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Wie findet man als geflüchtete Person in der Schweiz einen Job?

"Ich wusste gar nicht, wie man eine Bewerbung schreibt." - Tarek, 22

von Rebecca Breitenstein
30 Januar 2019, 9:57am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Protagonisten

Ein Job in der Schweiz, davon träumen im Ausland viele. Und wer es geschafft hat, hier einen Job zu finden, kann es sich richtig gut gehen lassen. Im Vergleich zu den Nachbarländern, sind die Löhne in der Schweiz nämlich um einiges höher. Doch denjenigen, die in der Schweiz nicht fleissig arbeiten, wird vorgeworfen, sie wären nur hier, um Sozialhilfe zu schnorren. Besonders Geflüchtete müssen sich solche Vorwürfe immer wieder anhören. Dabei ist es für sie besonders hart, auf dem umkämpften Arbeitsmarkt einen Job zu finden. Drei Geflüchtete haben uns erklärt, wie sie es trotzdem geschafft haben.

Sajad, 25, durfte die ersten eineinhalb Jahre in der Schweiz gar nicht arbeiten

Sajad ist aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet

VICE: Was machst du beruflich?
Sajad: Ich arbeite als Verkäufer bei einer Catering-Firma.

Wie bist du zu dem Job gekommen?
Mein Fussballtrainer hat mir diesen Job vermittelt. Ich habe einen Probetag gemacht und sofort den Arbeitsvertrag unterschrieben. Aber ein paar Tage später erhielt ich eine Email, in der stand, dass ich die Stelle nicht antreten darf, weil ich nur eine N-Bewilligung hatte. Ich musste also vier Monate warten. Dann bekam ich die F-Bewilligung und es hat geklappt.

Was für Vorteile hat die F-Bewilligung für dich?
Ich kann hier arbeiten, eine eigene Wohnung suchen und darf solange bleiben, bis mein Land wieder sicher ist. Aber ich musste eineinhalb Jahre lang auf diese Bewilligung warten.

Durftest du in dieser Zeit arbeiten?
Nein, ich durfte nur in verschiedene Jobs reinschnuppern und einen Deutschkurs besuchen.

Wie war das für dich?
Sehr langweilig, ich durfte mich auch nicht weiterbilden. Aber ich habe die Zeit genutzt, um Leute kennenzulernen und Deutsch zu lernen.

Warum meinst du, ist es für Geflüchtete besonders schwer, hier einen Job zu finden?
Wir müssen erstmal Leute kennenlernen und uns ein Netzwerk aufzubauen. Ich kannte niemanden, als ich hierhergekommen bin und musste die Sprache neu lernen. Ich wusste nicht mal, welche Firmen und Jobs es hier in der Schweiz überhaupt gibt.

Was sind deine beruflichen Ziele?
Ich will eine Ausbildung zum Kaufmann machen, um irgendwann Wirtschaft studieren zu können.

Als Sajad noch in Afghanistan lebte, arbeitete er zwei Jahre als Offizier im Militär. Um sich und seine Familie vor den Taliban zu schützen, flüchtete er 2015 in die Schweiz. Heute teilt der 25-Jährige sich in Dietlikon eine Asylwohnung mit drei Mitbewohnern.


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Maryam, 22* , hatte es als alleinerziehende Mutter besonders schwer, einen Job zu finden

VICE: Hast du schon eine Stelle gefunden?
Maryam: Ja, ich bekam vor kurzem eine Zusage für ein Praktikum als Kleinkinderzieherin.

Welche Schwierigkeiten hattest du auf der Jobsuche?
Als Geflüchtete hat man es sowieso schon sehr schwer, aber bei mir kommt noch dazu, dass ich alleinerziehende Mutter bin. Viele Arbeitgeber stellen leider eher jemanden ein, der kein Kind hat und perfekt Deutsch spricht. Aber sobald man genug Eigeninitiative zeigt, und sich wirklich anstrengt, kann man es schaffen.

Hast du in der Schweiz nochmal eine Schule besucht? ?
Ich habe die die Sekundarschule besucht. Mit 19 Jahren musste ich sie aber abbrechen, weil ich von meinem damaligen Freund schwanger wurde. Er kam auch aus Afghanistan. Wir haben uns noch während der Schwangerschaft getrennt. Heute lebt er in Bulgarien, da er nicht in der Schweiz bleiben durfte.

