Reisen

Ich habe versucht, in Hongkongs Christen-Freizeitpark Spass zu haben – und bin kläglich gescheitert

Direkt neben Disneyland, auf den Ruinen eines Fischerdorfes, steht eine gigantische Arche Noah – vollgepackt mit apokalyptischen Visionen.

von Jamie Lee Curtis Taete
27 Mai 2019, 11:01am

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Es gibt mehr christliche Touri-Attraktionen auf der Welt, als du denkst. Und ich habe eine Menge davon besucht.

In einem Wachspuppenmuseum in Kentucky habe ich einen lebensgrossen Roboter-Jesus zum Himmel auffahren sehen. Ich war in einem britischen Zoo, der behauptet, dass Vögel singen, um ihren Schöpfer zu ehren. Wieder in Kentucky habe ich sehnsüchtig über den Zaun einer christlichen Minigolfanlage geblickt, die am Tag meines Besuchs leider geschlossen war.

So verschieden sie auch sind, eine Sache hatten alle christlichen Attraktionen gemein: Sie waren unfassbar langweilig. Alle. Ausnahmslos.

Vor ein paar Monaten besuchte ich das Ark Encounter, eine gigantische Arche-Noah-Erlebniswelt, die man für 100 Millionen US-Dollar in Kentucky errichtet hatte. Wo auch sonst? Die Arche war unfassbar öde, und das schrieb ich auch in meinem Artikel. Daraufhin schrieben mir mehrere Leute, dass ich es dort nur so langweilig gefunden hätte, weil ich kein Christ sei. Die Arche sei einfach nicht für so ein zynisches Heidenhirn wie meins gemacht. Nicht der 100 Millionen US-Dollar teure Kreationisten-Freizeitpark sei langweilig, sondern ich.


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OK, vielleicht ist da was dran. Noch nie habe ich eine christliche Touristenattraktion besucht und erwartet, dort den Spass meines Lebens zu haben. Und ehrlich gesagt: Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt ein Spass-Typ bin. Mehr als einmal habe ich eine Erkältung vorgetäuscht, damit ich nicht Karaoke singen musste. Auf Partys gehe ich manchmal aufs Klo, nur damit ich ein paar Minuten lang die Wand anstarren kann und mit niemandem reden muss.

Als ich Noah's Ark in Hongkong besuche, einen weiteren kreationistischen Arche-Vergnügungspark auf einer winzigen Insel direkt neben Disneyland, will ich fair sein. Ich will alles Menschenmögliche tun, um auf der Arche einen lustigen Tag zu verbringen.

Zur Sicherheit verhafte ich vorher noch ein paar Cocktails.

A woman sunbathing on a beach with a building in the shape of Noah's Ark behind her

Noah's Ark wurde 2009 in Hongkong eröffnet. Die Entstehungsgeschichte des Parks ist allerdings nicht besonders vergnüglich. Gebaut wurde er von dem evangelikalen Bauunternehmer Thomas Kwok. Dessen Familie ist die drittreichste in ganz Asien. 2014 wurde Kwok wegen eines Bestechungsskandals zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Mit der Arche hatte das allerdings nichts zu tun.

Auf der winzigen Insel, auf der die Arche steht, befand sich bis vor einigen Jahren noch das Fischerdörfchen Ma Wan. Die Einwohner wurden zwangsumgesiedelt, um Platz für den Bau der Arche und des zugehörigen Parks zu machen. Viele der alten Häuser stehen heute noch verlassen neben dem Gelände der Arche und verfallen vor sich hin. Auf einigen Mauern stehen noch Protest-Slogans gegen die Räumung. Laut Dokumenten, die im Zuge von Kwoks Bestechungsprozess an die Öffentlichkeit gerieten, waren die Arche und der zugehörige Park "nur ein Vorwand", um das Dorf räumen und Platz für ein Luxusprojekt machen zu können, das Kwok auf der Insel verwirklichen wollte.

Als ich vor der monströsen Arche stehe, merke ich schon, dass die Sache mit dem Spass eine echte Herausforderung werden könnte.

