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Heidi wird im blutigsten Heimatfilm aller Zeiten zur feministischen Splatter-Ikone

Wir waren mit dem Regisseur des Schweizer Splatter-Films 'Heidiland' im Heidiland.

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Juli 6 2017, 12:11pm

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UPDATE, 25.09.2018: Hier ist der erste Teaser zum Film Mad Heidi:


Um die engen Kurven, die von Maienfeld hoch ins Heididorf führen, schlängelt sich träge ein scharlachroter Reisebus. In der ruhigen Naturkulisse der Bündner Alpen wirkt er wie ein Fremdkörper, ja fast schon wie ein Eindringling. Alles an ihm stört. Von der stechenden Farbe über den knurrenden Motor bis hin zu seiner Karosserie, die nur knapp auf die schmale Landstrasse passt. In Cars wie diesem strömen heute hunderte Touristen aus aller Welt ins Heididorf, um ein Selfie vor dem Haus zu schiessen, dessen ehemalige Bewohnerin Johanna Spyri zur Heidi-Figur inspiriert hatte. Mit ihren Heidi-Büchern trug die Schweizer Autorin das romantisierte Bild einer idyllischen Schweiz hinaus in die Welt. Ihre Bücher wurden in über 50 Sprachen übersetzt. Der Mann, den ich heute begleite, ist jedoch angetreten, um mit dieser schmalzigen Heimatidylle zu brechen: Mit dem blutigsten Heimatfilm aller Zeiten – Heidiland.

Foto von Facebook

Johannes Hartmann, Regisseur und Produzent der Berner Produktionsfirma Decoy Films, hat für den ersten Swissploitation-Film überhaupt prominente Schützenhilfe erhalten. Und zwar von niemand geringerem als Tero Kaukomaa, dem Produzenten von Iron Sky. Ich habe mich im Heididorf mit dem Berner Filmemacher darüber unterhalten, was wir von seinem ersten Langspielfilm erwarten dürfen und nebenbei noch ein bisschen nach Locations gescoutet.

VICE: Bis auf das Teaser-Plakat, das ein rachsüchtiges Heidi und einen General beim Rütlischwur zeigt, wissen wir noch nicht so viel über Heidiland . Was kannst du zur Story-Outline verraten?
Johannes Hartmann: Der Film spielt in einem apokalyptischen Zukunftsszenario: Auf der ganzen Welt herrscht Bürgerkrieg, nur in der Schweiz scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Zumindest von aussen. Denn anstatt sieben Bundesräten gibt es nur noch einen, den Populisten Hermann Meili, der die Schweiz mit einer hohen Mauer abgeschottet hat und vor fremden Einflüssen zu beschützen vorgibt. Die vermeintliche Idylle geniessen kann jedoch nur die Oberschicht, alle anderen müssen sich dem autoritären Regime untergeben. Subversive Kräfte werden von der Morgenstern-Miliz aufgesucht und weggesperrt. Während Kommandant Knorr mit seiner Miliz die Drecksarbeit erledigt, geniesst Bundesrat Meili am Pool seiner Villa an der Zürcher Goldküste in der Gesellschaft von leichtbekleideten Frauen das Leben.

Abseits von allen Umwälzungen ist Heidi mittlerweile erwachsen geworden und lebt als ehemaliger Kinderstar ein ruhiges Leben in den Alpen. Bis sie eines Tages mit der Morgenstern-Miliz in Konflikt gerät und sich daraufhin mit den Bauern verbündet, um geschlossen gegen das tyrannische Regime von Bundesrat Meili anzukämpfen.

Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Ich habe mir einfach überlegt, was passieren würde, wenn die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ein paar Jahre so weitergehen. Es ist im Grunde eine konsequent zu Ende gedachte Version der vorherrschenden Angstpropaganda, wenn auch eine zugegeben leicht überspitzte Projektion.

Welche reale Personen haben dich zur Figur des Bundesrats Meili inspiriert?
Ich will hier keine Namen nennen, aber man wird im Film dann schon merken, um wen es gehen könnte. Es gibt genug populistische Demagogen. Im Ausland, wie auch in der Schweiz.

Johannes nimmt Platz in einem Rollstuhl, in dem auch Klara hätte fahren können

Weshalb hast du gerade Heidi in dieses dystopische Zukunftsszenario eingebunden?
Da ich den Eindruck habe, dass in der Schweiz immer nur dieselben Heimatfilme gefördert und umgesetzt werden, hatte ich schon lange die Idee, einen Genre-Heimatfilm zu machen. Die Schweiz bietet sich dafür landschaftlich und kulturell ideal an. Dass es dann gerade die Heidi-Figur sein sollte, war eher eine Marketingüberlegung. Wir wollen mit dem Film ein internationales Publikum ansprechen und da ist Heidi nun mal viel bekannter, als etwa Uli der Knecht.

Im Heidihaus behauptete die Off-Stimme im Lautsprecher, dass Heidi neben der Bibel weltweit am zweitmeisten gelesen wurde. Wie erklärst du dir die Popularität dieser Geschichte, weshalb können sich sogar Japaner oder Araber mit dieser Geschichte identifizieren?
Keine Ahnung, ob das organisch gewachsen ist, oder von Verlagen in gewissen Regionen gezielt gepusht wurde. Ich weiss auch nicht, ob die Japaner die Schweiz generell feiern und deswegen Heidi-Fan sind, oder umgekehrt. Aber es ist schon abgefahren, dass es in Japan Alphorn- und Jodler-Festivals gibt. Vielleicht ist es die utopische Sehnsucht nach einem idyllischen Leben in den Alpen.

