Liebe, Lust und Laster auf dem Land

Dinge, die ich durch eine Trennung über das Schweizer Landleben gelernt habe

Eine Jugendfreundin wurde gerade von ihrem Freund verlassen. Ich habe sie auf ein Dorffest in ihrer Region begleitet.

von Ivan Markovic
16 Juni 2016, 4:00pm

Foto von Pixabay

Wie lebt, liebt und vögelt die ländliche Schweiz? Wie kommt sie mit Sexualität und Geschlechterrollen klar? In unserer Reihe "Liebe Lust und Laster auf dem Land" versuchen wir, diese Fragen zu beantworten.

"Du kommst am Freitag nach Hause. Elias hat mit mir Schluss gemacht und ich muss mich anständig betrinken. Übrigens findet ein grosses Fest des Turnvereins statt und dir würde es auch mal wieder gut tun, aus der Stadt zu kommen. Keine Widerrede." Der Anruf von Laura, meiner Spielkameradin aus Kindertagen, liess kaum Raum für Ausreden. Da man Freunden in der Not bekanntlich nicht widerspricht, nehme ich am kommenden Freitagabend zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit die S-Bahn Richtung Zürcher Agglomeration. Ich weiss, was mich in meinem ehemaligen Zuhause erwarten wird: Massloses Betrinken mit alten Freunden, ein Trip down Memory Laneund eine unausweichliche Portion Drama, von der selbst Donald Trump inszenatorisch etwas lernen könnte. Willkommen auf dem Land.

Dort, wo Familien lieber in Einfamilienhäusern leben, statt im Zwei-Jahres-Rhythmus die Wohnung zu wechseln. Dort, wo Sicherheit vor Selbstverwirklichung steht. Dort, wo nur halb so viele Frauen ein Single-Dasein fristen, wie in grossen Städten. Keine Metropole also aber auch keine Fünf-Seelen-Gemeinde am Arsch der Welt. Ein durchschnittlicher Ort eben, in dem ich gerne aufgewachsen bin.

Ich hole Laura in ihrem von Aggloblocks dominierten Quartier ab und wir machen uns mit der seelischen Unterstützung zweier Bierdosen auf den Weg. Uns steht ein klassischer Zürcher Oberland-Anlass in Form von Festzelten, günstigem Alkohol, deutscher Schlagermusik und angeheitertem Volk von jung bis alt bevor. Ich kenne Laura beinahe mein ganzes Leben lang—Sie war meine allererste Freundin. Ich hatte sie damals mit einem Ja-oder-Nein-Zettel gefragt, ob sie mit mir "gehen" wolle, woraufhin wir zwei Tage lang ein Paar waren.

Ich merke ihr sofort an, dass sie ihren derzeitigen Schmerz mit einem aufgezwungenen Lächeln zu überspielen versucht. Sie wird mit mir über die Trennung reden, wenn sie soweit ist.

Obwohl ich die Antwort kenne, frage ich sie: "Bist du sicher, dass wir ans Fest sollen? Wir können auch sonst wohin oder uns einfach in den eigenen vier Wänden schamlos betrinken?" Sie will aber ans Fest. Sich einen solchen Anlass entgehen zu lassen, kommt für eine richtige Oberländerin nicht in Frage. Ich bin zur Unterstützung da, für den Fall, dass sie ihrem Ex-Freund über den Weg läuft. Ich kenne den Typen—im Grunde ein anständiger Kerl. Es habe schlicht nicht funktioniert zwischen ihnen, erzählt sie mir, was weder ihn noch sie zum Arsch mache.

"Ich kann mich doch nicht zu Hause verstecken, das ist keine Option. Und früher oder später werde ich ihm sowieso über den Weg laufen. Du weisst, wie das hier läuft." Laura ist mit dieser Feststellung nicht allein, der Soziologe Siebel teilt ihre Meinung: "Stadt ist der Ort wo Fremde wohnen. Auf dem Dorf gibt es keine Fremden."