"Die Arche ist wie ausgestorben. Keine Angestellten, keine Gäste. Niemand."

Kurz hinter dem Eingang laufe ich in eine dieser obligatorischen Fotostationen, die man aus Touristenfallen kennt. Aber hier ist niemand, der mir ein überteuertes Foto andrehen will. Vielleicht sind die Angestellten nur kurz weg? Ich bleibe einen Moment stehen und lausche der Musik, die aus den Lautsprechern kommt. Es ist eine Art "Eins, zwei, Freddy kommt vorbei"-Song, nur über Noah.

Niemand lässt sich blicken, also gehe ich durch die ersten Räume der Ausstellung. Die Arche ist wie ausgestorben. Keine Angestellten, keine Gäste. Niemand. Ich fühle mich wie in der allerersten Folge von The Walking Dead. Aber gut, die biblische Arche Noah dürfte auch nicht viele Menschen an Bord gehabt haben. Vielleicht ist Noah's Ark gar nicht schlecht besucht, sondern super-authentisch.

Menschenseelenallein beginne ich, die Texttafeln zu den Schaukästen zu lesen. Plötzlich höre ich Schritte. Oder glaube es zumindest. Ich gehe um die Ecke, aus der das Geräusch zu kommen scheint. Niemand. Die Schritte höre ich auch nicht mehr.

Ich lege eine Toilettenpause ein. An der Tür zu dem höhlenartigen und gottverlassenen Raum hängt ein Schild: "BEWARE SOMEONE BEHIND". Rein rational weiss ich, dass es sich um einen Übersetzungsfehler handeln muss, aber dank der gruseligen Kindermusik, die hier überall im Hintergrund läuft, und der mysteriösen Schrittgeräusche schaue ich mehrmals nervös über meine Schulter.

Ich setze meine bislang mittelspassige Tour durch die Arche fort und komme an einer grossen Scheibe vorbei, in dem eine rote Wärmelampe leuchtet und Fegefeuer-Vibes verbreitet. Als ich mich nähere, hüpft aus einer Ecke ein Tukan hervor und kräht mich an. Auf einem Ast bleibt er sitzen und verfolgt mit seinen ausdruckslosen Augen meine Bewegungen. Mir gefällt das nicht.

A toucan in a glass enclosure

Als ich etwa die halbe Arche durchquert habe, begegne ich endlich ein paar Menschen: einer Familie, vermutlich britisch, und ein paar Angestellten.

Der Bereich, in dem sie sich befinden, behandelt die logistischen Details der biblischen Arche Noah. Videos mit englischen Untertiteln erklären, aus welchem Holz die Arche gewesen sein könnte oder wie die Belüftung vielleicht funktioniert hat. Ich versuche wirklich, den Fun-Faktor dieser Videos zu erkennen. Aber trotz meines angetüdelten Zustands bin ich mir ziemlich sicher, dass es objektiv unmöglich ist, Spass an Videos zu haben, deren Untertitel in etwa lauten: "Der Zapfen wird in einen Schlitz eingelassen, der mit perfekt ineinander passenden Seitenflächen in die Falz geschnitten wurde."

Als Nächstes kommt ein Raum mit ein paar Tafeln, auf denen spektakuläre Tiergeschichten stehen. Einige davon sind tatsächlich belegt, etwa die von den drei Delfinen, die in den 70ern das Leben eines Seemanns gerettet haben. Andere sind fiktiv, zum Beispiel die von der Schildkröte und dem Hasen. Früher hat dieser Raum vielleicht wirklich mal Spass gemacht. Unter den Bildschirmen befinden sich ein paar Knöpfe, die möglicherweise ein interaktives Element dargestellt haben. Als ich draufdrücke, passiert allerdings nichts.