Ihr nennt das Genre des Schweizer-Splatter-Heimatfilms "Swissploitation". Welche Begriffe stehen dahinter?
Bei Swissploitation handelt es sich um ein Subgenre der Exploitation-Filme, wie sie Roger Corman in den USA während der 70er Jahre berühmt gemacht hat. Exploitation, weil sie gewisse Themen zu Marketingzwecken reisserisch ausgebeutet haben, um möglichst viele Leute ins Kino zu locken. Dies hat auch zu unzähligen Subgenres geführt wie etwa "Blaxploitation", "Sexploitation" oder gar "Naziploitation". Ein aktuelleres Beispiel für einen erfolgreichen Exploitation-Film ist Machete – ein typischer "Mexploitation-Film". Obwohl Cormans Filme nach aussen reisserisch verpackt sind, steckt hinter der Fassade meist mehr als bloss stumpfes Geprügel, oft gibt es einen polit- und sozialkritischen Kern. Genau das will ich mit Heidiland auch machen.

Natürlich liessen auch wir es uns nicht nehmen, uns vor dem Heidi Haus zu verewigen

Und obschon der Schweizer Produzent Erwin C. Dietrich in den 50er bis 80er Jahren fast hundert Exploitation-Filme produziert hatte, behaupte ich, dass wir die ersten sind, die Swissness marketingtechnisch ausbeuten und somit den ersten Swissploitation-Film produzieren.

Wie wird Dein Film das Bild ändern, das die meisten Touristen hier im Heididorf von der Schweiz erhalten?
Ich muss erst noch herausfinden, welches Bild die Leute von der Schweiz tatsächlich haben, welche Klischees sie überhaupt kennen und welche Witze tatsächlich funktionieren. Ich denke, die meisten Leute hier sehen die Schweiz als ländliche Idylle, die es mit einem guten politischen System zu viel Wohlstand gebracht hat. Aber ich will später noch einen ausländischen Drehbuchautor mit ins Boot holen, damit ich die Geschichte auch durch die Augen eines Nicht-Schweizers erleben kann. Aber niemand soll diesen Film so ernst nehmen, dass er seine Sicht auf die Schweiz verändern würde. Und schlussendlich ist Heidiland im Grunde ein Liebesbrief an die Schweiz, der die Leute daran erinnern soll, dass sie zu dem, was wir hier haben, Sorge tragen sollen. Beispielsweise dem Umstand, dass eine Person oder eine Partei nicht zu viel Macht erlangen kann.

Auch das produzieren von Instastories gehört zum Alltag eines Regisseurs

Wie hoch schätzt du die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz in Zukunft zu einer Autokratie verkommen könnte?
Das ist schwierig zu sagen – theoretisch reicht die richtige Initiative oder ein bestimmter Kandidat und die Mehrheiten können sich völlig neu verteilen. Und somit auch die Machtverhältnisse. Siehe zum Beispiel Donald Trump. Aber ich mache mir jetzt nicht wirklich ernsthafte Sorgen um die Demokratie in der Schweiz. Zumindest bis jetzt noch nicht.

Was können unsere Politiker von deiner Heidi-Figur lernen?
Heidi ist erwachsen geworden, sie ist eine Rebellin, die die Herrschaftsverhältnisse hinterfragt und herausfordert. Gewissermassen eine feministische Interpretation von Wilhelm Tell. Da könnte sich schon der eine oder andere Politiker eine Scheibe von abschneiden.

Wie hast du es eigentlich geschafft, Tero Kaukomaa, den Produzenten von Iron Sky, von deiner Idee zu überzeugen?
Vor einiger Zeit habe ich Tero, der übrigens seit fast zwanzig Jahren in Zürich lebt, eine Story-Outline zu Heidiland geschickt und ihn direkt gefragt, ob er an dem Projekt interessiert sein könnte. Er war sofort begeistert. Gemeinsam haben wir dann nach einem Schweizer Produzenten gesucht und konnten schlussendlich Valentin Greutert ( Amateur Teens, One Way Trip 3D u.A.) ins Boot holen. Ich habe also das Glück, zwei sehr erfahrene Produzenten im Rücken zu haben, die sich um die Finanzierung und den ganzen geschäftlichen Teil des Filmemachens kümmern, während ich mich voll auf den kreativen Part konzentrieren kann.

Johannes hat während unseres Ausflugs nebenbei noch nach Locations gescoutet
Johannes hat während unseres Ausflugs nebenbei noch nach Locations gescoutet

Wie viel Geld müssen die für deinen Film zusammenbringen?
Wir rechnen mit einem sehr kleinen Budget von weniger als einer Million Schweizer Franken. Mit so einem kleinen Budget könnte es sein, dass wir einen Teil des Films in Osteuropa, in Bulgarien oder Rumänien, drehen. Was landschaftlich passen würde und gleichzeitig lustig wäre, einen Schweizer-Film im Ausland zu drehen.

Wie schaut's aus mit dem Cast? Kannst du da schon mehr verraten?
Die Besetzungen von Heidi und dem Geissenpeter sind noch geheim. Kommandant Knorr wird jedoch von Max Rüdlinger gespielt. Der Teaser-Dreh im August wird gleichzeitig auch die letzte Castingrunde für alle Schauspieler sein. Dann können wir schauen, wie das Publikum die Schauspieler aufnimmt.

Mit wie vielen Litern Kunstblut rechnet Ihr?
Der Special-Effects-Supervisor hat mir seine Kunstblutkalkulation bis jetzt noch nicht durchgeschickt, aber es werden wohl schon ein paar Kanister sein.

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