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Ist die Zerstörung des letzten deutschen Banksy-Pieces Kunst?

Wer entscheidet bei Street Art eigentlich, was Kunst und was Vandalismus ist? Und hat Banksy aus Protest sein eigenes Bild übermalt?

von Lisa Ludwig
26 Februar 2015, 8:36am

Foto: Walljet | Flickr | CC BY 2.0

Oh Mann. Da gilt Deutschland abseits des Urbanitätszentrums Berlin doch sowieso schon nicht als Epizentrum der Street Art, und dann auch noch das: Ein Unbekannter hat das einzig dort verbliebene Banksy-Piece „zerstört". Über Bomb Hugger in der Hamburger Steinwegpassage prangt seit mehreren Tagen in strahlendem Blau der Schriftzug „GRAFITTI" (sic!). Wie große, dicke Tränen läuft die Farbe allerdings auch noch mitten über das kleine Sprühschablonen-Mädchen, das künstlerisch wertvoll eine Bombe umarmt. Und künstlerisch wertvoll muss es sein, wenn es von Banksy kommt. Oder?

Von 2002 bis 2003 sprühte der damals noch mehr oder minder unbekannte Künstler insgesamt vier Pieces in der Hansestadt, von denen nur eines die letzten 13 Jahre überdauerte. Weil Banksy zwar einerseits Street Artist ist, seine Bilder mittlerweile aber so populär sind, dass sie eine Art Graffiti-Entsprechung des Tribal-Wandtattoos darstellen, scheint die Prämisse der Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit auf seine Kunst nicht mehr zutreffen zu dürfen. Deswegen ließ die Spiegelberger Stiftung vor zwei Jahren eine Acrylglasscheibe über dem Werk anbringen—die Gefahr, dass ein betrunkener Jugendlicher auf die Idee käme, die kriegskritisch zu lesende Bombe mit Edding in einen überdimensionalen Penis zu verwandeln, war wohl einfach zu groß.

Da die Zwangs-Einsperrung des Anti-Kriegs-Pieces es aber auch nicht vor dem anonymen Schmierfink retten konnte, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, werden nun verschiedene Möglichkeiten erwogen, um Bomb Hugger wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen und es in Zukunft besser zu schützen.

Wer sich mit den Themen Street Art und Graffiti beschäftigt, kann über derartige Überlegungen eigentlich nur den Kopf schütteln. Banksy selbst ist dafür bekannt, die kommerzielle Vermarktung und Überhöhung seiner Kunst grundlegend abzulehnen. Er kommt, sprüht und verschwindet wieder in der Anonymität—wie der Großteil seiner Künstlerkollegen. Wenn der Künstler selbst so absolut gar kein Problem damit zu haben scheint, dass seine Werke abgewandelt, kopiert, übermalt oder neu interpretiert werden, warum schreiben es sich dann Außenstehende auf die Fahnen, eine schnelllebige Kunstform zum Museumsobjekt zu erheben? Hat die Spiegelberger Stiftung Street Art nicht verstanden oder geht es einfach nur darum, ein touristisches Highlight für urbane Kunstinteressierte zu erhalten?

Auf Twitter vermuteten bereits mehrere Banksy selbst hinter der Tat. Tatsächlich kommt man nicht umhin sich zu fragen, ob es sich bei dem Graffiti wirklich um bösartigen Vandalismus handelt, oder das Ganze nicht eher als eigenständiges Kunststatement zu verstehen ist. Hier, das ist Graffiti, das ist Street Art, eine Art von Kunst, die bewusst nicht unantastbar im Louvre hängt, sondern mitten auf der Straße stattfindet. Erreichbar und einsehbar für jeden. Und wenn irgendjemand Unbeteiligtes eine Glasscheibe vor ein Bild hängt, weil es von einem Künstler stammt, aus dem andere mittlerweile erheblichen wirtschaftlichen Nutzen ziehen, während Pieces von anderen Writern in schöner Regelmäßigkeit als Sachbeschädigung bezeichnet werden, dann sprühen wir einfach obendrüber und lassen die Farbe unter der Schutzvorrichtung durchlaufen.

Mittlerweile soll der blaue Schriftzug entfernt worden sein, das Dripping über Bomb Hugger scheint aber immer noch zu existieren. Die Frage nach dem Sinn und Unsinn der Restaurierungsaktion und „Vandalismus!"-Rufer bleibt ebenfalls bestehen. Besonders schön fasst es eigentlich Twitter-User oma_kazi zusammen: „glaube [sic!] banksy hat sich selbst zerstört, kunst im käfig—wollte der garantiert nie sein!"

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