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LGBTQ

Wie ich herausfand, dass mein Vater schwul ist

Ich fing erstmal an zu heulen – das bereue ich bis heute.

von Julien Goyet
23 November 2018, 9:20am

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Julien Goyet 

Mein Vater kommt aus Frankreich und ist vor 24 Jahren zu meiner Mutter in die Niederlande gezogen. Er ging schnell als Einheimischer durch und sprach auch mit meinem Bruder und mir nur Niederländisch.

Einmal die Woche telefonierte er mit seinem Vater und seinen Geschwistern in Frankreich. Auf Französisch konnte er mit ihnen über alles reden und wir verstanden kein Wort.

Eines Abends, als er mit seiner Schwester telefonierte, schlich sich mein kleiner Bruder aus dem Bett. Er ging nach unten und hörte meinen Vater Französisch sprechen. Einige Worte im Gespräch kamen ihm dann doch bekannt vor. Mehrmals sagte er, habe er meinen Vater das Wort für "schwul" sagen gehört.

Zu diesem Zeitpunkt hatten unsere Eltern uns bereits erzählt, dass sie Beziehungsprobleme hatten. Trotzdem fuhren wir ein paar Monate später alle zusammen in den jährlichen Familienurlaub nach Frankreich. Ich war damals neun Jahre alt. Wir wohnten immer auf demselben Campingplatz, nicht weit weg vom Heimatort meines Vaters. Eines Tages saß ich vor dem Zelt und versuchte gerade, eine Limoflasche in eine Wespenfalle umzuwandeln. Im Zelt spielten mein Vater und mein Bruder. Ich konnte alles hören, wusste genau, wer am Gewinnen war. Plötzlich fragte mein Bruder aus dem Nichts heraus: "Papa, bist du schwul?"

Mein Vater schwieg eine ganze Weile. Ich verstand nicht, warum mein Bruder überhaupt diese absurde Frage gestellt hatte. "Warum fragst du das?", sagte mein Vater schließlich. "Das hast du am Telefon gesagt", antwortete mein Bruder. Stille.

Meine Augen waren immer noch auf die Wespe gerichtet, die versuchte, aus meiner Falle zu entkommen, aber meine Ohren waren ganz woanders. Ich war verwirrt. Was mein Bruder gesagt hatte, klang wie ein Scherz, aber ich spürte, dass etwas nicht stimmte.

"Du hast Recht, es stimmt", sagte mein Vater mit einem nervösen Lachen. Ich weiß nicht, ob ihm klar war, dass ich vor dem Zelt saß und alles hörte. Als mein Vater nach einer Weile aus dem Zelt kam, sah er mich im Gras liegen und ich fing an zu weinen. Rückblickend denke ich, dass ich so reagierte, weil mir schlagartig klar wurde, dass meine Eltern nie wieder zusammenkommen würden.

Julien mit seinem Vater und Bruder
Julien (links) mit seinem Vater und Bruder

Ein paar Monate zuvor, an einem Sonntagmorgen, spielten mein Bruder und ich gerade FIFA in unserem Kinderzimmer, als unsere Eltern uns nach unten riefen. Ich führte und wollte das Spiel nicht unterbrechen, aber der Ton meiner Mutter verriet mir, dass es um etwas Wichtiges ging. An diesem Morgen erzählten uns unsere Eltern, dass sie sich scheiden lassen würden.

Das traf mich hart – ich konnte es absolut nicht verstehen. Sie stritten sich nie und so weit ich mich erinnern kann, nannten sie uns keine Gründe für die Trennung. Wenig später zog meine Mutter aus, aber ich verdrängte die ganze Sache – vor allem, als wir zu viert in den Urlaub nach Frankreich fuhren.

Doch in diesem Moment, als ich vor dem Zelt im Gras lag und heulte, musste ich einsehen, dass meine Eltern nicht wieder zusammenkommen würden. Mein Vater stand nicht auf Frauen – und das schloss meine Mutter mit ein.

Eigentlich veränderte sich nach seinem Coming-out nicht viel. Eine Woche wohnten mein Bruder und ich bei meinem Vater, die nächste bei meiner Mutter. Meine Mutter zog irgendwann mit ihrem neuen Freund zusammen, bei meinem Vater waren wir lange Zeit nur zu dritt. Mein Vater verspürte nicht das Bedürfnis, uns jemanden vorzustellen, und wir sprachen nie wirklich darüber. Wir machten einfach weiter mit unserem Leben und klammerten sein Privatleben aus.

