Warum riecht Schweiß manchmal nach Marihuana?

Das Phänomen von cannabis-artigen Körpergerüchen existiert tatsächlich. Wir haben einige der angesehensten Biologen und Cannabis-Experten der Welt zu genau diesem Thema befragt.

|
08 Februar 2016, 11:45am

Original-Foto: nathanmac87 | Flickr | CC BY 2.0

Eine visuelle Impression von nach Cannabis riechendem Schweiß | Original-Foto: nathanmac87 | Flickr | CC BY 2.0

Das erste Mal, dass mir mein nach Marihuana riechender Schweiß bewusst aufgefallen ist, war nach dem Sex mit meiner damaligen Freundin. Sie stupste ihre Nase gegen meine Brust und meinte: „Hey, du riechst nach Skunk!" Ich schnüffelte an meinen Achselhöhlen und musste ihr Recht geben.

Wie sich herausstellen sollte, bin ich nicht der einzige Mensch, der sich schon mal mit nach Marihuana riechendem Schweiß auseinandersetzen musste. Eine schnelle Google-Suche bescherte mir mehrere Diskussionen sowie einen Reddit-Thread, in denen über dieses Phänomen geredet wurde. Genauso wie ich scheinen auch die meisten Anderen ziemlich verblüfft gewesen zu sein. „Ich habe nach dem Training an meinen Achselhöhlen gerochen", erzählte mir der Reddit-User RIP_MAC_DRE. „Davor hatte ich vielleicht schon so zwei bis drei Jahre lang gekifft und merkte dann eben, dass mein Schweiß nach Gras duftete. Das fand ich ziemlich witzig."

Ich habe schließlich die ganze Nacht damit verbracht, das Internet nach Antworten zu durchforsten. Mehr als einige wenige Yahoo-Answer-Seiten förderte ich jedoch nicht zutage—und selbst da wurde mir nur beschrieben, wie man sich waschen sollte. Da ich sowieso nichts Besseres zu tun hatte, machte ich mich unbeirrt daran, einige der angesehensten Biologen und Cannabis-Experten der Welt zu kontaktieren und sie von wichtigeren Dingen abzuhalten, denn ich wollte unbedingt herausfinden, warum mein Schweiß manchmal nach Marihuana riecht.

In einer exklusiv für VICE geschriebenen Forschungsabhandlung verglich Dr. Matan Shelomi, ein Forscher am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie, verschiedene Studien, in denen Cannabis und menschlicher Schweiß in die einzelnen Bestandteile zerlegt wurden, um zu überprüfen, ob es da irgendwelche Übereinstimmungen gibt. Das Ergebnis: Marihuana besteht aus 233 Elementen und Verbindungen, menschlicher Schweiß aus knapp 100—und 11 dieser Elemente und Verbindungen wurden in beiden Stoffen gefunden.

„Es hat den Anschein, als ob mehrere der Verbindungen, die für den unverkennbaren Geruch von Marihuana verantwortlich sind, auch in Trainingssocken gefunden werden können", meinte Dr. Shelomi zu mir. „Jetzt brauchen wir nur noch eine statistisch aussagekräftige Anzahl an nach Cannabis riechenden Probanden sowie ein olfaktorisches Labor, das zu allen Schandtaten bereit ist."

Munchies: „Du bist, was du isst"—Deshalb stinkst du wie eine Mülltonne

Die wissenschaftlichen Durchbrüche folgten dann Schlag auf Schlag. So dauerte es nicht lange, bis Dr. Shelomi klar wurde, dass der Cannabis-Geruch wahrscheinlich vom apokrinen und nicht vom ekkrinen Schweiß herrührt. Ekkriner Schweiß ist transparent und wässrig und reguliert den Wärmehaushalt des Körpers. Die apokrinen Schweißdrüsen, die sich vor allem im Achselhöhlen- und Genitalbereich befinden, sondern ihr Sekret beim Sex und bei Stress ab.

„Ich weiß noch, wie ich in der Schule ein Referat halten musste und das Phänomen kurz davor bemerkte", erzählte mir Trent aus Kansas. „Irgendwann wurde mir dann klar, dass der Schweiß in meinen Achselhöhlen nur vor oder während stressigen Situationen nach Gras riecht."

Genau diesen Umstand nutzte Dr. Shelomi auch als Grundlage für eine potenzielle Hypothese: „Wenn auch andere Menschen eine solche Erfahrung gemacht haben, dann können wir die Quelle des Cannabis-Geruchs auf die Absonderungen der apokrinen Schweißdrüsen eingrenzen."

