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Alle Freier-Typen, mit denen ich als Sexarbeiterin zu tun habe

Von den Party-Kunden zu jenen, die denken, sie seien Richard Gere aus 'Pretty Woman'.

von Simon Doherty und Sarah Spencer
15 November 2016, 5:00am

Illustration: Dan Evans

Egal, ob es stürmt oder schneit, ob Rezession oder boomende Wirtschaft—Sexarbeit ist immer gefragt. Und sie geschieht überall: ob in Luxushotels mit Fußbodenheizung und prall gefüllter Minibar oder in dunklen Seitenstraßen voller Zigarettenstummel und benutzter Kondome. Sie passiert ständig, auch wenn wir—als Gesellschaft—nicht allzu oft darüber reden.

Wenn wir schon darüber sprechen, reden wir in der Regel über die Arbeiterinnen und Arbeiter. Egal, ob es daran liegt, dass sie verhaftet und in Internierungslager geschickt werden, oder weil ein windiger Unternehmer ein Café aufmachen möchte, in dem man zu seinem Kaffee einen geblasen bekommt. Worüber wir allerdings kaum sprechen, sind die Menschen, die die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter geschäftig halten: die Freier.

Um etwas mehr über diese Seite des Geschäfts zu erfahren, habe ich Sarah, eine 22-jährige Escort-Dame und Bloggerin gebeten, mich über alle Kategorien ihrer Kundschaft aufzuklären.

Der Macht-Kunde

Das sind die sozial-starken Kunden, diejenigen die sehr selbstbewusst sind und in der Regel einen anspruchsvollen Job haben. Anwälte, Leute aus der Wirtschaft und Promis zum Beispiel. Menschen, die gerne darüber reden, wie viel Macht sie haben.

Die wollen in der Sitzung entweder einen Egoboost bekommen oder niedergemacht werden. Das sind die Kunden, die oft dominiert werden wollen. Die führen einen Hochleistungslebensstil und können über andere Menschen absolute Macht ausüben, dementsprechend wollen sie—hinter verschlossenen Türen—runtergemacht und demoralisiert werden. Es ist einfach das Gegenteil von dem, wie alle anderen sie tagtäglich behandeln. Viele Macht-Kunden wollen zum Beispiel penetriert werden. Oder sie wollen, dass ich sie finanziell ausnutze, und bitten mich, sie nach unglaublich teuren Geschenken zu fragen. Ich habe eine ganze Menge teurer Schuhe, die ich noch nicht mal mag—alle von Kunden mit Fußfetischen.

Der Party-Kunde

Mir ist aufgefallen, dass die Kunden normalerweise das Gegenteil von dem wollen, was sie im Alltag gewöhnt sind, wenn es um Sex geht. Der "Party-Kunde" beispielsweise ist das Gegenteil vom "Macht-Kunden". Diese Männer wollen zumindest für den kurzen Zeitraum vollständig über einen anderen Menschen verfügen. Der Macht-Kunde wird ja diese Dominanz automatisch in seinem gesellschaftlichen Umfeld und in seinem Berufsleben haben, wohingegen der Party-Kunde sich in seinen Fantasien genau danach sehnt.

Meistens ist er ein draufgängerischer Partylöwe: er liebt Koks, Alkohol, erscheint nach außen hin ziemlich selbstsicher, ist es aber in Wahrheit nicht. Also im Grunde schon—das merkt man ja immer an den Geschichten, die man so über Schlägereien in Clubs hört—, aber dieses Selbstbewusstsein kommt eben erst nach einer entsprechenden Dosis Alkohol und Drogen zutage. Nach ein paar Lines spaziert er als eine vor Selbstbewusstsein strotzende Mischung aus einem 80er-Jahre-Pornostar und einem Reality-TV-Schauspieler aus dem Bad heraus.

Er fragt, was alles möglich ist, damit er dann versuchen kann, die Grenzen zu überschreiten. Es scheint, als sei die Liste der Dinge, die man definitiv nicht machen will, eine Art persönliche Herausforderung für ihn, die er um jeden Preis gewinnen will. "Ich bin mir sicher, dass es dir gefallen wird", sagt er dann. "Was, wenn ich dir dafür mehr zahle? Oder dir eine bessere Bewertung gebe?" Die Antwort lautet immer noch "Nein".

