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Drogen

Video: Wenn dir Koksen bis heute nicht peinlich war, ändert das Klaas Heufer-Umlauf

'Late Night Berlin' hat Koks-Konsumierende verarscht – und dabei gezeigt, wie sehr sich manche Leute erniedrigen lassen, um an Drogen zu kommen.

von VICE Staff
13 März 2019, 8:39am

Screenshot aus dem YouTube-Video "Klaas verkauft Obst im K*ks-Taxi" | Late Night Berlin

Drogen zu kaufen hat oft etwas Würdeloses. Es übertrifft sogar den entmenschlichenden Akt, an einer Bar minutenlang um die Aufmerksamkeit des dumpf-arroganten Szenedödels hinterm Tresen zu buhlen. Und ganz besonders unangenehm ist der Drogenkauf dann, wenn man in Berlin Lust auf Koks hat.

Es gebe ein Problem mit Kokain, sagt Klaas Heufer-Umlauf in einem Beitrag von Late Night Berlin am Montagabend: Es mache tot, pleite und unsympathisch. Deshalb haben er und sein Team sich etwas ausgedacht, dass nicht nur ziemlich unterhaltsam ist, sondern vor allem zeigt, was Leute alles so mit sich machen lassen, um an Drogen zu kommen.

Der Versuchsaufbau ist schnell erklärt. In Berlin verteilen Koksdealer seit einiger Zeit vor Clubs Visitenkarten. Auf den Karten, die sie einem mit der Frage "Koks?" in die Hand drücken, steht "Alex Obst – Obst & Gemüse Lieferservice", dazu eine Handynummer. Schreibt man sie an, rollt wenig später ein Kokstaxi vor. Heufer-Umlaufs Team hat diese Visitenkarten nachgedruckt und vor Clubs verteilt. Statt "Alex" steht auf ihrer Karte "Klaus" und dazu eine andere Handynummer. Den Leuten, die tatsächlich geschrieben haben, dreht Heufer-Umlauf allerdings kein Kokain an – sondern Obst. Was sich dann entspinnt, ist eine komplizierte Choreografie der Sucht in drei Akten.

1. Ungeduld

"Wenn man jetzt Koks kaufen würde, dann würde das folgendermassen ablaufen", erklärt ein Mitarbeiter von der Rückbank des Mercedes, während Heufer-Umlauf im Trainingsanzug am Steuer sitzt. "Wie gesagt, ich hab's recherchiert." Höhö.

Erst die Textnachricht an den Dealer: Kannst du zu dieser Adresse kommen? Der Dealer antwortet OK und nennt schon mal eine ungefähre Ankunftszeit. Kurz bevor er eintrifft, meldet er sich noch mal beim Kunden: Kannst rauskommen. Wir kennen das alle. Wir haben recherchiert.

Als der erste Kunde an Heufer-Umlaufs Nummer schreibt – und kurz darauf nochmal fragt, wann das Koks denn vorgefahren komme, kann man ihn sich schon vorstellen. Wie er da in einem Wohnzimmer oder Club oder Büro rumsteht, vielleicht mit Freundinnen und Freunden oder gerade kennengelernten Leuten, mit denen er absolut nichts gemeinsam hat, ausser dieses ziehende Gefühl in der Brust und dem unverdrängbaren Gedanken: "FUCK, FUCK, FUCK, JETZT NE DICKE FETTE LINE UND ZWAR SCHNELL!"


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2. Geheimniskrämerei

Kommt jemand in ein Autohaus, um ein Cabrio zu kaufen. Aber die Person fragt kein einziges Mal nach einem Cabrio, sondern nur nach etwas "oben ohne", etwas das "für Frischluft" sorgt, man wolle mal wieder "den Wind in den Haaren" spüren. So in etwa läuft es ab, wenn man in ein Kokstaxi steigt, um Koks zu kaufen. Auch bei Heufer-Umlauf.

