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Wir haben Fragen an Dr. Sommer von einer heutigen Psychologin beantworten lassen

Als Vorreiter in Sachen Aufklärungsarbeit hat das Dr.-Sommer-Team ganze Generationen durch die Pubertät begleitet. Aber nicht alle Ratschläge von Dr. Sommer sind für die Ewigkeit gemacht.

von VICE Staff
26 August 2016, 4:43am

Foto: Facebook | BRAVO Fotolovestory Best of

BRAVO feiert gerade sein 60-jähriges Jubiläum: Am 26. August 1956 erschien die allererste Ausgabe des Magazins, das seither mit Bodychecks und Fotolovestorys bei mehreren Generationen für Aufklärung und viel pubertäres Gekicher beim Anblick halberwachsener Vulven und Penisse gesorgt hat.

Auch heute noch ist die Sexualität von Jugendlichen mit Scham, Angst und Verunsicherungen verbunden—und das, obwohl die meisten anderen Tabus von damals inzwischen aufgehoben sind. Einen wesentlichen Anteil daran hatte das sogenannte Dr.-Sommer-Team, bei dem sich Jugendliche ab 1969 informieren konnten, was Petting bedeutet, wie man mit einem kleinen Busen zurecht kommt und ab wann man sein erstes Mal haben sollte.

Und weil die meisten Fragen rund um den sich verändernden Körper mit allen seinen ungewohnten neuen Funktionen, Gerüchen und Formen heute noch genauso aktuell sind, aber manchmal eine etwas andere Antwort als in der Vergangenheit bräuchten, haben wir eine moderne Psychologin gebeten, aus jedem Jahrzehnt eine für uns zu beantworten.

A. Hunyadi sagt im Vorfeld: "Selbst Freud hat ja gemeint, dass Sexualität nicht nur ein Naturereignis sei, sondern auch Körpersprache, die wie jede andere Sprache gelernt werden muss." Hier sind ein paar Tipps aus ihrem Körpersprachkurs.

"Aus Spass legten mich die Jungs übers Knie"

Probleme beliebter Menschen im Jahr 1980. Foto: Screenshot vom Autor

Die 15-jährige Gabi berichtet 1980, jenseits von Begriffen wie Mobbing oder Gang-Rape, von Gewalt in der Schule. Das Dr.-Sommer-Team vermittelt ihr, dass wohl ihr Sexappeal außer Rand und Band gekommen ist und sie die Situation nicht mehr unter Kontrolle hat. In keiner Silbe wird das Verhalten der Jungen gerügt. Böse Gabi, echt. Zieh dir einen weniger engen Rollkragenpullover an!

Liebe Gabi,

es tut mir leid, von deiner Situation zu hören. Vielen geht es ähnlich wie dir. Großartig, dass du dir Hilfe gesucht hast bei den LehrerInnen, aber bleib dran. Gehe noch mal zu ihnen und berichte von der neuen Gangart. Erzähl die Sache wenn möglich deinen Eltern, damit sie in der Schule Druck ausrichten. Vor allem: Suche die Schuld nicht bei dir!

Gewalt ist nie OK und schon gar nicht in Gruppen gegen Schwächere. Deine Verzweiflung ist gut zu verstehen, wenn eine Gruppe an Stärkeren auf einen losgeht. Aber du bist ein tolles Mädchen und die Buben sind die feigen.

Wehr dich und hab keine Angst! Zeig auf, wo deine Grenzen sind und du wirst Bewunderung von den anderen ernten. Sag den Jungen konkret und jedem einzelnen laut ins Gesicht, dass du das nicht willst, dass dir diese Spiele keinen Spaß bereiten und sie damit aufhören sollen. Überlege dir in der Freizeit, sportlich aktiv zu werden, beispielsweise einen Kampfkurs zu besuchen. Manchen hilft auch Baseball.

Lest hier über Jugendliche, die auf Psychopharmaka angewiesen sind.

"Ob sie mich nicht mehr will, weil ich ein halbes Jahr jünger bin als sie?"

