast bei der Geburt—in diesem Alter verheiratet und Mutter zu sein, war auch für das damalige England sehr ungewöhnlich. Beaufort heiratete nach dieser Ehe zwei weitere Male, doch sie bekam keine Kinder mehr. Es kann gut sein, dass sie bei der Geburt Heinrichs VII so schlimme Verletzungen davontrug, dass sie danach unfruchtbar war oder nicht in der Lage zu gebären. Doch es kann genauso gut sein, dass ihre medizinischen Berater überzeugt waren, dass eine weitere Geburt gefährlich wäre, und dass sie Maßnahmen ergriff, um zu verhindern, dass es so weit kam.

Falls Sansa tatsächlich schwanger sein sollte, hätte sie als keusche Adlige im Mittelalter eine Wahl, zumindest zu Beginn ihrer Schwangerschaft.

Doch Gilly und ihre Schwestern bringen die Kinder eines Vergewaltigers zur Welt, und Cerseis Aussagen lassen vermuten, dass ihren Hofdamen dasselbe Schicksal droht. Warum? Warum gibt es den Mondtee nur für manche Frauen? Vielleicht findet sich eine mögliche Antwort auf diese Frage in gewissen mittelalterlichen und modernen Ansichten zur Empfängnis durch Vergewaltigung. Vor der modernen Medizin waren die Menschen lange Zeit überzeugt, Mann und Frau müssten beide einen Orgasmus haben, damit ein Kind gezeugt werden könne.

Wenn eine Frau bei einer Vergewaltigung schwanger wurde, galt sie als Ehebrecherin. In anderen Worten: Wer schwanger wurde, dem musste es gefallen haben. Genau diese mittelalterliche Ansicht brachte übrigens der republikanische US-Politiker Todd Akin zum Ausdruck, als er 2012 behauptete, der weibliche Körper habe bei einer "richtigen Vergewaltigung" Wege, eine Schwangerschaft zu verhindern, sodass Empfängnis durch Vergewaltigung so gut wie nie vorkomme. Eine schaurige Kontinuität, die sich mit "Sie wollte es doch" zusammenfassen lässt.

Auch die mittelalterliche Literatur lässt diese Haltung erkennen. In der vormodernen Geschichte der Lucretia wird die Römerin vergewaltigt und begeht daraufhin Selbstmord. In einer mittelalterlichen Version, The Fall of Princes von John Lydgate, bezieht sich ihre Scham spezifisch auf ihre eigene Erregung: "gegen meinen Willen folgte darauf Lust". Ihr Körper verriet sie, also nahm sie sich zur Strafe das Leben.

Doch hier zeigt sich die mittelalterliche Literatur mitfühlender als so manche moderne Gesellschaft. In allen überlieferten Versionen von Lucretias Geschichte halten ihr Vater und ihr Ehemann sie für absolut schuldlos. Ihr Mann insistiert: "Er mag deinen Körper zwingen ... doch ich weiß, trotz all seiner Kraft könnte er niemals deinen Geist brechen." Ihr Körper mag sie verraten haben, doch ihre Seele leistete bis zum Ende Widerstand. Sie hatte sich ihre Vergewaltigung nicht herbeigewünscht und ihre körperliche Reaktion darauf sagte nichts über ihre Absichten aus.

Falls Sansa tatsächlich schwanger sein sollte, hätte sie als keusche Adlige im Mittelalter eine Wahl, zumindest zu Beginn ihrer Schwangerschaft. Ob sie das Kind zur Welt bringen und großziehen wollte wie Gilly, oder ob sie es abtreiben wollte, wie Cersei und Margaery und vielleicht auch Margaret Beauford, man hätte sie darin unterstützt. Doch ob die Fan-Theorie wirklich Hand und Fuß hat, werden wir erst in der nächsten Staffel erfahren.