"Hast du auch etwas für 'n Fuffie", sagt einer der Kunden.

Ein anderer auf die Frage, was er wolle: "Just, you know, whatever your best stuff is."

Ein Dritter beantwortet die Frage mit "Zwei mal, ja?"

Es ist ein quatschiger Eiertanz um das Wort, um das es eigentlich geht. Der Dealer fühlt sich dabei juristisch auf der sicheren Seite und der Kunde wie ein Statist in 4 Blocks. Das ist albern, aber am Ende gewinnen alle. Nur muss man sich dann nicht wundern, wenn man statt Koks einen Apfel bekommt. Oder in der Realität richtig schlecht verschnittenes Zeug.

3. Erniedrigung

Man würde sich wirklich alles erzählen lassen, von diesem Mann am Steuer. Von diesem Mann mit dem Koks. Auch im Video von Late Night Berlin ist das so. Als an einem Technoclub ein Kunde ins Obsttaxi zusteigt, spricht aus seinem, "Ach super, du bist meine Rettung heute", die Erschöpfung einer langen Arbeitswoche. Dieser Mann hat sich eine Belohnung verdient. Und obwohl eigentlich alle wissen, warum man hier in dieser Nacht in diesem Mercedes zusammengefunden hat, wird erst mal gelabert. Smalltalk über die weiteren Pläne für die Nacht. Der Kunde machts mit. Und er macht auch dann noch mit als Heufer-Umlauf ihm statt Kokain zuerst eine Physalis, "fürn Fuffie", und dann eine Baby-Ananas reicht.

Anstatt zu sagen, ob er ihn wohl verarschen wolle, sagt der brave Kunde – bloss nicht für schlechte Stimmung sorgen, der restliche Abend hängt davon ab – er habe etwas anderes erwartet. Nur die Geilheit auf das Zeug ist zu gross. Erst als Klaas ihm ein paar Bananen anbietet, bittet der Mann höflich, doch an der nächsten Ecke aussteigen zu dürfen. Die angebotene kostenlose Probebanane nimmt er dann aber doch mit. "Deine Nummer hab ich ja", sagt er, denn vielleicht, so mag er hoffen, ist ja irgendwo in dieser Banane doch ein klitzekleines bisschen Koks versteckt.

Aber dann: Neukölln, Sonnenallee. Mehr 4 Blocks geht nicht. Zwar wirkt das ängstliche Rumgedruckse des Mitarbeiter auf dem Rücksitz etwas albern, als er sagt, Heufer-Umlauf solle nicht jeden an der Sonnenallee einsteigen lassen, aber dann landen die beiden doch einen Treffer. Der Mann, der kurz davor geschrieben hat, ist tatsächlich ein Sonnenallee-Klischee, wie ihn sich Rentnerinnen und Rentner in Hoyerswerda zusammenfantasieren. Und ausgerechnet der zeigt, wie man eine Kokstaxifahrt mit Klaas würdevoll überstehen kann.

"Boah Bruder, was für eine geile Karre! Klärste bestimmt viele Mädchen damit wa!", sagt er beim Einsteigen. Sympathisch-ehrlich statt unterwürfig-schleimig, wie die anderen Kunden dieser Nacht. Der Kunde heuchelt nicht weiter Interesse, als Heufer-Umlauf ihm Obst reicht: "OK, du bist lustig, ja. Du hast Humor, ja", sagt er, jetzt in schon leicht aggressiverem Ton. Mit wie vielen Stichen werden die Ärzte Heufer-Umlauf wohl gleich in der Notaufnahme zusammenflicken? "Lass mich ma hier raus. Nerv mich ma nich", sagt der junge Mann kurz darauf. Dann steigt er mit einem "Dreckiger Hurensohn!" aus.

Wir verneigen uns vor so viel Rückgrat, würden uns das selbst aber niemals trauen – und raten euch auch dringend davon ab. Von allen hier erwähnten Handlungen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.