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Die Geschichten, die man mitbekommt, wenn man beim Sorgentelefon arbeitet

Ich habe Menschen zugehört, die sich ihre pädophile Neigung nicht eingestanden, und Frauen, die zu grosse Angst hatten, ihre Männer zu verlassen.

von Milou, aufgezeichnet von Julie Le Baron
19 Mai 2017, 8:07pm

Foto: Martin Cathrae | Flickr | CC BY-SA 2.0

Bevor ich selber anfing, als freiwilliger Helfer bei einem Krisen- und Sorgentelefon zu arbeiten, hatte ich kaum eine Vorstellung davon, wie es bei einer solchen Einrichtung überhaupt zugeht. Ich dachte immer, dass die Arbeit nur damit zu tun haben würde, stundenlang Menschen zuzuhören, die das Glück verlassen hatte und die einfach etwas Gesellschaft oder moralische Unterstützung brauchten—und in vielen Fällen war es das auch. Was mir aber am meisten zu schaffen mache, abgesehen von der Menge an Anrufern, die sich ganz offensichtlich ihrer eigenen pädophilen Neigung nicht bewusst waren, war, wie viele „normale Menschen" dort anriefen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was für Menschen ich eigentlich am anderen Ende der Leitung erwartet hatte—vielleicht war ich auch einfach nur naiv—aber so viele Personen, mit denen ich mich dort unterhielt, hätten leicht Freunde oder Familienmitglieder von mir sein können.

Die Organisation, für die ich arbeite, hat Dutzende solcher Callcenter in ganz Frankreich. Das eine, in dem ich arbeite, befindet sich in einer kleinen Pariser Sozialbauwohnung und besteht aus einer Küche, einem Badezimmer und einem Wohnzimmer, das mit einem Haufen Telefonen versehen ist. Ein paar der 20 Freiwilligen—oder ‚Zuhörer'—in diesem Center arbeiten dort schon seit mehr als zehn Jahren. Das durchschnittliche Alter beträgt etwa 30 Jahre und es gibt genau so viele Frauen wie Männer.

Das erste Mal, als ich mich dort bewarb, wurde ich abgelehnt. Es ist tatsächlich ziemlich schwer, dort angenommen zu werden—der Job erfordert viel mehr als nur ausreichend Zeit zur Verfügung und Motivation. Die Leitung ist ziemlich wählerisch, damit sie nicht eine Menge Zeit darauf verschwendet, Menschen auszubilden, die einfach nur ihre Neugier befriedigen oder schnell etwas Gutes für ihr Gewissen tun wollen, nur um dann sechs Monate später wieder das Weite zu suchen. Die letztlich erfolgreichen Kandidaten kommen aus den verschiedensten Bereichen: einige sind Psychologiestudenten, die sich auf Einsamkeit, Depression und Wahnsinn spezialisiert haben, andere wiederum sehen es als eine Art Berufung, Menschen aus jeder beliebigen Situation herauszuhelfen, in der sie gelandet sind. Ich fragte mich auch selbst, ob ich nicht vielleicht einfach bloss aus voyeuristischen Motiven dort arbeite, aber am Ende kam ich zu dem Schluss, dass ich den Job aus den richtigen Gründen mache.

Bevor ich dort anfangen durfte, hatte ich drei verschiedene Vorstellungsgespräche bei drei verschiedenen Menschen. Sie fragten mich, warum ich dort arbeiten möchte, wann und wie oft ich arbeiten könne und ob ich zuvor schon mal depressiv gewesen sei—irgendwie scheinen alle dort einen siebten Sinn dafür zu haben, die persönlichen Schwächen von Menschen zu erkennen. Nachdem ich die Gespräche hinter mich gebracht hatte, musste ich drei Sitzungen lang nur zuhören—jede davon dauerte vier Stunden. Bevor ich selber Gespräche annehmen durfte, musste ich die anderen Zuhörer beobachten und meinen eigenen „Zuhörstil" entwickeln. Jeder hier hat seine ganz eigene Art zuzuhören.

Mein erster Anruf, den ich alleine entgegennehmen durfte, kam von einer jungen Tunesierin, deren Vater sie aus dem Haus geworfen hatte. Sie hatte anderen Menschen erzählt, dass sie von ihrem Bruder vergewaltigt worden war—etwas, das anscheinend ein Familiengeheimnis bleiben sollte. Die Unterhaltung dauerte etwa 50 Minuten und war direkt von Beginn an sehr intensiv.

Wir dürfen keine moralisierende Haltung einnehmen oder den Anrufer verärgern—egal, wie schlimm es ist, was er getan hat.

Unser strenges Regelhandbuch besagt, dass der Zuhörer niemals das Gespräch beenden darf. Ich hatte dementsprechend meine Mühe, die Unterhaltung davon wegzulenken, sich immer nur im Kreis zu drehen. Wenn so etwas passiert, dann wird einem geraten, den Anrufer davon überzeugen, das Gespräch selbst zu beenden. Dazu sagt man dann Sachen wie „Wenn Sie das auch so sehen, dann würde ich vorschlagen, es hier damit erst einmal dabei zu belassen." Die Anrufer versuchen oft, alles ein bisschen hinauszuzögern, indem sie ein paar Minuten länger diskutieren oder nach einem bestimmten Freiwilligen fragen, obwohl wir alle komplett anonym arbeiten.

Mein zweiter Anruf war auch komisch. Er kam von einem Mann, der nicht damit klarkam, dass seine Tochter älter wurde. Mir wurde später in dem Gespräch klar, dass das daran lag, weil sie sich nicht mehr von ihm missbrauchen lassen wollte. Solche Momente sind ziemlich schwer, weil wir ja jeder Person zuhören sollen. Wir dürfen solche Menschen schon fragen, ob sie wissen, dass das, was sie dort tun, strafbar ist—sonst aber nichts. Wir dürfen keine moralisierende Haltung einnehmen oder den Anrufer verärgern—egal, wie schlimm es ist, was er getan hat.

