Wie ein libanesischer Maschinenbaustudent zum Methkoch wurde

Der libanesische Walter White über seine Geschichte, „die man später seinen Kindern erzählen kann—wenn sie alt genug sind.“

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12 September 2014, 6:00am

Foto: Radspunk | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Auch wenn in der Post-Breaking-Bad-Welt des Methamphetamin-Geschäfts das gängige Klischee des Methkochs nicht mehr das ist, was es einmal war, entspricht Apo (so möchte er von uns genannt werden) so gar nicht dem Bild, das man von jemandem mit seiner Vergangenheit hat. Wir trafen uns in einer Bar im Osten Beiruts. Er trug ein pinkfarbenes Polohemd von Ralph Lauren und machte generell einen sehr gepflegten Eindruck. Er war ein bisschen schüchtern und strahlte eine Gutherzigkeit aus, die so gar nicht zu dem Image eines Mickey Rourke in Spun passen wollte. Da seine Zeit im Gefängnis mittlerweile weit genug zurückliegt, hatte der „Walter White des Libanons“ zu diesem Treffen eingewilligt.

Apo wuchs 20 Minuten außerhalb von Beirut auf. Er beschreibt sich selber als „nicht gerade der Vorzeigestudent, aber durchaus gut. Der beste in meiner Familie, immerhin.“ Wie viele andere junge Libanesen begann er nach seiner Schullaufbahn ein Studium und schrieb sich an einer der großen Universitäten des Libanons für Maschinenbau ein.

2005, er hatte inzwischen zwei Jahre studiert, nahm sein Leben eine dramatische Wendung. Alles begann mit dem langsamen Aufkommen von Underground-Partys in Beirut. Trance und House fanden ihren Weg in die libanesische Musikszene und, wie in so vielen anderen Ländern auch, kamen damit die Drogen—in erster Linie Ecstasy, Kokain und Speed. Die Szene traf sich vor allem in den kleinen Clubs der Hauptstadt—im „BO18“, einem alten, umgebauten Bunker, und in dem inzwischen nicht mehr existierenden „The Basement“—aber auch in größeren Läden wie dem Forum de Beyrouth und dem Biel, einem Veranstaltungsort mit Meerblick. Sowohl Apo als auch sein Freund, der von uns Sami genannt werden möchte, beschrieben diese Zeit, eine Zeit geprägt von jugendlichem Leichtsinn, als die beste ihrer Jugend. Das Urteil fällt einhellig aus: „Der Libanon pulsierte.“ 

Apo und seine Freunde verbrachten Wochenende auf Wochenende damit, auf Raves zu gehen und Mädchen anzubaggern. Sie interessierten sich aber auch brennend für die unterschiedlichen Chemikalien, mit denen sie rumexperimentierten. Daher recherchierten sie im Internet, um mehr über die verschiedenen chemischen Verbindungen der Pillen herauszufinden, die sie sich jedes Wochenende einwarfen. Es war dann aber letztendlich eine Droge, die sie selber herstellen konnten, die ihr besonderes Interesse erweckte. „Es war wie im Himmel, wenn man die Nebenwirkungen ignorierte“, beschrieb Apo seinen anfänglichen Eindruck von Meth. „Du bist produktiv, wach und freundlich“, fügte er hinzu—Eigenschaften, für die sich wahrscheinlich jeder junge Erwachsene erwärmen kann. 

Sie fingen an, für sich und ihre Freunde zu kochen. Es war eine billige Alternative zu den teuren Drogen auf dem Markt und Konkurrenz gab es kaum. Abgesehen von dem Gerücht über einen armenischen Koch, der schon Jahre zuvor nach Jerewan geflohen war, war Meth ein neues Phänomen im Libanon. Apo erzählte mir, dass er sieben Monate brauchte, um das Kochen richtig zu meistern. Sie besorgten sich Sudafed (eine Erkältungsmedizin mit dem Wirkstoff Pseudoephedrin—ähnlich wie Aspirin Complex) in den örtlichen Fitnessstudios, die das Medikament als Appetitzügler verkauften. Die chemischen Ausgangsstoffe, die in Europa oder in den USA schwer zu beschaffen sind, besorgten sie einfach bei den gleichen Firmen, die auch die Universitätslabore beliefern. Die provisorischen Küchen bauten er und seine Freunde dann an jedem Ort auf, der in Frage kam. In der Regel waren das die Keller ihrer Elternhäuser.

