Dieser Typ baut KZ-Bilder hinter dein Mahnmal-Selfie

Matern Boeselager

"Ich weiß nicht, warum Leute 'Jumping on dead Jews' schreiben und das im Internet hochladen. Deswegen finde ich es auch nicht hart, wenn ich damit was mache."

Alle Fotos von Yolocaust.de

Das Holocaust-Mahnmal im Herzen Berlins erklärt sich nicht unbedingt von selbst. Das riesige Feld grauer Stelen unterschiedlicher Höhe steht einfach da, ohne Anleitung, ohne Infotafeln oder Verbotsschilder. Niemand schreibt einem vor, was man zu fühlen hat, wenn man sich plötzlich am Rande dieses Felds wiederfindet.

Vielleicht haben die Architekten gehofft, dass die immer tiefer und dunkler werdenden Reihen Trauer auslösen, vielleicht auch Beklemmung, Ehrfurcht, Demut oder sogar Angst. Womit sie wahrscheinlich nicht gerechnet haben, ist, dass eine ganze Menge Leute in dem Mahnmal vor allem eins sehen: einen "coolen" Hintergrund für ihre narzisstischen Selfie, als besonders "inspirierendes" Umfeld für die Social-Media-Kampagne für sich selbst.

Das Phänomen der Mahnmal-Selfies ist mittlerweile schon ziemlich bekannt. Wir haben zum Beispiel hier über die grauenvollen Hashtags (#fun) geschrieben, mit denen Menschen ihre Holocaust-Selfies vollkleistern und hier über die eigenartige Neigung von Grindr- und Tinder-Usern, ihre Profilfotos für die Dating-Apps in dem Mahnmal zu machen. Und obwohl sich die meisten einig sind, dass es irgendwie pervers ist, sich aufreizend an einem Mahnmal für sechs Millionen ermordete Menschen zu reiben, hat noch niemand wirklich etwas dagegen unternommen. Bis jetzt.

Der Künstler und Autor Shahak Shapira, der auch für VICE schreibt, hat ein paar dieser Bilder genommen und sie mit Bildern aus dem Holocaust hinterlegt. Die Ergebnisse sind brutal, der Name—"Yolocaust"—auch. Wir haben Shahak gefragt, warum er das getan hat.

Alle Fotos Screenshots von Yolocaust.de. Anders als Shahak hat sich VICE entschieden, die Gesichter der Abgebildeten unkenntlich zu machen

VICE: Die Bilder sind wirklich grauenhaft. Glaubst du, du warst zu hart mit den Leuten?
Shahak Shapira: Ich glaube, Satire funktioniert nur, wenn sie hart ist. Es muss ja eine Übertreibung sein, sonst hat es keinen Wert. Ist es zu hart? Ich habe keine Ahnung, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Was glaubst du, was in Menschen vorgeht, die solche Selfies machen?
Ich weiß nicht, warum Leute sowas tun, ich weiß nicht, warum Leute "Jumping on dead Jews" schreiben und das im Internet hochladen. Deswegen finde ich es auch nicht hart, wenn ich dann damit was mache. Das sind alles öffentliche Fotos.

Die Leute wissen ja, wo sie sind. Die checken sich ins "Holocaust-Denkmal Berlin" ein. Vielleicht ist es ihnen einfach egal? Oder es ist ihnen einfach wichtiger, ihr Foto für Tinder oder Grindr zu haben. Ich glaube, dass die meisten sich einfach keine Gedanken machen.

Schockiert dich das?
Also, ich persönlich würde nicht am Holocaust-Mahnmal Yoga machen. Stell dir vor, du gehst als Angehöriger eines Holocaust-Opfers dahin und dann siehst du jemanden, der da Yoga macht oder mit einem Fahrrad auf einer Stele herumhüpft. Wie sollst du dich da fühlen? Stell dir vor, du besuchst deinen Opa auf dem Friedhof und da fährt jemand mit dem BMX auf dem Grab herum—das würdest du auch nicht so geil finden.

Ich sage nicht, dass es falsch ist, was die da machen. Das ist ja auch eine Funktion dieses Mahnmals: dass es zeigt, wie scheißegal das den Leuten teilweise ist. Ich will keine Benimmregeln diktieren, wie man sich an so einem Mahnmal zu benehmen hat, das ist jedem selbst überlassen. Ich finde es dann aber auch nicht falsch, wenn ich das aus einer anderen Perspektive zeige.

Du bietest auf der Webseite an, das Foto herunterzunehmen, wenn die abgebildete Person dich kontaktiert. Hast du schon von jemandem gehört?
Nein, bis jetzt kriege ich nur Einsendungen von Leuten, die mir Fotos von ihren Freunden und Bekannten schicken, damit ich das mit denen mache. Fand ich sehr lustig, aber mache ich natürlich nicht, die meisten sind gar nicht schlimm, das sind einfach Fotos am Mahnmal. Die Bilder, die ich ausgewählt habe, sind ja nochmal härter.

Ich glaube auch nicht, dass die Leute von den Fotos sich melden werden. Es hat sie ja schon nicht gestört, die Bilder hochzuladen. Aber wer weiß, vielleicht kriegen sie eine neue Perspektive, und es stört sie doch. Denn es soll sie stören!

Glaubst du, du kannst durch die Aktion was an der Einstellung der Leute ändern?
Ich ändere jetzt schon etwas. Ich bekomme Anfragen von Lehrern, die das als Material im Unterricht benutzen wollen. Einer wollte das zur Erwachsenenbildung benutzen, einer hat jüngere Schüler, die keinen Bock auf Holocaust haben. Es findet jetzt offensichtlich eine Debatte statt, und das ist wichtig. Ich will ja niemanden zu einer bestimmten Entscheidung bewegen. Aber ich will, dass Leute darüber reden, dass sie das aus einer anderen Perspektive sehen. Dass sich Selfies am Holocaust-Mahnmal nicht normalisieren.

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