Alle drei Wochen haben wir ein Treffen unter der Aufsicht von ausgebildeten Psychologen, in dem wir alle schwierigen Gespräche diskutieren, die wir in diesem Zeitraum hatten. Wir analysieren jede Konversation und versuchen eine Methode zu erarbeiten, um in Zukunft mit ähnlichen Unterhaltungen besser umzugehen. Diese Treffen helfen in der Regel auch dabei, etwas Druck und Sorgen von einem zu nehmen, die man vielleicht an dem entsprechenden Abend mit nach Hause genommen hat.

Gelegentlich hat man Menschen am Hörer, die einfach nur ihre Enttäuschung ausdrücken möchten oder einfach komplett durchdrehen. Ich erinnere mich besonders an eine Frau: Eines Nachts unterhielten wir uns eine Stunde lang darüber, dass ihre Kinder sie nicht mehr besuchen kommen. Die Unterhaltung kam nicht wirklich voran, also versuchte ich, den Vorschlag zu machen, das Gespräch langsam zu beenden. Dann plötzlich, wie aus dem Nichts, änderte sich ihr Tonfall schlagartig und sie fing an, Obszönitäten in den Hörer zu schreien: „Wenn du mir so kommst, dann ziehe ich gleich mein Höschen aus und drücke dir meine Muschi ins Gesicht." Sie verwendete auch einige Minuten darauf, mich davon zu überzeugen, dass ich sie geschwängert habe, einzig und allein durch das Hören meiner Stimme. Am Ende hat sie sich dann allerdings entschuldigt. Ich schätze, das zählt auch was.

Ich glaube, der Anrufer, der mich am meisten aus dem Konzept gebracht hat, war ein 17-jähriger Junge aus Sarcelles—einer Stadt an der nördlichen Peripherie von Paris. Anhand unserer Unterhaltung merkte ich schnell, dass es das erste Mal war, dass er so eine Nummer angerufen hat. Anstatt nämlich anonym zu bleiben, gab er jedes noch so kleine Detail über sich preis. Er erklärte mir, dass er sich extrem einsam fühle. Seine beiden Freunde waren für ihr Studium weggezogen und er sah auch seine Cousins immer weniger. Er wollte vor allem wissen, wo er neue Freunde kennenlernen kann. Eigentlich war es ein ganz normaler Anruf, aber die Vorstellung, dass da ein 17-jähriger Teenager alleine in irgendeinem Vorort hockt und so verzweifelt nach etwa sozialer Interaktion ist, dass er ein Krisentelefon anrufen muss, machte mich unglaublich traurig. Mir wurde plötzlich klar, dass da draussen unglaublich viele Menschen von solchen Problemen betroffen waren—es konnte sich buchstäblich jeder am anderen Ende der Leitung befinden.

Ich war auch ernsthaft von der schieren Anzahl von Eltern schockiert, die bei uns anriefen, um darüber zu reden, wie ihre Kinder sich nicht um sie kümmern; oder den ganzen jungen Mädchen, die durch Krebs unfruchtbar geworden waren und zu viel Angst hatten, ihren schwangeren Freundinnen davon zu erzählen.

Einmal rief mich eine Frau an und sagte mir, dass sie vor ihrer Wohnung stehen würde, sich in ihr aber alles dagegen sträubt, durch die Tür zu gehen, weil sie ihren Mann so sehr verabscheut. Sie hatte ihr ganzes Leben nur um diese Beziehung herum aufgebaut und wagte es deswegen nicht, ihn zu verlassen. Ein anderes Mal sprach ich mit einer alten Dame, die mir davon erzählte, dass niemand sie besuchen wollen würde. Sie wurde langsam blind, hatte aber noch gesehen können, wie sie ihre Tochter beklaut. Sie hatte allerdings Angst, sie darauf anzusprechen, weil sie befürchtete, dass sie dann vielleicht nie mehr wiederkommen würde.

Überraschenderweise war mich solche Geschichten nie überwältigt. Klar, es ist nicht leicht, sich solche Sachen anzuhören, aber es ist auch wichtig, dabei im Hinterkopf zu behalten, wie viel dieser Anruf für die Person am anderen Ende der Leitung bedeutet. Manchmal kommt es sogar dazu, dass ich und der Anrufer zusammen lachen. Ich habe mich in vielen Fällen den Menschen nah gefühlt und war dankbar, dass sie mir einen Aspekt ihres persönlichen Lebens anvertraut hatten.

Nach jedem Gespräch müssen wir die Uhrzeiten aufschreiben, zu denen der Anruf begann und endete, präzise beschreiben, um was für eine Unterhaltung es sich gehandelt hat, und dann alles in ein paar Zeilen zusammenfassen. Diese Notizen sind zu nichts anderem da, als dem Zuhörer wieder etwas Distanz und Erleichterung zu verschaffen. Das ganze Center ist voll mit Ordnern, in denen jeder einzelne Anruf auf diese Art und Weise archiviert ist, und ich muss sagen, dass ich mehr als einmal daran gedacht habe, sie zu lesen. Am Ende ist es jedoch nie dazu gekommen und sehr wahrscheinlich ist das auch besser so.

Wenn du auch Probleme hast, über die du anonym sprechen willst, kannst du kostenfrei bei der Dargebotenen Hand anrufen. Wähle dazu die Telefonnummer 143. Weitere Hilfe findest du auch hier und hier.

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