Die Tristesse vor dem Festzelt | Foto vom Autor

In Städten wie Zürich oder Basel schützt dich in solchen Fällen die Anonymität des Stadtlebens. Man muss die Verflossene nie mehr sehen, wenn man nicht will. Auf dem Land ist das anders: Die Ausgehmöglichkeiten in einem sogenannten "Kaff" halten sich in sehr engen Grenzen und selbst bei alltäglichen Sachen wie dem Lebensmitteleinkauf hat man kaum Alternativen—man geht entweder in den Volg oder gegebenenfalls in die Migros und kann bloss hoffen, auf niemanden aus dem Freundes- oder Familienkreis des Ex zu treffen.

Im Alltag ist die Chance, dem ehemaligen Partner über den Weg zu laufen, also extrem hoch. Oder würdest du etwa extra in eine andere Stadt fahren, um Brot und Milch einkaufen zu gehen? Und wenn dann noch beide aktiv am Gemeindeleben teilhaben, kann man sich der Realität auch gleich von Anfang an stellen. Genau diese Entscheidung hat Laura für sich getroffen und deshalb befinden wir uns 15 Minuten später vor dem Eingang zum Festzelt.

Im ersten Moment fühle ich mich wie ein Fremder im eigenen Dorf—alles vertraut und doch anders. Von allen Seiten werde ich von bekannten Gesichtern begrüsst und schüttle etliche Hände. Ein oder zwei Bier später taucht das vertraute Wir-Gefühl auf und ich kann mich von der guten Stimmung mitziehen lassen—ich bin endlich angekommen.

Mit einem hastigen Stupser gibt mir Laura zu verstehen, dass ihr Ex-Freund Elias auf uns zukommt. Ihr Katastrophenszenario tritt also gerade ein. Ich begrüsse ihn kurz, sie zeigt ihm lediglich ein zerknirschtes Lächeln. Nachdem er weitergeht, kommt ihre Antwort meiner Frage zuvor: "Ja, mir geht es gut. Hätte nicht gedacht, dass ich so gut damit klarkommen würde, ihn zu sehen." Die Party geht also weiter.

Foto vom Autor

Bevor ich mich versehe, habe ich bereits einige Jäger-Bombs intus und schlürfe an meinem weiss Gott wievielten Bier. Niemand muss sich hier verstellen, um cool zu wirken. Ich johle zu schlechten Ballermann-Songs und anstatt komisch beäugt zu werden, schliessen sich die Herumstehenden meinem lallenden Gesang lachend an.

Ich weiss nicht, wie viel Zeit verstrichen ist, als plötzlich Laura vor mir steht: "Er flirtet! Dieses Arschloch flirtet tatsächlich bereits wieder mit anderen Frauen!" Mein Versuch, sie zu beruhigen, scheitert augenblicklich: "Bist du dir sicher? Vielleicht unterhält er sich bloss mit jemandem." Sie starrt mich mit ungläubig aufgerissenem Mund an, als hätte ich gerade den dümmsten Satz seit der Entstehung der modernen Sprache von mir gelassen. "Er hat sich als Torhüter der Fussballmannschaft vorgestellt, das macht er nur, wenn er Eindruck schinden will! Ich bin doch nicht blöd!"

Mein fieses Grinsen muss zu offensichtlich sein, denn Laura quittiert mein Verhalten mit einem wütenden Blick und stürmt davon. Den Lokalmannschafts-Goalie-Titel springen zu lassen, um Eindruck bei Frauen zu schinden—wirklich? In Zürich geben Männer mit ihren Jobs als Grafiker bei renommierten Agenturen an, auf dem Land anscheinend mit dem Torhüter-Posten bei einem Viertligisten. Gut möglich dass das, was ich inzwischen als "normal" empfinde, nichts anderes als meine Angewöhnung ans Stadtleben darstellt—"normal" definiert sich vermutlich dadurch, an welche sozialen Codes man sich hält. Anscheinend identifiziere ich mich mittlerweile nicht mehr genug stark mit den lokalen Gepflogenheiten.

