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Der seltsame Fall des modernen Einsiedlers

Zerstört Einsamkeit die menschliche Psyche oder macht sie es uns erst möglich, die Welt so zu sehen, wie sie eigentlich ist?

von Paul Willis
30 November 2015, 5:00am

Virgil Snyders Holzhütte im US-Bundesstaat Arizona | Alle Fotos: Paul Willis

Vor Jahren lebte ich eine Zeit lang in einem Haus in New York und meine Mitbewohner schienen mit nur einem Ziel in die Ostküsten-Metropole gezogen zu sein: sich jeden Abend so hart wie möglich wegzuballern. Dazu konsumierten sie jegliche Drogen, die sie in die Finger bekamen, hatten jede Nacht eine andere Frau im Bett und verwandelten unser Brooklyner Domizil in eine solche Müllhalde, dass man kaum mehr erkennen konnte, wo der Gehweg endete und unser Grundstück begann. Obwohl ich meine Mitbewohner echt gern hatte, glich mein Leben dort einem Albtraum. Dabei störte mich die 24/7 laufende Euro-Disco-Musik nicht mal so sehr wie die Tatsache, dass ich dem Ganzen nicht entfliehen konnte.

Seitdem habe ich Einsamkeit zu schätzen gelernt. Ich habe sogar damit angefangen, ein Buch über dieses Thema zu schreiben. Zu diesem Zweck wollte ich auch Einsiedler kennen- und verstehen lernen—also Menschen, die sich der totalen Abgeschiedenheit verschrieben haben und ihr Leben abseits der Zivilisation in Ruhe leben. Je länger ich in meinem Partyhaus wohnte, desto ansprechender erschien mir die Vorstellung davon, sich in die Natur zurückzuziehen, um sich selbst zu finden.

Und so kam es, dass ich eines Winters zum JFK-Flughafen fuhr—im Gepäck ein Flugticket nach Arizona und der Gedanke an ein Treffen mit einem weisen, alten Guru in luftigen Höhen. Ich hatte mich ganz bewusst für Arizona entschieden, weil es dort selbst im Winter schön warm ist und weil in dem US-Bundesstaat wohl viele Einsiedler leben, die sich in den Geisterstädten niedergelassen haben, die dort nach dem Ende des Kupferrausches entstanden sind.

Ein Historiker aus Phoenix hatte mir vorher noch von diesen Einsiedlern erzählt und mir dabei auch den Tipp gegeben, mich in den Gebirgen und Tälern umzusehen, die sich mitten in Arizona befinden. Dabei fiel auch immer wieder der Name Cleator—eine Kleinstadt, die sich eine Stunde westlich des Highways I-17 befindet und eigentlich nur aus einer Handvoll Wellblech-Hütten besteht. Als ich dort ankam, war es bereits dunkel und ich hätte den Ort fast komplett übersehen, wenn aus der offenen Tür der einzigen Bar von Cleator nicht das Licht des laufenden Fernsehers geschienen hätte.

Der Barkeeper, ein stämmiger Typ mit bleichem Gesicht, schaute gerade Lost. Er stellte mir ein Bier vor die Nase und deutete auf das Etikett, auf dem stand, dass da nur natürliche Dinge drin seien. „Nicht vergessen: Arsen ist auch natürlich", meinte er.

Nachdem ich die Flasche geleert hatte, bestellte ich mir gleich eine neue. Schließlich fasste ich mir ein Herz und erzählte dem Barkeeper, warum ich überhaupt in der Gegend war. Während meiner Reise hatte ich schon mehrere andere Leute gefragt, ob sie irgendwelche Einsiedler kennen würden, und jedes Mal wurde ich nur angeschaut, als ob ich nicht ganz sauber im Kopf wäre. „Was will der Typ überhaupt?", müssen sie sich gefragt haben. „Geht es Einsiedlern nicht eigentlich darum, in Ruhe gelassen zu werden?" Nach einer kurzen Denkpause erzählte mir der Barkeeper jedoch von einem alten Mann, der ein paar Kilometer außerhalb von Cleator alleine in einer maroden Hütte wohnen würde. Diese Hütte befand sich im Einzugsgebiet einer alten Silbermine, und der Mann, der übrigens Virgil Snyder hieß, kümmerte sich schon seit 20 Jahren um das Grundstück.

Der Barkeeper zeigte mir noch ein Foto von Virgil. Wenn mich irgendjemand darum gebeten hätte, einen Einsiedler zu zeichnen, wäre dabei wohl so etwas rausgekommen, wie das, was ich auf dem Bild sehen konnte: Ein kleiner Mann („Selbst komplett durchnässt nicht mehr als 50 Kilo", meinte der Typ hinter der Theke) mit weißem Zottelbart und einer Schlangenhaut in der Hand.

„Wenn du ihn besuchst, dann nimm Bier mit", sagte der Barkeeper noch zu mir, als ich das Etablissement wieder verließ. „Und wenn er dich nicht mag, dann wird er dir das auch sagen."