Der Typ mit dem schlechten Gewissen

Das waren also die zwei Hauptkategorien, aber es gibt noch einige seltenere, die ab und zu auftauchen. Dazu gehört zum Beispiel der Typ, der es sich plötzlich anders überlegt, weil er ein schlechtes Gewissen hat. Letztens hatte ich einen Kunden, etwa 35, der mit einem großen Hut auf dem Kopf zu mir kam. Als er im Zimmer war, überprüfte er nochmal, ob die Tür auch wirklich verschlossen ist—total paranoid. Wir waren gerade mitten bei der Sache, da sprang er plötzlich auf und schrie: "Halt! Ich kann das nicht." Ich fragte, ob es an mir liegt, und er sagte: "Nein, ich bin verheiratet. Ich muss die ganze Zeit an meine Frau denken."

Wenn du das nächste Mal einen Adrenalinschub brauchst, solltest du deine Frau vielleicht einfach zum Paintball-Spielen mitnehmen, statt zu einer Sexarbeiterin zu gehen ...

Der Typ, der denkt, er sei Richard Gere aus 'Pretty Woman'

Diese Männer träumen davon, eine Frau der Nacht zu retten und ihr ein besseres Leben zu bieten. Wahrscheinlich, weil sie die Vorstellung, ich könnte nur für sie zu einem braven Mädchen werden, total heiß macht. Der letzte dieser Kunden sagte mir, er würde mich zu einer Immobilienmaklerin ausbilden, damit ich "das nicht mehr tun müsse".

Das Ding ist nur, dass ich lieber an meiner eigenen Spucke ersticken würde, als den ganzen Tag lang in einem kleinen Smart durch die Gegend zu fahren, um Leute davon zu überzeugen, ihr gesamtes Geld in Wohnungen zu stecken, die sie eh schrecklich finden.

Typen, die am nächsten Morgen heiraten sollen

Diese Kunden buchen sich als krönenden Abschluss ihres Junggesellenabschieds ein Hotelzimmer mit mir. Oft machen sie auch eine Doppelreservierung für sich und ihren Trauzeugen. Sie geben offen zu, dass das ihr Junggesellenabschied ist und zeigen mir manchmal sogar auch Fotos von ihren zukünftigen Frauen.

Der Typ, der es einfach nicht drauf hat und sein Geld zurück will

Zu einer Sexarbeiterin zu gehen, kann für manche Männer sehr einschüchternd sein—immerhin haben wir sehr viel Erfahrung, sie vielleicht aber nicht—, was sich negativ auf ihre Leistung auswirken kann. Manche können darüber lachen, wenn sie vor Nervosität keinen hochbekommen und gehen dann wieder, andere aber fordern dann tatsächlich ihr Geld zurück. Offensichtlich läuft das aber nicht so; wir sind ja keine Anwälte, die nur bezahlt werden, wenn sie den Fall für ihren Kunden gewinnen.

Der Typ, der gar keinen Sex bekommt

Ihre Partnerin ist vielleicht vor Kurzem gestorben, oder sie haben gerade eine langjährige Beziehung hinter sich und sind noch nicht mit der Vorstellung des modernen Datens warm geworden. Oder sie sind mit jedem Aspekt ihrer Ehe oder Beziehung zufrieden, außer mit dem Sex. Es gibt da draußen echt viele Leute, die sagen: "Ich liebe meine Frau über alles und ich will mein Leben mit ihr verbringen, aber ich möchte keinen Sex mit ihr."

Es gibt tatsächlich so viele Leute, die das sagen, dass ich es mir zweimal überlegen werde zu heiraten.

Die Jungfrau

Wenn ein Mann um die 20 ist und noch nie Sex hatte, kann es schon sein, dass ihm der soziale Druck einfach zu viel wird. Manchmal kommen die Typen auch mit Freunden, die ihnen den Besuch bei mir bezahlen, damit ihr Kumpel endlich seine Jungfräulichkeit verliert. Sie stehen dann währenddessen draußen vor der Tür und jubeln, wenn ihr entjungferter Freund wieder herauskommt. Jede Prostituierte hat das schon mal erlebt. Manchmal frage ich mich, wie viele Männer wohl auf diese Art ihre Jungfräulichkeit verloren haben.

