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Antisemitismus

Wir haben mit der israelischen Journalistin gesprochen, die in Neukölln mit Böllern angegriffen wurde

"Nach Neukölln gehe ich nur, wenn ich drehen muss", sagt Antonia Yamin vom israelischen Fernsehsender KAN.

von Jan Karon
26 November 2018, 8:40am

Screenshot: Twitter

Man sollte ja annehmen können, dass es israelischen Journalistinnen möglich ist, aus Deutschland zu berichten – ohne Angst haben zu müssen, Opfer eines mutmasslich antisemitischen Angriffs zu werden. Sollte man eigentlich, oder?

Antonia Yamin ist 30 Jahre alt und seit eineinhalb Jahren die Europa-Korrespondentin des israelischen Fernsehsenders KAN. Im Sommer gelang es ihr, auf dem Rechtsrockfestival in Themar Interviews mit den rechtsextremen Veranstaltern zu führen. Am Sonntagnachmittag drehte Yamin Szenen für eine vierteilige Reportage in Berlin-Neukölln. Gerade als sie auf Hebräisch einen Aufsager einsprechen will, nähern sich vier Jugendliche, laufen ins Bild, starren sie an. Schliesslich fragt einer von ihnen, wohin "das Material komme". Dann ist ein Schrei zu hören, ein Böller fliegt, die Reporterin muss fliehen. Wir haben mit Antonia Yamin über den Vorfall gesprochen.

VICE: Was ist am Sonntag passiert?
Antonia Yamin: Ich war bei zwei Drehs. Am Hermannplatz traf ich geflüchtete Frauen bei der Demonstration zum Internationalen Tag gegen Frauengewalt, im Anschluss eine israelische Dragqueen, die gemeinsam mit einem syrischen Bellydancer performt. Nach der Demonstration rief mich mein Chef an und bat mich, einen einminütigen Aufsager zum Brexit-Deal zu machen. Man muss dazu wissen: Als Europa-Korrespondentin muss ich auch solche Themen covern, auch wenn ich vorrangig in Berlin arbeite.

Was passierte dann?
Als ich zum Kommentar ansetzen wollte, liefen vier Jungs ins Bild, hielten ihre Finger vor die Kamera. Die waren nicht älter als 18 oder 19, junge Erwachsene mit Migrationshintergrund. Nachdem sie mich ein paar Sekunden lang anglotzten, flog ein Böller. Ich nahm meinen Kameramann zur Seite und entfernte mich vom Feuerwerkskörper. In der Zwischenzeit sind die Jungs runter zur U-Bahn-Station geflüchtet.

Wie fühlt es sich an, wenn man bei der Berichterstattung derart eingeschüchtert wird?
Ich mache in solchen Situationen normalerweise weiter, weil ich es schon gewohnt bin, dass so etwas passieren kann – aber in diesem Fall waren die Jugendlichen sehr penetrant. Gut war, dass ich meinen Kameramann Amir dabei hatte und nicht alleine war, dann hätte es unter Umständen gefährlicher werden können. Und man stellt sich im Nachhinein natürlich die Frage: Was wenn der Böller mich oder Amir getroffen hätte?

Empfindest du so einen Vorfall als Antisemitismus?
Es ist nicht mein Stil, mich als grosses Opfer zu inszenieren. Aber ich meine: Mein Kameramann und ich sehen nicht deutsch aus und sprachen Hebräisch. Auf dem Mikrofon steht der Name meines TV-Senders in hebräischen Lettern. Es kann natürlich schon sein, dass sie das gecheckt haben und auch deshalb so konfrontativ waren.

War es das erste Mal, dass du wegen deiner Herkunft in Deutschland an freier Berichterstattung gehindert wurdest?
In Deutschland war das in der Form tatsächlich zum ersten Mal der Fall. Ich hatte bisher nicht das Gefühl, dass ich hierzulande meinen Sendernamen vom Mikrofon entfernen muss. Aber ich muss auch sagen: Berlin-Neukölln meide ich. Ich gehe dort nur hin, wenn ich dort wirklich drehen muss. Aber ironischerweise gibt es ja auch Israelis, die hier hin ziehen und die Gegend cool und hip finden. Das Problem ist grösser als Berlin-Neukölln.

Wie meinst du das?
In Paris oder Malmö achte ich darauf, dass ich meinen Sendernamen nicht auf dem Mikrofon trage und leiser Hebräisch spreche. Manche Viertel wie Molenbeek in Brüssel vermeide ich bewusst. Aber auch im Prenzlauer Berg wollte mich ein Palästinenser schon mal anpöbeln und mit mir diskutieren, während ich gedreht habe. Es gibt immer wieder Situationen, in denen es gefährlich ist, Hebräisch zu sprechen.

Ziehst du persönlich Konsequenzen aus dem Vorfall?
Ich denke mir inzwischen, dass das Beispiel eigentlich gut zeigt, dass es solche und solche gibt. Die Interviews mit geflüchteten Frauen auf dem Hermannplatz und die Geschichte der syrisch-israelischen Liebesbeziehung zeigen, dass nicht jeder Araber ein Problem mit Israelis hat. Ja, es gibt solche Angriffe, aber deshalb ist nicht jeder Mensch ein schlechter.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.