Eine weitere Hypothese, die von Dr. Justin Fischedick, einem Forscher am Institute of Biological Chemistry der Washington State University, aufgestellt wurde, besagt Folgendes: Schweiß enthält aromatische Pflanzenstoffe—auch als Terpenoide und Terpenen bekannt. Pflanzen setzen Terpenoide und Terpenen auf ihren Blättern und Blüten frei, um Bestäuber anzulocken und um für sie gefährliche Insekten zu vertreiben. „Es hat den Anschein, als ob vermehrt trainierende Personen den Geruch bei sich feststellen", erklärte mir Dr. Fischedick. „Da Terpenoide und Terpenen fettlösliche Stoffe sind—genauso wie THC—, werden sie womöglich in den Fettzellen gespeichert und während körperlicher Anstrengung freigesetzt."

Diese Erklärung schließt auch die Leute mit ein, die Cannabis zwar konsumieren, aber seit Jahren kein Gras mehr geraucht haben. Vielleicht wurde mein Körpergeruch permanent verändert, weil ich in jüngeren Jahren quasi täglich gekifft habe. „Es würde mich nicht überraschen, wenn intensiver Cannabis-Konsum den Körpergeruch nachhaltig verändern könnte", meinte Dr. Shelomi zu mir. „So wird doch im Internet auch häufig davon berichtet, dass man zwar mit dem Kiffen aufgehört hätte, aber immer noch nach Marihuana riechen würde."

Ich wollte jetzt zwar keinen Experten anzweifeln, aber mir erschien dieser Gedanke einfach unmöglich. Ich ging eher davon aus, dass der Geruch durch Gemüse verursacht wird, das die gleichen Terpenoide und Terpenen enthält wie Cannabis. Dieser Ansatz kam auch in den Reddit-Diskussionen zur Sprache: „Bei den Gerüchen kann es natürlich Gemeinsamkeiten geben", schrieb der User LarsHoneytoast. „Ich glaube, dass Gras, Schweiß und der Kopfsalat von Subway in der gleichen olfaktorischen Kategorie angesiedelt sind."

Diese Behauptung musste ich natürlich irgendwie bestätigen lassen—am besten von jemanden, der sich nicht nach einem leckeren Teil des Frühstücks benannt hat. „Verantwortlich für den Geruch von Cannabis sind dessen Terpene", erklärte mir Dr. Franjo Grotenhermen, der Geschäftsführer der International Association for Cannabinoid Medicines. „Der Konsum von anderen Pflanzen mit den gleichen Terpenen kann so auch zu einem ähnlichen Geruch führen."

Dank verschiedener Gras-Enthusiasten, die ständig neue Sorten hervorbringen, gibt es inzwischen viele Cannabis-Varianten, die die gleichen Terpenoide und Terpenen besitzen wie viele andere Pflanzen—Blueberry Cheesecake und Orange Bud sind dafür zwei berühmte Beispiele. Es existiert also eine ganze Menge an Pflanzen, die deinen Schweiß nach Marihuana riechen lassen könnten.

Wenn nach Cannabis duftende Terpenoide und Terpenen jedoch so geläufig sind, warum riechen dann nicht mehr Menschen wie die Görlitzer Park in Berlin nach dem Kiff-In? Nun, der Schweißgeruch wird nicht allein durch Terpenoide und Terpenen verursacht, sondern auch durch Bakterien auf der Haut, die die Schweißmoleküle in kleinere und flüchtigere Bestandteile aufspalten, die dann wiederum verdunsten. Der apokrine Schweiß ist dazu noch ein Cocktail aus Mineralien, Pheromonen und Harnstoff. Es scheint, als lässt sich der cannabis-artige Geruch auf eine bestimmte Kombination dieser Dinge zurückführen—und das mach das Ganze zwar unüblich, aber nicht unmöglich.

Noisey: Der Eine von Mars Volta hat wöchentlich Gras im Wert von 1000 US-Dollar weggeraucht

Es könnte da draußen noch viel mehr Leute geben, die zwar noch nie gekifft haben, deren Körper aber dennoch die richtigen Stoffe enthalten, um den Marihuana-Geruch zu produzieren. Natürlich würden sie diesen Geruch wohl kaum bemerken, da sie ja noch nie Gras geraucht haben und dementsprechend nicht wissen, wie das Ganze riecht. Vielleicht kennen sie den Geruch aber auch und es ist ihnen bloß egal—somit müssen sie sich auch nicht die Nacht mit Google um die Ohren schlagen und nicht mehrere Wissenschaftler mit diesem Thema beschäftigen.

Alles, was uns jetzt noch übrig bleibt, ist, mal wieder die alte wissenschaftliche Phrase „Es muss einfach noch mehr geforscht werden" zu bringen. Immerhin ist Dr. Fischedick bereit, genau das zu tun: „Eigentlich kann man den Zusammenhang zwischen Marihuana und Schweiß nur mit vollständiger Sicherheit herstellen, wenn man mehrere Probanden Gras rauchen lässt, sie dann aufs Laufband schickt, anschließend etwas Schweiß einsammelt und das Ganze letztendlich mithilfe diverser Gerätschaften untersucht."

Würde sich dazu denn jemand bereiterklären?