Der emotionale Kunde

Es gab da diesen einen Mann, der um die 50 Jahre alt war und regelmäßig zu mir kam. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, dachte ich, er würde sicher das volle Programm haben wollen, aber er sagte: "Ich möchte mich nur neben dich legen und kuscheln, wenn das OK ist? Und vielleicht könnten wir uns danach noch ein bisschen über den Tag unterhalten." Er war ein Witwer, der einfach diese Verbindung mit einem Menschen und den alltäglichen und körperlichen Kontakt vermisste. Oder diesen Augenblick, wenn beide sich genauso fühlen und einfach nur nebeneinander liegen möchten. Das sind immer die schwierigsten Situationen, denn auch wenn man ihr Bedürfnis befriedigen will, wünscht man sich für sie, dass sie rausgehen und jemanden finden, der ihnen das im echten Leben bieten kann.

Der Kunde mit der dunklen Seite

Diese Männer haben meiner Meinung nach perverse sexuelle Neigungen. Ihre Fantasien auszusprechen, wäre für sie sozialer Selbstmord—es geht beispielsweise um Männer, die es anmacht, wenn man sich als Prostituierte wie ein kleines Mädchen kleidet oder wenn der Raum, in dem man es treibt, wie ein Kinderzimmer aussieht. Die meisten Frauen in meiner Branche würden das nicht tun, aber es kommt vor.

Der Typ, dessen Frau mittendrin ins Zimmer platzt

Die Agenturen, die uns vermitteln, bekommen oft Anrufe von Frauen, die sagen: "Mein Mann ruft hier ständig an." Sie kennen das Szenario allzu gut und behaupten dann, sie seien eine Arbeitsagentur. Manche Frauen sind aber besonders hartnäckig und lassen sich nicht einfach so abwimmeln; sie verfolgen ihren untreuen Ehemann zu dem Ort, an dem die Tat vollbracht wird. Und dann hat man es mit wütenden Frauen mit gebrochenem Herzen zu tun, die draußen vor der Tür stehen und schreien.

Einmal war ich mit einem Kunden mittleren Alters in einer Wohnung in der Innenstadt mitten bei der Sache, als plötzlich die Gegensprechanlage zu surren begann. Wir waren beide nackt und voll bei der Sache. Normalerweise bedeutet das, dass die Agentur einen Termin an zwei Leute vergeben hat, aber als ich die Dame anrief, um nachzufragen, sagte sie, das sei in diesem Fall nicht passiert. Also ging ich an die Gegensprechanlage. Es ertönte die Stimme einer Frau, die die ganze Zeit "Hallo" sagte. Der Kerl, der mittlerweile vollständig angezogen war, rannte durch den Hintereingang und floh sich in sein Auto, das er vor einem Supermarkt in der Nähe abgestellt hatte. Deswegen raten wir unseren Kunden auch immer, ihr Auto nicht direkt vor dem Gebäude zu parken, in dem wir uns treffen, sondern ein wenig weiter weg.

Der schwule Typ, der wissen will, ob er vielleicht bi ist

Diese Kategorie kommt nicht allzu häufig vor, aber sie gehört auf jeden Fall dazu. Manchmal finden sie heraus, dass sie bi sind, manchmal aber auch nicht.

Der Typ, der besorgniserregend viel bezahlt

Ein Kunde, der viel Geld bezahlt, ist gut, aber manchmal geht es einfach zu weit und man hinterfragt sein Verhalten. Es kommt selten vor, dass ein Stammkunde nur ein Mädchen trifft. Wenn sie also für die Treffen mit mir jede Woche einen Riesen ausgeben, müssen sie insgesamt einen riesigen Batzen Geld in der Agentur lassen. Meistens sind das die Männer, die versuchen wollen, einen zu befriedigen und selbst keine Wünsche haben. Sie befriedigt die Vorstellung, dass sie eine schöne Frau bei sich haben, die sie im Schlafzimmer total zufriedenstellen.