Virgil Snyder vor seiner Hütte mitten im Nirgendwo

So lange die Zivilisation schon existiert, gibt es auch immer wieder Menschen, die ihr entfliehen wollen. Im Christentum began die Einsiedler-Bewegung zum Beispiel mit den Wüstenvätern—Asketen, die sich im dritten Jahrhundert in die ägyptische Wüste zurückzogen, um dem Wohlstand und Überschuss der frühen Kirche zu trotzen.

Der Gedanke daran, die korrupte Gesellschaft gegen ein einfacheres Leben in der Natur einzutauschen, hat auch immer wieder Künstler und Denker inspiriert. 1845 machte sich Henry David Thoreau zum Beispiel auf, um alleine am Walden-See in Massachusetts zu leben. Während dieses Abenteuers, das Thoreau für sein Buch Walden dokumentierte (über dessen Wahrhaftigkeit sich übrigens gestritten wird), wurde er verhaftet und eine Nacht ins Gefängnis gesteckt, weil er seine Wahl-Steuer nicht bezahlen wollte. Damals schrieb er in sein Tagebuch: „Der einzige Dieb, den ich jemals getroffen habe, war der Staat selbst ... Ich liebe die Menschheit, aber ich hasse die Institution unserer Vorväter."

Die Vorstellung vom Einsiedler als noblen Rebellen, der einem höheren Ruf folgt, hat schon etwas Verführerisches an sich. Leider kann das Ganze jedoch auch katastrophale Folgen haben. 1990 brach Christopher McCandless, ein idealistischer junger Mann, jeglichen Kontakt zu seinen Eltern ab und spendete sein gesamtes erspartes Geld an eine wohltätige Organisation. Danach brach er auf, um sich bei einer Reise durch die USA selbst zu finden. Als Fan von Thoreau suchte McCandless dabei auch die extreme Einsamkeit und landete letztendlich in der Wildnis von Alaska—mit nur zehn Pfund Reis und einem Jagdgewehr im Rucksack. Später fand man seine Leiche in einem verlassenen Bus, wo er entweder verhungert war oder sich aus Versehen selbst vergiftet hatte.

Munchies: Wie du giftige Schlangen tötest, die dich töten wollen

Neben den körperlichen Gefahren stellt sich auch die Frage, ob Einsamkeit der Psyche gut tut. Wenn man der Forschung glaubt, dann muss man diese Frage eher mit Nein beantworten. Professor Craig Haney, ein Psychologe der University of California, der sich mit über Hundert Insassen von Hochsicherheitsgefängnissen beschäftigt hat, schrieb einmal, dass bei vielen der Häftlinge, die in Isolationshaft gesteckt wurden, ein höheres Risiko von langfristigen emotionalen und sogar körperlichen Schäden bestehen würde. In anderen Studien, die sich ebenfalls mit Gefängnisinsassen in Isolationshaft beschäftigten (aufgrund der Forschungsethik sind andere Szenarien kaum möglich), kam man zu dem Ergebnis, dass extreme Einsamkeit bei Menschen zu Wahnsinn, Paranoia, Depressionen und Suizidgedanken führen kann.

„Was man beim Lesen dieser Studien erkennen kann, ist der Umstand, dass in verschiedenen Fällen die gleichen Symptome vorkommen. Sie werden einfach zu häufig genannt und sind damit ein Krankheitsbild, das durch die Isolation hervorgerufen wird", meinte Laura Rovner, eine Rechtsprofessorin an der Denver University, die schon mehrere Häftlinge in Isolationshaft vertreten hat.

Zu diesen Symptomen zählen aufgewühltes und selbstzerstörerisches Verhalten, Angstzustände, Überempfindlichkeit, akustische und visuelle Halluzinationen und in einigen Fällen auch das permanente Unvermögen, mit anderen Menschen umgehen zu können.

Zwar entspricht das sicherlich alles der Wahrheit, aber es kann auch vorkommen, dass man in der Einsamkeit nicht nur voll aufgeht, sondern darin auch einen Sinn findet, der einem im normalen Leben verborgen geblieben wäre. Ein Beispiel für einen solchen Fall ist der britische Marineoffizier Richard E. Byrd, der den Winter 1934 ganz alleine in einer antarktischen Wetterstation verbrachte. Während des langen Polarwinters entwickelte er dabei das Gefühl, eins mit dem Universum zu sein. In seinen Memoiren schreibt Byrd von einem Gefühl, das Vernunft übersteigt und direkt in die endlose Verzweiflung der Menschen zielt. Er bezeichnet das Universum nicht als Chaos, sondern als Kosmos, und erklärt, dass die Menschheit genauso zu diesem Kosmos gehört wie der Tag und die Nacht.

Was stimmt nun? Zerstört Einsamkeit die menschliche Psyche oder macht sie es uns erst möglich, die Welt so zu sehen, wie sie eigentlich ist? Diese beiden gegensätzlichen Ansichten werden wohl am besten in der Geschichte von zwei Kontrahenten dargestellt, die 1968 aufbrachen, um jeweils der erste Einhandsegler zu werden, der den Erdball nonstop umrundet hat. Einer der beiden—der Franzose Bernard Moitessier—fand so viel Gefallen an seiner Einsamkeit, dass er das Wettrennen links liegen ließ, um durch den Südlichen Ozean bis nach Tahiti zu segeln. Für ihn war das Alleinsein Belohnung genug.

