The Off the Deep End Issue

Let’s Talk About Sex

Wie lernen Menschen, und insbesondere Frauen, etwas über Sex in einem Land, in dem Sex ein Tabu ist?

von Angelina Fanous
03 April 2015, 4:00am

Illustration von Daniela Carvalho

„Man bringt den Frauen bei, dass der Sex schmerzhaft ist, und dass ein Penis ihnen wehtun wird," sagte mir meine Kosmetikerin in ihrem am hinteren Ende einer kleinen Mall gelegenen Salon in Heliopolis, einer wohlhabenden Vorstadt Kairos. „Dann wollen sie keinen Sex haben und das Jungfernhäutchen bleibt intakt." Ghalia, die mich bat, ihren Nachnamen nicht zu nennen, verabreichte mir gerade ein Peeling als Teil meines „Bridal Works"-Komplettpakets, nach dessen Ende keine einzige Flocke toter Haut und kein einziges Härchen mehr auf meinem Körper zu finden sein würde. Wir Ägypterinnen neigen zu eher starkem Haarwuchs, also musste ich bei dem Ganzen immer wieder Pausen einlegen, tiefe Atemzüge nehmen, und mich mental an meinen „sicheren inneren Ort" konzentrieren. In einem Paralleluniversum, in dem meine Familie Ägypten nie verlassen hätte, würde ich ebenso hier vor Ghalia, oder jemandem wie ihr sitzen. Aber es würde wirklich der Vorbereitung auf meine Hochzeit dienen, nicht der Recherche für eine Geschichte.

Ich war mit einer Frage nach Ägypten gekommen: Wie lernen Leute—besonders Frauen—in einem Land, wo das Thema tabu ist, was Sex ist? Als ich in Zamalek, einem wohlhabenden Viertel in Kairo eine Packung Verhütungspillen kaufte, murmelte ein Ägypter neben mir, „Ekelhaft."

2010 schaffte die Regierung jegliche Form der sexuellen Aufklärung ab—das heißt selbst das absolute Minimum, das im Interesse der eigenen reproduktiven Gesundheit essentiell wäre—weil die Lehrer sich eh vor diesen Lehrinhalten drückten.

Daher wenden sich die Leute logischerweise dem Internet zu: Ägypten ist das Land, wo am zweithäufigsten das Wort „Sex" in Suchmaschinen getippt wird. Aber 2012 hatten lediglich 44 Prozent der Bevölkerung überhaupt Zugang zum Internet.

Ägyptische Mütter sind bekannt dafür, das Thema zu vermeiden—sie bereiten ihre Töchter lediglich auf die Enthaarung vor, die dem Brauch gemäß vor der Hochzeit durchgeführt werden muss. Sie schnappen ihre Töchter bei der Hand und schleppen sie in ein Beauty Center. Das ist der Ort, wo sie dann meist zum ersten Mal ein reales und ehrliches Gespräch über Sex führen können, normalerweise mit Frauen wie Ghalia.

Sie musste wegen des Gesichts lachen, das ich jedes Mal zog, wenn sie einen kalten Klumpen Halawa—ein auch als „Süßigkeit" bezeichnetes, beliebtes selbst hergestelltes Wachs—auf mein Bein klebte, abriss und den Vorgang dann wiederholte. Halawa ist nicht sonderlich effektiv. Sie musste dieselbe Stelle oft dreimal bearbeiten, bis die Haut purpurrot war und pulsierte.

Sie nahm ihre Sache sehr ernst und ließ kein einziges Haar aus, denn die ägyptischen Männer mögen ihre Bräute ebenso haarlos wie jungfräulich. Es ist zu einer ganz normalen Erwartung der ägyptischen Männer geworden, so wie Oralsex es bei amerikanischen Männern ist.

„Manche Mädchen weinen sogar schon, bevor ich anfange," sagte sie. Die Frauen bekommen ihr ganzes Leben lang eingetrichtert, dass das zur Ehe dazugehört, als wäre ein einziges vergessenes Arm- oder Schamhaar ein fürchterlicher Defekt. „Eine Braut rief ihren Verlobten an, um zu fragen, ob sie das Bikiniwaxing auslassen könnte." „Und was hat er gesagt?" „Er fragte sie sanft, ob sie es ihm zu liebe machen würde," erinnerte sie sich. „Ich sage ihnen, dass die ‚Süßigkeit' das Schlimmste an der Ehe ist," sagte sie und rollten denselben haarigen Halawa-Ball noch einmal auf meinen Beinen aus.