Fiberglass statues of a platypus, a hippo, and an elephant in the gardens of Noah's Ark Hong Kong

Die nächsten Exponate erscheinen mir ziemlich wahllos durcheinandergewürfelt. Es gibt eine Vitrine voll mit Arche-Noah-Spielzeug und Merch (macht keinen Spass); eine Wand, die verschiedenste Flutlegenden aus unterschiedlichen Kulturen erklärt (macht keinen Spass); einen grossen Schaukasten über Insekten (macht keinen Spass); einen Meteoriten (eigentlich ganz cool, wenn ich ehrlich bin) und komische Computerspiele. Ich spiele "Wieviel kostest du?" und erfahre, dass die Rohmaterialien meines Körpers 442,46 US-Dollar wert sind. Das ist zwar definitiv verwirrend und etwas unheimlich, aber macht es Spass? Nicht wirklich.

Schliesslich erreiche ich den letzten Raum der Ausstellung. Einmal noch sollen alle meine Ängste bedient werden.

"Um die Zeit totzuschlagen, schaue ich mir weiter Fotos von bedrohten Tierarten und schmelzenden Eisbergen an und schiebe Panik wegen der Zukunft."

Das Thema ist in etwa: "Wie die Menschheit den Planeten Erde zerstört und warum das bedeutet, dass du sterben wirst." Die Titel über den Ausstellungsstücken an der Wand lauten "Ausbruch eines Supervulkans = Globaler atomarer Winter?", "Fürchte den Klimawandel: Es ist kurz vor zwölf" und ähnlich Erbauliches. Ich versuche, mich an einem weiteren interaktiven Computer, der fragt: "Was wird im Jahr 2100 mit deiner Stadt passieren?" Die Antwort gibt eine kurze Animation eines traurigen Zeichentrick-Eisbären, der langsam vom steigenden Meer verschlungen wird.

Dann erblicke ich die Eingangstür zu dem "4D"-Film Gibt es eine Arche für unsere Zukunft?. Obwohl ich schwer vermute, dass die vier Dimensionen Video, Audio, ein sehr leicht bebender Boden und eine Nebelmaschine sein werden, beschliesse ich, zehn Minuten auf die nächste Vorstellung zu warten. Um die Zeit totzuschlagen, schaue ich mir weiter Fotos von bedrohten Tierarten und schmelzenden Eisbergen an und schiebe Panik wegen der Zukunft.

A stuffed cat and a stuffed panda on shelves in a gift shop. On the wall behind the shelves is a photo of refugees in Sudan captioned,

Teile der Ausstellung sind mit den Regalen des Souvenirshops zugestellt, dessen knuffige Plüschtiere etwas Ablenkung von den finsteren Weltuntergangsszenarien bieten. Zwischen dem Spielzeug sind allerdings immer noch alte Fotos von Hurricane Katrina und Flüchtlingslagern zu sehen.

Endlich beginnt der Film: eine Montage über das Sterben unseres Planeten, die sich über diverse Bildschirme erstreckt. Bilder von 9/11, Hunger, Krieg und rauchenden Fabrikschornsteinen, wohin das Auge schweift. Eine menschlich animierte Erde schaut sich die Aufnahmen an und weint. Texteinblendungen erzählen von "zahllosen Leben", die durch Schusswaffen zerstört werden.

Am Ende des Films trifft die Cartoon-Erde auf Noah, und Noah fragt die Cartoon-Erde, ob sie glaube, dass die Geschichte seiner Arche als Lektion für die Menschheit dienen könnte. Mir fällt dafür nur eine mögliche Interpretation ein: Noah suggeriert, die Erde könne wieder zu einem besseren Ort werden, indem man die Menschheit noch einmal fast komplett ausrottet.

Nachdem ich das Weltuntergangsmuseum verlassen habe, blicke ich auf den Strand vor der Arche. Die trüben Wellen von Hongkongs verschmutzten Gewässern plätschern am Ufer vor dem monströsen Bau, der nur existiert, weil ein Superreicher noch etwas reicher werden wollte. Ich schaue mir die Menschen an, die hier herumlaufen und -liegen, mit ihren Snacks, deren Plastikverpackungen unsere Erde zerstören. Und ich denke mir: Das hat überhaupt keinen Spass gemacht.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.