Erst vor Kurzem haben mein Vater und ich begonnen, über sein Coming-out zu sprechen. Er erzählte mir, dass sich meine Mutter vor ihrer Trennung in einen anderen Mann verliebt hatte. Das verletzte ihn, aber er stellte auch fest, dass sie die letzten Jahre eher als Bruder und Schwester zusammengelebt hatten. Damals machte er sich auf die Suche danach, was er wirklich wollte.

Er erzählte mir, er habe sich damals sehr einsam gefühlt. Nach der Scheidung und nachdem er eine Therapie gemacht und viele Bücher zu dem Thema gelesen hatte, meldete er sich auf einer Dating-Seite an. Schließlich lernte er einen Mann kennen, mit dem er sich treffen wollte. Mein Vater war so nervös, dass er meine Mutter anrief.

Meine Mutter erzählte mir später, dass sie am Telefon sofort wusste, dass er auf ein Date mit einem Mann gehen würde. Lange vor ihrer Scheidung hatte meine Mutter ihn gefragt, ob er auf Männer stehe – er hatte das vehement verneint. Doch eines Tages sagte er ihr die Wahrheit. Das fiel ihm wesentlich leichter, als sich vor uns Kindern zu outen. Er sagte mir später, er habe Zeit gebraucht, sich selbst zu akzeptieren, bevor er mit uns darüber reden konnte. Er habe Angst gehabt, es uns zu sagen, und wollte, dass meine Mutter dabei war. Doch er schob den Moment immer weiter auf. Bis mein Bruder ihn einfach direkt fragte.


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Vier Jahre, nachdem er sich geoutet hatte, erzählte er uns von seinem Freund, mit dem er schon eine Weile zusammen war. Wir freuten uns sehr für ihn. Ich weiß noch, wie er mir das erste Mal ein Foto von ihm zeigte. Es war ein Samstagnachmittag und er hatte mich in sein Arbeitszimmer auf dem Dachboden gerufen. Als ich reinkam, saß mein Vater am Computer. Auf dem Bildschirm sah ich das Bild eines attraktiven Mannes in einem Café. "Das ist er", sagte er und in seiner Stimme klang ein gewisser Stolz mit. Ein bisschen seltsam war es schon, den Mann zu sehen, in den sich mein Vater verliebt hatte. Er sah gut aus und wirkte cool – glücklicherweise musste ich diesmal nicht weinen. Mein Vater, der sich inzwischen viel selbstsicherer in seiner Sexualität fühlte, fragte, ob ich seinen Partner gerne treffen würde.

Ich fragte mich vor allem, wie es sein würde, meinen Vater einen Mann küssen zu sehen. Inzwischen ist das ein paar Mal vorgekommen und eigentlich ist es auch nicht anders, als wenn deine Eltern sich in der Öffentlichkeit küssen – extrem unangenehm, aber irgendwie auch süß. Ich freue mich sehr, dass er inzwischen offen zu seiner Sexualität und seiner Beziehung steht. Er wirkt befreit. Ich wünschte nur, er hätte nicht so lange damit gewartet. Doch er hat uns erzählt, dass er uns nicht überfordern wollte und dass er mit einer neuen Freundin genauso gehandelt hätte. "Die Scheidung, euer neuer Stiefvater, mein Coming-out – das wirkte einfach viel auf einmal", sagte er.

Jetzt habe ich zwei Stiefväter. Wir feiern Weihnachten gemeinsam. Manchmal gehen mein Vater und ich in Amsterdam in ein Restaurant, in dem alle Burger nach Dragqueens benannt sind, und manchmal schickt er mir Fotos von der Pride-Parade. Einmal habe ich ihn auch in seine Lieblings-Schwulenbar begleitet und seine Freunde getroffen, die er über die Jahre dort kennengelernt hat. An diesem Ort verbringt er viel Zeit und ich hatte jahrelang keine Ahnung, dass er existiert. Ich freue mich, dass sich das nun geändert hat.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE NL.