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opioide

5.000 Mal stärker als Heroin: In Deutschland ist eine neue Droge aufgetaucht

Alleine schon der Hautkontakt kann tödlich enden.

von Tim Geyer
21 November 2017, 3:38pm

Die tödliche Dosis von Heroin, Fentanyl und Carfentanyl | Foto: Clewiston Police Department | Facebook

Wenn die GSG9, die Spezialeinheit der deutschen Bundespolizei zur Bekämpfung von Schwerstkriminalität und Terrorismus, vorbeikommt, geht es wahrscheinlich nicht um geklaute Birnen aus Nachbar Ribbecks Garten. Und auch als Ende August die Zollfahndung mit der GSG9 in Hamm die Wohnungen zweier Brüder, 44 und 55 Jahre alt, erstürmte, war sie auf der Suche nach viel gefährlicheren Stoffen.

Die Beamten, die ausserdem noch einen 26-Jährigen in Mölln festnahmen, fanden bei den Brüdern grosse Mengen Carfentanyl und Fentanyl. Beide Chemikalien sollen sie über das Darknet verkauft haben, aktuell berichtet der WDR wieder über den Fall. In den USA gilt Carfentanyl als eine der gefährlichsten neuen Drogen.

Carfentanyl betäubt Elefanten und tötet Menschen

Carfentanyl ist ein Derivat des Opioids Fentanyl, das alleine schon fünfzigmal so stark wie Heroin ist. Doch laut der amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) ist Carfentanyl noch hundertmal stärker als Fentanyl und 10.000 Mal so stark wie Morphin. Mit Carfentanyl betäubt man normalerweise grosse Wildtiere bis hin zu Elefanten. Die Substanz kann über die Atmung und sogar über die Haut in den Körper gelangen. Alleine schon ein versehentlicher Kontakt mit dem Stoff kann tödlich enden. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht zeigte bereits 2014 im Europäischen Drogenbericht auf, dass zur Herstellung von 10.000 Einzeldosen 0,1 Gramm Carfentanyl ausreichen. Zum Vergleich: Für die gleiche Menge an Einzeldosen wären bei MDMA 750 Gramm nötig.

Dementsprechend gefährlich ist das Ganze für User, sagt Dirk Grimm von der Organisation Mindzone.info, die in Bayern seit 1996 über Drogenkonsum aufklärt. "Wenn man Carfentanyl konsumieren will, braucht man verschwindend kleine Mengen, die man nur mit einer speziellen Laborwaage dosieren kann", sagt Grimm. "Wenn ich ein bisschen zu viel davon erwische, laufe ich Gefahr, eine Atemdepression zu kriegen: Mein Brustkorb ist so entspannt, dass er sich aus eigener Kraft nicht mehr hebt und senkt. Dann höre ich irgendwann auf zu atmen." Nach drei Minuten folgen irreparable Hirnschäden, nach spätestens fünf Minuten der Tod.

Die Droge breitet sich in Europa aus

In den USA, wo sich Carfentanyl im Zuge der Opioid-Krise weit verbreitet hat, mussten bereits mehrere Polizeibeamte mit dem Gegengift Naloxon wiederbelebt werden, weil sie aus Versehen mit Carfentanyl in Berührung gekommen waren. Inzwischen tragen viele Beamte in den USA als Vorsichtsmassnahme das Gegenmittel immer bei sich. Auch in Kanada strecken Dealer mit der vergleichsweise günstigen Chemikalie Heroin. Das Derivat, das jetzt auch in NRW aufgetaucht ist, wird laut Recherchen von Associated Press hauptsächlich in China hergestellt und zum Kilopreis von etwa 2.400 Euro in alle Welt verkauft. Auch wenn China Carfentanyl im Februar verboten hat, kann man es dort über das Internet immer noch relativ unkompliziert bestellen, sagt Dirk Grimm.


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Und während in Bayern letztes Jahr jeder fünfte Drogentote Fentanyl konsumiert hatte, dürfte das noch harmlos sein, im Vergleich zu dem, was Carfentanyl anrichten kann. Auch hier gab es laut Dirk Grimm bereits Konsumfälle in Bayern. Inzwischen ist der Stoff in ganz Europa auf dem Vormarsch. Erst im Oktober tauchte in Wien bei einem Drogentest von Checkit! Carfentanyl in Partydrogen auf. Insgesamt lassen sich zwischen 2016 bis Juni 2017 europaweit 48 Todesfälle auf das Opioid zurückführen.

Das erste Mal wurde Carfentanyl in Deutschland 2010 einer grösseren Öffentlichkeit bekannt, als zwei Freiburger Chemielaboranten Bewährungsstrafen erhielten, weil sie damit herumexperimentiert hatten.

Gegen die beiden Brüder und den dritten Komplizen in NRW ermittelt jetzt die Abteilung Cybercrime der Staatsanwaltschaft Köln gemeinsam mit der Zollfahndung Essen. Den Dreien wird die illegale Einfuhr von Betäubungsmitteln und bandenmässiger Handel in nicht geringer Menge vorgeworfen.

Zwischen Feinwaagen, Verpackungsmaterialien und Folienschweissgeräten fanden die Ermittler in Hamm auch Botulinumtoxin. Als Botox ist das Nervengift zwar meist nur für eingefrorene Porzellangesichter verantwortlich, in den falschen Händen lassen sich daraus aber auch chemische Waffen herstellen – genauso wie aus Carfentanyl. Denn dass dieser Stoff wirklich das Letzte ist, was man seinem Körper antun sollte, hat das tragische Ende der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater 2002 gezeigt. Tschetschenische Rebellen nahmen damals 850 Menschen als Geiseln. Nach mehreren Tagen der Verhandlung stürmten mehrere bewaffnete Spezialeinheiten das Theater. Dabei leiteten sie ein Gas ein, das, wie Moskaus Gesundheitsminister Jurij Schewtschenko später bekanntgab, auf einem Fetanyl-Derivat basierte. Die Erstürmung endete in einer Katastrophe: 125 Geiseln starben an den Folgen des Gaseinsatzes.

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