Alleinerziehend und geflüchtet, das sind gleich zwei Hürden auf dem Arbeitsmarkt – wie hast du das geschafft?
Mein Freund hat mich geschlagen und wollte mich zum Kopftuchtragen zwingen. Ich war froh, dass er weg musste. Aber für meine Eltern war es sehr schlimm, dass ich ohne Mann an meiner Seite, ein Kind auf die Welt bringe. Es gab für mich nur einen Ausweg: Schnellstmöglich eine Wohnung für mich und meine Tochter finden und selbstständig werden.

Hast du das geschafft?
Ja, als meine Tochter ein Jahr alt wurde, habe ich eine Wohnung für uns beide gefunden. Ich werde aber noch vom Sozialamt unterstützt. Ich erhalte 1.400 Franken monatlich und die Wohnung zur Verfügung gestellt.

Konntest du deinen Schulabschluss nachholen?
Ich bin jetzt seit einem halben Jahr in einer Schule namens AMIE, die alleinerziehende Mütter dabei unterstützt, eine Lehrstelle oder ein Praktikum zu finden.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Sobald ich meine erste Ausbildung gemacht habe, möchte ich eine Weiterbildung zur Dentalassistentin machen. Momentan geht das noch nicht, die Arbeitszeiten sind zu lang – ich muss ja meine Tochter von der Krippe abholen.

Maryam ist alleinerziehend und lebt mit ihrer dreijährigen Tochter in einer Zweizimmerwohnung in Wetzikon. Sie war 16 Jahre alt, als sie in die Schweiz flüchtete.

*Dieser Name wurde von der Redaktion geändert.

Tarek, 22, hat bisher für seine Arbeit in der Schweiz keinen Lohn erhalten

Tarek ist aus Syrien in die Schweiz geflüchtet

VICE: Du hast noch keinen Job – warum?
Tarek: Naja, ich habe die letzten zwei Jahre bei einem Velo-Verleih gearbeitet, aber ich habe eben keinen Lohn dafür bekommen. Das musste ich tun, um mehr Sozialhilfe zu erhalten. Ich habe in dieser Zeit auf meine Aufenthaltsbewilligung gewartet, ohne die ich mir überhaupt keinen Job suchen konnte. Vor vier Monaten habe ich den Status endlich bekommen. Seitdem habe ich schon einige Bewerbungen abgeschickt. Nächste Woche habe ich ein Vorstellungsgespräch für einen Job als Velokurier.

Hast du in Syrien eine Ausbildung gemacht?
Ich habe eine Lehre als Informatiker gemacht, aber ich musste ein Jahr vor meinem Abschluss das Land verlassen. Davor habe ich auf dem Bau, auf einem Bauernhof und als Reinigungskraft in einem Krankenhaus gearbeitet. Ich bin es mir also gewohnt viel zu arbeiten. Ich möchte schnellstmöglich einen Job finden!

Welche Schwierigkeiten hattest du bei der Jobsuche?
Ich wusste gar nicht, wie man eine Bewerbung schreibt. Das ist für viele Geflüchtete ein grosses Problem. In Syrien braucht man nur für grosse Firmen und höhere Positionen ein Bewerbungsdossier. Ich konnte erst vor einem Monat einen Kurs besuchen, bei dem mir beigebracht wurde, wie man eine Bewerbung schreibt.

Von was lebst du momentan?
Zurzeit lebe ich von der Sozialhilfe und bekomme monatlich 680 Franken. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Geld bekomme, aber noch lieber wäre mir ein Job. Ich fühle mich einfach unterfordert.

Bist du glücklich, hier in der Schweiz?
Sagen wir es so, ich bin glücklich darüber, dass ich in Sicherheit bin. Aber ich fühle mich sehr einsam. Schweizer sind sehr verschlossen, es ist schwierig, neue Leute kennenzulernen. In Syrien war ich nie alleine – jetzt bin ich es plötzlich.

Tarek war 18 Jahre alt, als er sich entscheiden musste, in den Krieg zu ziehen, oder seine Heimat für immer zu verlassen. Tarek entschied sich für die Flucht, und somit für sein Leben. Seit Juli 2016 lebt er in der Schweiz. Heute wohnt er in einer WG in Maur und wird von Sozialhilfe unterstützt.

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