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Es ist unsere Pflicht, Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu bewahren

Am Montag gingen im Mittelmeer vier Boote mit insgesamt über 400 Passagieren an Bord unter. Haben wir uns etwa nur im Kreis gedreht?

von Bence Jünnemann
19 April 2016, 8:52am

Ggia | Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Ziemlich genau vor einem Jahr ertranken innerhalb weniger Tage mehr als 1.400 Menschen im Mittelmeer. Am 13. April 2015 starben 9 Menschen, 391 wurden auch Tage nach dem Unglück vermisst. Nur fünf Tage später, am 18. April, gab es 142 bestätigte Tote, 630 wurden weiterhin vermisst. Sie alle hatten versucht, in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Europa zu gelangen. Wenige Tage nach diesen Unglücken berief die europäische Führungsebene einen Sondergipfel der Regierungschefs in Brüssel ein. Sie beschlossen gemeinsame Maßnahmen.

Schleuser sollten bekämpft und Rettungsaktionen verstärkt werden. Nach diesem Beschluss wurde es um die Bootsflüchtlinge plötzlich stiller. Am Montag, genau ein Jahr nach dem letzten verheerenden Unglück, gingen im Mittelmeer vier Boote mit insgesamt über 400 Passagieren an Bord unter. War alles umsonst? Haben wir uns nur im Kreis gedreht?

Ab Sommerbeginn 2015 ging die Zahl der Bootsunglücke deutlich zurück. Aber nicht etwa, weil sich die Maßnahmen der EU so gut bewährten, sondern weil sich die Route irakischer und syrischer Flüchtlinge auf den Westbalkan verlagerte. Nachdem die Route nun wieder geschlossen wurde, verlagert sich langsam alles zurück ins Mittelmeer. Wenn dieser Trend weitergeht und sich nicht sehr schnell etwas ändert, werden in den kommenden Wochen und Monaten viele Menschen sterben. Das Wetter wird wieder wärmer—bei passendem Wellengang werden mehr und mehr Menschen die gefährliche Reise über das Mittelmeer wagen.

Nun kann man über die Flüchtlingspolitik denken, was man will. Womöglich flüchten nicht alle vor dem Krieg. Womöglich durchqueren die Menschen vor ihrer Ankunft in Österreich einige sichere Drittstaaten. Womöglich verlassen einige ihre Heimat auch „nur" aus wirtschaftlichen Gründen und womöglich sind auch ein paar Kriminelle unter ihnen. Fakt ist jedoch, dass es sich um Menschen handelt. Die meisten kommen mit guter Absicht. Sie wollen nach Europa, um ein besseres Leben anzufangen. Weil sie dem Leben in ihrer Heimat unzufrieden sind. So unzufrieden, dass sie bereit sind, ihr Leben zu riskieren.

In der Hoffnung auf ein besseres Leben setzen sich diese Menschen auf überfüllte Gummiboote. Sie verharren wochenlang bei Schnee, Eis und Regen in provisorischen Lagern. Wenn man diese Menschen gesehen hat, wie sie ohne Gepäck und passendem Gewand auf Äckern und Wiesen schlafen und sich an Feuerstellen wärmen, die sie aus weggeworfener Kleidung und nassem Karton machen—dann muss man schlichtweg an die menschliche Vernunft appellieren.

Im vergangenen Jahr sind über 3.500 Menschen bei der Überquerung des Mittelmeers ertrunken. Dass es nicht deutlich mehr waren, haben wir vermutlich der Verlagerung auf die Balkanroute zu verdanken. Nun stellt sich allerdings die Frage, wie es weitergehen soll, wenn alles wieder von vorne anfängt. Wir drehen uns im Kreis. Das Problem der Schlepper ist noch lange nicht gelöst. Die 71 Menschen, die auf der A4 in einem Kühllaster erstickt sind, waren die größte Schande, die Österreich seit vielen Jahren zu verantworten hatte; wir sollten unter keinen Umständen riskieren, noch einmal mitansehen zu müssen, wie hunderte Menschen ihr Leben verlieren, nur weil sie auf ein besseres gehofft haben.

Wir sind heute wieder ganz am Anfang der Diskussion. Wir sind dort, wo wir im vergangenen April waren. Nein, es ist nicht fair, dass Österreich viel mehr Menschen aufnehmen muss als die meisten anderen europäischen Länder. Aber gleichzeitig ist es auch nicht fair, all diese Menschen ertrinken zu lassen. Diese Herausforderung hat keine einfache Lösung. Schlepperringe werden sich nicht zur Gänze zerschlagen lassen und Menschen, die solche Risiken eingehen, um nach Europa zu kommen, werden sich auch nicht von Grenzzäunen abhalten lassen. Wir brauchen endlich eine gemeinsame, europäische Lösung. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir diesen Menschen glaubwürdig erklären, dass sie auch in Europa kein einfaches Leben erwartet. Wollen sie dennoch kommen, wird es unsere Pflicht als zivilisierte, vernünftige Gesellschaft sein, diesen Menschen eine sichere Überfahrt zu gewährleisten.

Bence auf Twitter: @BenceJuennemann


Header: Ggia | Wikimedia Commons |CC BY-SA 4.0

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