Ghalia war eine der wenigen Ägypterinnen, mit denen ich redete, die nicht das Thema wechselten, sobald ich Sex ansprach; sie war die Fragen gewohnt. Die Dynamik zwischen Ghalia und ihren Kundinnen entspricht der zwischen Therapeut und Klient. Sie sagte, dass sie oft Frauen treffe, deren Vaginalkanal vor lauter Angst so stark verkrampfe, dass die Penetration unmöglich sei.

Dr. Wagid Boctor, ein führender Psychologe, der regelmäßig im Fernsehen auftritt, behauptete, dass dies sogar recht häufig vorkomme, und sagte mir, dass er oft Frauen treffe, die physisch nicht in der Lage seien, Sex zu haben. Er berät dann beide Partner und verschreibt eine Kombination aus Muskelrelaxantien und Beruhigungstabletten.

Ägypten braucht dringend ein Programm der sexuellen Aufklärung, und Boctor hat diesen Job auf sich genommen, zumindest was die christlichen Gemeinden des Landes betrifft. Er ist ein Apotheker, der im zweiten Bildungsweg ein PhD in Familienpsychologie mit dem Schwerpunkt Sexberatung abgelegt hat. Er bezeichnet sich schon seit einiger Zeit informell als Sexberater und berät Paare in seiner Kirche, aber in den letzten zwei Jahren hat er zusätzlich begonnen, durch ganz Ägypten und Dubai zu reisen und an koptisch orthodoxen Kirchen Kurse abzuhalten.

„Wenn ich sie frage, was das Wort ‚Sex' bedeutet, ist die Reaktion immer dieselbe," sagte er über die Teenager im Oberstufen-Alter, die an seinem Unterricht teilnehmen. „Die Jungs fangen an zu kichern und sich in die Seiten zu stoßen und die Mädchen schauen zu Boden. Ich will, dass sich das ändert."

Er unterrichtet vier verschieden Altersgruppen: Teenager, Studenten, Erwachsene vor der Hochzeit und Eltern. Er findet, dass Sexualerziehung in einem jungen Alter als etwas „Natürliches", „Wertvolles" und sogar „Heiliges" eingeführt werden sollte. Er ermutigt die Schüler, ihm im Unterricht oder privat Fragen zu stellen. Und die Fragen kommen dann auch. „Sie fragen nach Analsex, Oralsex, Masturbation," sagte er mir. Analsex kommt laut Boctor nicht in Frage, da die Bibel ihn verbietet. Oralsex ist OK, solange beide Seiten es im Gleichgewicht praktizieren. Masturbation hält er für egoistisch; er konzentriert sich auf den zum gegenseitigen Vergnügen durchgeführten Sex. Eltern haben gegen seinen Unterricht demonstriert, ihren Kindern die Teilnahme verboten und sich bei der Kirche über die Kurse beschwert.

Das alles macht ihm nichts aus. Er glaubt, dass Sex ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist, und er weiß aus eigener Anschauung, dass mangelnde Aufklärung Leben zerstören kann. Vor zwei Jahrzehnten bat ihn eine Frau um Hilfe bei etwas, das sie als große Katastrophe ansah: Ihre vierjährige Tochter rieb sich permanent mit einem Sofakissen zwischen den Beinen. Die Frau hatte versucht es ihr auszutreiben, in dem sie ihr auf die Finger schlug und ihr sagte, dass es aaib sei—eine Schande, etwas Unangebrachtes—aber ihre Tochter hörte nicht auf. Die Frau hatte das Gefühl eine sexuell abartige Person großzuziehen.

„Ich erklärte der Mutter, dass das ganz normal sei, und das Mädchen wuchs ohne weitere Probleme auf," sagte er. „Sie ist jetzt verheiratet." Andere haben weniger Glück. Vor allem in ländlicheren Teilen des Landes greifen von der sexuellen Neugier ihrer Töchter überforderte Eltern auf die Beschneidung zurück—eine Praxis, die das sexuelle Begehren verringern soll.