Eines Tages begann Apo mit seiner Crew in einer der Elternwohnungen zu kochen. Mitten im Prozess fing der ganze Aufbau plötzlich Feuer. Der Brand geriet außer Kontrolle und breitete sich schnell bis zum Balkon hin aus. Einer seiner Freunde schnappte sich einen Feuerlöscher, aber die Lösch-Chemikalien mischten sich mit den Meth-Dämpfen und so war die ganze Wohnung von einem dicken, weißen Staub bedeckt. Nur Sekunden später trat die Mutter von Apos Freund entgeistert durch die Wohnungstür. Sie sagten, dass ihnen ein Uni-Experiment schiefgegangen sei. Die Mutter glaubte ihnen.

„Das war alles so ‚Jungs sind eben Jungs’“, so Apo. „Am Anfang ging es einfach nur darum, dabei zu sein.“

Sobald die Crew ihre Kochmethode perfektioniert hatte, versorgten sie den engsten Freundeskreis mit Stoff und feierten exzessiver denn je. In einem Land, in dem Jugendarbeitslosigkeit weit verbreitet ist, hatte Apo seine Bestimmung gefunden. „Es ist eine Art von Kunst; als würdest du etwas malen.“

Aus der Kunst wurde schnell ein Geschäft. Innerhalb von sieben Monaten sahen Apo und seine Crew langsam einen potenziellen Markt heranwachsen. Immer mehr Freunde von Freunden fragten bei ihnen an. Sie waren froh, damit etwas Geld zu machen. Neben dem Geld machten sie aber auch Süchtige—sie selber eingeschlossen. „Ein Jahr lang macht es Spaß und dann setzt die Paranoia ein, du leidest unter Schlafmangel und wirst dünn. Wenn du schlafen willst, kannst du es nicht“, erklärte Apo. Das in Kombination mit dem ganzen Geld, das sie jetzt verdienten, erschuf in der Crew eine Atmosphäre des Misstrauens. Aus einstmaligen Freunden waren gierige Geschäftspartner geworden. Aus den Anfängen des „etwas Meth unter Freunden“ hatte sich ein florierendes Drogengeschäft entwickelt, das sich inzwischen weit über Apos größtenteils armenische Crew hinaus ausgebreitet und unabsichtlich die libanesische Partyszene infiltriert hatte. Meth war in Beirut auf dem Durchmarsch. 

Bis dahin hatte die Crew es geschafft, von der Polizei unbemerkt zu operieren. Der Libanon ist allerdings ein kleines Land. Sie wussten nicht, dass einer ihrer Kunden gleichzeitig als Informant für die Polizei arbeitete. Solange er seinen Stoff bekam, hielt der Spitzel jedoch seinen Mund. Durch den akuten Schlafmangel grassierte die Paranoia unter den einzelnen Crewmitgliedern und es machte sich immer mehr das Gefühl breit, langsam aber sicher die Kontrolle über alles zu verlieren. Man begann, potentielle Kunden abzuweisen und ohne Stoff wieder wegzuschicken. Ungefähr zur gleichen Zeit fing Apo an, das volle Ausmaß seiner eigenen Abhängigkeit zu erkennen. Er wollte raus aus der ganzen Sache und ließ sich in ein Krankenhaus einweisen, um wieder clean zu werden. Während sich Apo also im Krankenhaus befand, hatten seine Partner auch den Spitzel mit leeren Händen wieder weggeschickt. Der ging daraufhin zur Polizei.

Vier Tage nachdem Apo aus dem Krankenhaus entlassen worden war, klopfte die Polizei an seiner Tür. Sie wussten alles. Er kam vor Gericht, wurde verurteilt und ins Roumieh gesteckt, dem größten und berüchtigsten Gefängnis des Libanons. Dort saß er dann eine vierjährige Haftstrafe ab. Für einen jungen Mann, der in traditionell-libanesischen Familienstrukturen aufgewachsen war, stellte der Gefängnisalltag eine tiefgreifende Veränderung dar. Er brauchte sechs Monate, um sich dort halbwegs zurecht zu finden. Er nahm Xanax, um seine Angstschübe unter Kontrolle zu bekommen, war nichtsdestotrotz aber zielstrebig. „Wenn du in der Wüste ausgesetzt wirst, musst du einfach lernen, dort zu überleben“, sagte er mir.

Apo, noch immer diesseits der 30, wurde schließlich aus dem Gefängnis entlassen. Er kehrte zurück an die Uni, wo er jetzt seinen Bachelor abschließt. Er sagte, dass die Polizei ihn mittlerweile sein Leben leben lässt, ohne ihn weiterhin regelmäßig zu kontrollieren. Er ist nicht stolz auf das, was er getan hat, aber „es ist definitiv eine Geschichte, die man später seinen Kindern erzählen kann—wenn sie alt genug sind.“ Er hat jetzt neue Freunde, aber auch über seine ehemaligen Geschäftspartner sagte er: „Ich respektiere sie immer noch. Ist halt blöd gelaufen.“

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