Doch wieso soll das eine besser oder schlechter als das andere sein? Das Prinzip ist und bleibt dasselbe: Männer möchten das andere Geschlecht beeindrucken. Während Laura munter vor sich hin flucht und ihrem inneren Kompass folgend auf einen weiteren Drink zusteuert, realisiere ich etwas anderes: Sie muss die andere Frau, mit der sich ihr Ex gerade unterhält, kennen. Das ist wohl die Schattenseite des "Jeder-kennt-Jeden".


Auch eine Trennung:


Von meinem schlechten Gewissen angetrieben, mache ich mich auf die Suche nach Laura. Dabei zwänge ich mich mit inzwischen beachtlichem Ausfallschritt durch eine Gruppe pubertierender Teenies und schlage zwei Jäger-Bomb-Umwege an der Bar ein, bevor ich sie schliesslich wieder finde. Ihre Stimmung ist deutlich gekippt und mir kommt es so vor, als ob ich das Salz ihrer bevorstehenden Tränen bereits riechen könne. Ich frage sie, ob alles in Ordnung sei oder ob ich sie lieber nach Hause begleiten solle. Dieses Mal antwortet sie ohne das erzwungene Lächeln: "Ich gehe kurz aufs Klo. Du kannst mit deinen Freunden noch ein Bier trinken und dann möchte ich gehen." Ich frage, ob ich sie zum Klo begleiten soll. Nein, meint sie, ich soll in der Nähe der Bar auf sie warten.

Wieder verstreicht Zeit und ich bin erneut in irgendeinem hoch philosophischen Gespräch vertieft, da klopft mir jemand auf die Schulter. "Laura sitzt weinend draussen im Regen. Du solltest dich wohl um sie kümmern," schreit mir ein alter Kumpel zwischen Wolfgang Petrys "Hölle Hölle Hölle"-Gebrüll ins Ohr.

Mit dem Beschützerinstinkt eines grossen Bruders mache ich mich auf den Weg. Was ich dann vorfinde, zeigt mir mal wieder, wieso die Leute und das Leben auf dem Land immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben werden. Wenn du in Zürich heulend und hysterisch aus dem Club rennst, interessiert das selten jemanden. Die sei sicher auf MDMA oder habe zu viel gesoffen, flüstert die anonyme Masse und der Abend nimmt seinen gewohnten Lauf.

Foto vom Autor

Wir in der Stadt machen uns gerne über die Leute auf dem Land lustig, dabei gibt es dort etwas, was viele von uns sehnlichst vermissen: Zusammenhalt. Wer dieses Privileg jedoch geniessen will, muss beinahe in solch einem Ort aufgewachsen oder extrem in der Gemeinde integriert sein. Ansonsten bekommt man von besagter Fürsorge herzlich wenig zu spüren. Eine Studie bestätigt das. Hilfsbereitschaft wachse (im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung) mit der Grösse einer Ortschaft , erst in Städten ab 300.000 Einwohnern sinke die Hilfsbereitschaft wiederum enorm. Die Experten erklären diese überraschende Eigenschaft auf dem Land so: "In Dörfern herrscht vermutlich ein starkes Wir-Gefühl, sodass Fremde eher auf Ablehnung stossen."

Da, an einer Feier in der Zürcher Agglomeration, sitzt eine schöne junge Frau im strömenden Regen mitten auf der Strasse und niemand fühlt sich in der Stimmung, einen schlechten Scherz oder unpassende Sprüche von sich zu geben. Eine Gruppe hat beschlossen, Wache zu stehen und formt in respektvollem Abstand einen Halbkreis um Laura herum—sie sind da, falls sie gebraucht werden. Im Vorbeigehen nicke ich ihnen zu und bekomme im Gegenzug ein freundliches Lächeln zurück. Ein alter Freund steht gebückt über Laura und redet beruhigend auf sie ein. Als er mich erblickt, verabschiedet er sich von ihr und sagt zu mir gerichtet: "Pass auf sie auf und sieh zu, dass sie gut nach Hause kommt. Schön, dass wir uns mal wieder gesehen haben." Daraufhin zieht die nicht minder betrunkene Meute weiter.

Jetzt ist Laura soweit, über die Trennung zu reden und kotzt sich den Rest der Nacht bei mir aus, bis sie nicht mehr kann. Trennungen sind scheisse, besonders auf dem Land.


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