In Oberägypten, einem ländlichen und traditionellen Teil des Landes, ist „Ehre" gleichbedeutend damit, die Jungfräulichkeit seiner Töchter zu erhalten. Die Männer hängen am Morgen nach der leilet el dokhla, der „Nacht der Vollziehung," die blutigen Laken auf—ein eher kindisches Ritual, das wohl verkünden soll, „Ich habe eine unbefleckte Frau aus gutem Hause geheiratet."

„Sie verstehen nicht, dass das Verlangen von hier kommt," sagte Boctor und zeigte auf seinen Kopf, „und nicht aus den Genitalien."

Während Frauen sich von Sex fernhalten sollen, beweisen Männer ihre Virilität durch Sex. Das Problem daran ist natürlich, dass man so mit einer Situation a là American Pie konfrontiert ist, wo junge Männer alles aus Pornos und aufgebauschten Geschichten lernen. Wenn dann der Moment kommt, wo sie ihre Männlichkeit, wenn man es so nennen will, „beweisen müssen," haben sie oft Schwierigkeiten.

Sie haben Angst zu versagen, was zu Impotenz, frühzeitigem Samenerguss oder beidem führen kann. Boctor beschreibt Männer in ihren 20ern und 30ern, die Viagra und Beruhigungsmittel kombinieren, um eine Erektion zu bekommen und diese dann auch nutzen zu können.

„Manche besorgen sich von ihren Freunden oder Freunden von Freunden Tramadol, und bauen dann rasch eine Toleranz auf und werden abhängig," sagte mir Boctor. Das Opiat wird entgegen seiner offiziellen Indikation auch gegen frühzeitigen Samenerguss verwendet. Ich erkannte den Namen sofort wieder, weil mein Fahrer mir die Droge vor ein paar Tagen angeboten hatte, nachdem er zuvor schon versucht hatte, mir Hasch zu verkaufen. Sie ist theoretisch legal, aber die Polizei überwacht ihren Verkauf so akribisch, dass die meisten Apotheken sie aus dem Sortiment genommen haben.

Peter Hessler hat in einer Geschichte im New Yorker vor kurzem über einen Müllmann geschrieben, der Tramadol für Sex benutzte, und nannte es dort das Viagra des armen Mannes: „In Wirklichkeit funktioniert die Droge nicht wie Viagra, aber viele ägyptische Männer scheinen das zu glauben." Er wies auf das Ungleichgewicht in den ägyptischen Familien hin—„Männer, die Sexdrogen nehmen und Frauen, die beschnitten werden und das Haus nicht verlassen dürfen."

„Sex ist das größte Problem, mit dem Ehen konfrontiert sind," sagte Boctor. „Selbst der Papst [der koptischen Kirche] hat die Aufklärung zur Pflicht eines jeden Paares, das heiraten will, erklärt."

Auf dem Heimweg von Boctors Wohnung fühlte ich mich gleichzeitig glücklich und nervös. Ich begab mich in Gedanken wieder in mein Paralleluniversum: Ich war als Koptin mit einem sehr traditionellen Vater aus Oberägypten, einem saadi, in El Badraschin aufgewachsen, wo es oft tagelang kein Wasser und keinen Strom gab. Es ist eine Gegend, die auch für Genitalverstümmelung bekannt ist. Meine Mutter erzählte mir später, dass sie eingeschritten war, damit meine Schwester und ich unbeschadet davonkamen. Aber was, wenn sie es nicht getan hätte?

Mein Vater war, wie im Grunde alle Ägypter, ein Opfer seines Umfelds. Nach 20 Jahren in Amerika hinterfragte er den kirchlichen Aufklärungsunterricht nicht mehr. Wäre ich in Ägypten geblieben, hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut aufgebracht, ihn zu fragen, ob ich da hin gehen dürfte.

Dieser Unterricht steht nur den Christen offen, die ungefähr sieben Prozent der Bevölkerung ausmachen. Damit verbleibt das Schicksal des Großteils der Ägypterinnen—ganz buchstäblich—in den Händen von Frauen wie Ghalia und anderen Kosmetikerinnen.

„Was sagst du einer Frau, die körperlich nicht dazu in der Lage ist, Sex mit ihrem Mann zu haben?," fragte ich sie. „Ich sage ihr, dass sie ihm zur sexuellen Befriedigung verhelfen muss, da er sonst Hodenkrebs bekommt," sagte sie, im vollen Glauben, dass dies der Wahrheit entsprach. „Irgendwann entspannt sie sich und sie haben Sex."

Illustration von Daniela Carvalho