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Mit 29 noch Jungfrau – und schwanger

"Wenn mir jemand sagt, dass ich etwas nicht kann, mache ich es erst recht."

von Sarah Berman
12 Februar 2018, 10:24am

Foto via Pixabay

Mit 29 noch Jungfrau zu sein, gilt allgemein als peinliche Sache. Aber es gibt auch Menschen, die kein Problem damit haben. Lauren, zum Beispiel. Die Kanadierin stammt aus einer zutiefst religiösen Gemeinde in der Provinz Manitoba. Die Vorstellung, ihr ganzes Leben ohne Sex zu verbringen, scheint sie nicht zu beunruhigen. Zum Teil liegt das wohl an einer Drüsenkrankheit, die ihren Hormonhaushalt beeinflusst. Gleichzeitig pfeift Lauren offensichtlich darauf, was andere denken.

Immerhin hat sie sich gegen den Rat ihrer Ärzte und Freunde einen Samenspender gesucht, um alleinerziehende Mutter zu werden. Die Jungfrau erwartet ihr Baby im Juni und sucht zurzeit Namensinspirationen bei Game of Thrones. Mit VICE spricht sie übers Anderssein, Dating und die Folgen ihrer Sex-Abstinenz.


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VICE: Hast du dich schon früh "anders" gefühlt?
Lauren: Ja, schon immer. Ich wurde mit einer Hypophyseninsuffizienz geboren. Das heißt, dass meine Hypophyse, eine wichtige Hormondrüse, nicht richtig ausgebildet ist. Sie gibt nicht die richtigen Befehle an andere Drüsen, wie meine Nebennieren und Eierstöcke. Deshalb muss ich künstliche Hormone nehmen. Ich habe das aber seit 29 Jahren im Griff, es ist heute kein Problem für mich. Aber natürlich bin ich dadurch anders aufgewachsen – ich musste jeden Tag Schilddrüsenmedikamente nehmen und Wachstumshormone injizieren.

Dadurch habe ich auch die Pubertät sehr spät durchlaufen. Ohne zusätzliches Östrogen wäre ich nie in die Pubertät gekommen. Ich fing an, es zu nehmen, weil ich für meine flache Brust gemobbt wurde. Das war schlimm für mich und hat mich gezwungen, etwas zu tun, wofür ich eigentlich nicht bereit war.

Deine Altersgenossen waren grausam zu dir, weil du diese Krankheit hast?
In der Unterstufe war es am schlimmsten. Neben der flachen Brust mobbten sie mich für meine Hasenzähne. Die Kinder spotteten über alles, was aus der Reihe tanzte. Von dem Mobbing habe ich bis heute eine Sozialphobie. Als ich anfing, normaler auszusehen, wurde mein Leben einfacher. Als ich auf eine Schule mit 1.500 statt 100 Schülern kam, konnte ich auch leichter in der Masse untergehen.

Meine größte Schwierigkeit kam aber als Erwachsene: als ich schwanger werden wollte. Mein Endokrinologe sagte, es sei unmöglich. Ich müsse eine Eizellenspenderin finden und Tausende Dollar für künstliche Befruchtung ausgeben. Ich ließ mich trotzdem in eine Fruchtbarkeitsklinik überweisen. Nach einem Jahr auf der Warteliste hatte ich kaum noch Hoffnung, aber nach einem Fünf-Minuten-Termin mit einem Spezialisten sah die Welt anders aus.

"Ich wurde schon geküsst, und es war sehr unbeholfen. Das möchte ich nicht noch mal erleben."

Du wirkst sehr unbekümmert, was deine Sex-Abstinenz angeht. Hast du je das Gefühl, etwas zu verpassen?
Seit ich schwanger bin, denke ich manchmal, dass es schön sein könnte, auszugehen und jemanden zu finden, mit dem ich Sex haben kann. Da ist so eine flüchtige Neugier, aber dann geht mir schnell auf, dass das nicht ich bin.