Manfred ist traurig und offenbar zu jung. Foto: Screenshot vom Autor

Willkommen im Jahr 1967, in dem "Indianer nicht weinen" und Frauen für derart unterbelichtet gesehen wurden, dass sie nicht mal eine Kreditkarte besitzen durften. Vielleicht auch besser so, wenn man bedenkt, wie zwei Frauen dem armen Manfred zu Selbstzweifeln verholfen haben.

Lieber Manfred,

Trennungen sind immer tragisch und schmerzlich. Im Gefühlschaos ist einem oft nicht so klar was, warum und wie einem geschieht. Es kommt aus dem Nichts und man versteht die Welt nicht mehr. In diesem Fall wäre das Beste, wenn du dich ein letztes Mal mit deiner Freundin zusammensetzt. Oder schreib ihr einen Brief, in dem du noch offene Fragen formulierst.

Du sollst mit der Beziehung und deiner Ex-Freundin gut abschließen können. Hol dir Trost bei deinen Freunden und ich bin mir sicher, dass dir nach einer gewissen Trauerphase klar wird, warum es zwischen euch beiden nicht gut funktioniert hat. Eines garantiere ich dir: In nicht allzu ferner Zukunft kommt wieder jemand Neues und du wirst gar nicht wissen, wie deine Ex mit Nachnamen hieß.

"Unter meinen Pullover lasse ich Keinen, weil ich keinen Busen habe."

Selbstwertkomplexe im Jahr 1976. Foto: Screenshot vom Autor

Ok, der eigene Körper und die unterschiedlichen Wachstumstempi bei Kids und Jugendlichen sind wohl eines der heikelsten Themen in diesen desperaten Jahren, egal ob 1976 oder 2016. Da kann man wenig Aufmunterndes sagen, wenn der eine seinen heckenhohen Buschen schon regelmäßig stutzt und beim anderen noch Wüstenrosen durch die trockene Snoopy-Unterhose wehen.

Liebe Eva,

wann der Busen anfängt zu wachsen, ist bei jedem jedem Mädchen anders. Sollte er kleiner als andere bleiben, dann versuch deinen Körper so anzunehmen, wie er dir geschenkt wurde. Freu dich sogar darüber, denn jede Busengröße hat ihre Vor- und Nachteile. Ein kleiner Busen stört nicht bei Sport, man hat keine Rückenschmerzen und man kann auch mal ohne BH außer Haus gehen, ohne lästige Trägerrillen auf den Schultern zu haben.

Seien wir mal ehrlich! Wollen wir nicht immer das, was wir nicht haben können? Versuch nicht, dich mit anderen zu vergleichen, das macht nur unglücklich. Je früher du realisierst, dass dein Körper alles bereit hält, was ein Körper braucht und super ist, wie er ist, desto besser.

Genau wie nicht jeder Busen dem anderen gleicht, und es wahrscheinlich so viele Formen und Größen gibt wie Frauen auf dieser Welt, sind zum Glück auch die Geschmäcker unterschiedlich. Wenn ein Junge mit dir schlafen will, findet er dich und deinen Körper auch attraktiv. Überleg mal wie viele Frauen mit kleinem Busen zu Ikonen gezählt werden. Kopf hoch & rock your apples! <3

Der antifeministische Geschmack in vielen Antworten lässt sich nicht abstreiten.

Heute hat Jugendberatung längst andere Zugänge, aber die BRAVO hat wichtige Aufklärungsvorarbeit geleistet und ist für ihre Positionen—beispielsweise pro "freie Liebe unter Gleichgeschlechtlichen"—nicht zufällig auf den Index gelandet. Das Team von "Dr. Sommer" hat in Zeiten offen über Schwangerschaftsabbruch geschrieben, als man das Wort "Fristenlösung" noch nicht laut aussprechen wollte oder durfte und ist gegen die kirchliche Doktrin offen für Masturbation eingetreten, als man doch dachte, Selbstbefriedigung führt direkt in die Blindheit und/oder Homosexualität.

Der antifeministische Geschmack in vielen Antworten lässt sich nicht abstreiten, aber die Kunstfigur "Dr. Sommer" hat trotzdem dazu beigetragen, dass die Probleme Jugendlicher ernst genommen und auf Augenhöhen behandelt werden.

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