Wenn du diesem Gefühl nachgeben würdest, wie würde dein ideales Sex-Date aussehen?
Dann hätte ich am liebsten jemanden, den ich schon eine Weile kenne. Kein Dinner im Restaurant vorher oder so. Es würde mir nur darum gehen rauszufinden, was alle an diesem Sex-Ding finden. Ich bin ein recht ängstlicher Mensch, also würde ich wahrscheinlich kalte Füße kriegen, wenn es davor noch viel Trara gäbe.

Du sagst, du findest Dating sinnlos. Kannst du das genauer erklären?
Ich habe hier und da gedatet. In der 10. Klasse hatte ich einen Freund, mit dem ich Händchen hielt und solche Sachen. Wir wurden uns einig, dass es mit uns nicht klappte, aber wir sind bis heute befreundet. Ich habe über die Leute, die ich gedatet habe, noch nie was Negatives gedacht. Dating ist einfach nichts für mich. Ich habe auch Online-Dating ausprobiert, aber das wirkte wie viel Aufwand für nichts. Mein letztes Date war Ende 2017, eine Freundin wollte mich mit ihrem Bruder verkuppeln. Inzwischen mache ich gern alleine mein Ding. Es ist leichter, nicht auf andere Rücksicht nehmen zu müssen.

Reizt dich Küssen überhaupt?
Ich wurde schon geküsst, es war sehr unbeholfen. Das möchte ich nicht noch mal erleben.

Mastubierst du manchmal?
Ich habe es versucht und es gefiel mir nicht wirklich. Also habe ich es nie wieder getan.

Was sagen deine Freundinnen und Freunde dazu? Wissen viele Bescheid über deine Krankheit?
Mein Freundeskreis aus der Jugend scherte sich nie sonderlich darum. Das war schön, weil ich mich nicht unter Druck gesetzt fühlte, etwas zu tun, was ich nicht wollte. Heute spreche ich mit Freunden hauptsächlich über deren Sexleben, nicht über meins. Es ist nicht so, als würden sie mich nicht unterstützen wollen, aber sie drängen mich auch nicht, darüber zu sprechen.

Ich weiß gar nicht so recht, wer das alles weiß. Ich lebe in einer recht kleinen Gemeinde, in der die meisten Mennoniten sind. Die Gegend wird zwar langsam progressiver, aber bis vor wenigen Jahren herrschte dort zum Beispiel ein völliges Alkoholverbot. Es ist also nicht gerade eine Gegend, in der man so was offen bespricht. Die Leute wissen, dass ich Single bin und allein ein Kind bekomme. Aber dass ich gleichzeitig noch Jungfrau bin, wissen sie wohl nicht unbedingt.

"Meine Motivation ist das Gegenteil von religiös."

Wolltest du aus religiösen Gründen Mutter werden?
Ich scherze immer, dass ich damit den Leuten den Mittelfinger zeige, die mir gesagt haben, dass ich das nicht machen kann, weil ich noch unverheiratet bin. Meine Motivation ist das Gegenteil von religiös. Wenn mir jemand sagt, dass ich etwas nicht kann, dann mache ich es erst recht.

Denkst du, dass Nicht-Jungfrauen etwas von dir lernen können?
Je besser du dich selbst kennst, desto sicherer bist du in deinen Entscheidungen. Ich weiß, was für mich gut ist und was ich möchte. Es klingt total klischeehaft, aber man muss sich Zeit nehmen, um sich selbst zu lieben. Und wenn du erst einmal weißt, was du vom Leben willst – wer zur Hölle schert sich dann noch darum, was andere denken?

Könnte es sein, dass du mit 35 aufwachst und plötzlich deine Meinung änderst?
Ich glaube, das wäre schrecklich. Überhaupt jemandem vor dem Sex sagen zu müssen, dass ich Mitte 30 und noch Jungfrau bin, wäre viel zu peinlich. Ich schätze, wenn ich es doch mal mit jemandem mache, würde ich den Part erst gar nicht erwähnen. Vielleicht bereue ich in zehn Jahren das eine oder andere. Man weiß nie.

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