Der andere Wettbewerber Donald Crowhurst reagierte auf seine Einsamkeit allerdings komplett anders. Schon kurz nach dem Start des Rennens bekam er Probleme mit seinem Boot und trieb deswegen monatelang ziellos durch den Atlantik, ohne seine richtige Position durchgeben zu können. Nachdem der Funkkontakt endgültig abgerissen war, fand man sein verlassenes Segelschiff schließlich in der Sargassosee und von Crowhurst fehlte jegliche Spur. Nur ein 25.000 Wörter umfassendes Tagebuch wurde entdeckt, in dem das Abrutschen des englischen Seglers in den Wahnsinn dokumentiert war. Anscheinend hatte ihn die Einsamkeit verrückt werden lassen.

Ein verrosteter Lastwagen vor Virgil Snyders Hütte

Mit der Wegbeschreibung des Barkeepers im Hinterkopf machte ich mich auf zur Mine, um Virgil zu finden. Sie befand sich gut drei Kilometer abseits der Straße am Ende eines steilen und holprigen Feldwegs. Auf einer Ansammlung von aufgeschütteten Felsen befand sich direkt vor mir eine verlassene Hütte. Dahinter konnte ich die Vorderhälfte eines verrosteten Lastwagens ausmachen, der von Gewehrkugeln durchlöchert worden war.

Der Weg machte hinter der Mine eine Kurve und mündete dann in eine Gabelung. Als ich mich dieser Gabelung näherte, streifte ein Schatten einen Wacholderstrauch am Wegrand. Schließlich konnte ich einen Mann erkennen, der mit einer Schubkarre rechts von mir stand. Es war Virgil.

Sein Bart war kürzer als auf dem Foto und er trug einen grauen Pullover, der wie ein Sack an seinem schlanken Körper hang. Er wollte wissen, ob ich ihm Bier mitgebracht hätte, und als ich seine Frage bejahte, meinte er, dass er mich direkt sympathisch finden würde. Ich erzählte ihm von einer Frau aus Cleator, für die Virgil freier war als jeder andere Mensch. Er zuckte nur mit den Schultern und sagte, dass es ihn nicht jucken würde, was man über ihn denkt.

„Ich bin nicht hierher gekommen, um irgendetwas zu beweisen", meinte er. „Die meisten Leute da unten haben mich noch nie nüchtern gesehen. Kein Scherz. Für die bin ich der Dorftrottel."

Er lud mich zu sich ein, um zu reden, und im Verlauf der darauffolgenden Wochen versuchte ich, Virgils Geschichte so gut es ging zusammenzufügen. Er wuchs als ältester von sechs Brüdern in einem Arbeiterviertel von Phoenix auf. Sein Vater mit deutschen Wurzeln arbeitete als LKW-Fahrer. Er heiratete schon früh, hatte dann zwei Kinder, Autos und Hunde—„halt den ganzen Scheiß", wie er es sagte. Während der Reagan-Jahre endete dieses Leben für Virgil. Seine Frau warf ihn raus und seine Kinder wandten sich von ihm ab. Er wollte mir nicht sagen, was diesen Bruch verursachte, aber sein Alkoholkonsum war es seiner Aussage nach nicht. Und trotzdem lebte er erstmal zwei Jahre lang auf der Straße—mit Schnaps als treuen Begleiter.

Sein Vater fand Virgil schließlich heruntergekommen und verarmt vor und päppelte ihn bei der Silbermine, wo er inzwischen als Verwalter angestellt war, wieder auf. Später konnte Virgil dann beobachten, wie sich sein Vater wiederum zu Tode trank, und er entschied sich dazu, alleine dort wohnen zu bleiben.

Seine Kinder hat Virgil das letzte Mal vor 27 Jahren gesehen. Sie müssten jetzt schon über 40 sein. Ich fragte ihn, ob er sich jemals auf die Suche nach ihnen machen wollte.

„Das würde vielleicht jemand anderes machen", antwortete er mir. „Aber nicht ich."

Ich spürte, dass Virgil viel Wut in sich trug. Manchmal zeigte er diese Wut auch—vor allem dann, wenn er trank. Während einer Diskussion über Politik ging er beispielsweise urplötzlich an die Decke, warf Bierdosen durch die Gegend und stampfte wie wildgeworden mit den Füßen auf.

Am meisten brannte sich jedoch der Eindruck in in mein Gehirn, dass es sich bei Virgil um einen Menschen handelte, der seine Emotionen nicht zurückhält. So brach er einmal ohne Erklärung in Tränen aus, als ich ihm eine scheinbar harmlose Frage zu den Strohhüten stellte, die in seiner Hütte an der Wand hingen. Ich fragte mich, ob diese Überempfindlichkeit ein Symptom der Einsamkeit war—so wie bei den Gefängnisinsassen in Isolationshaft—oder ob sie einfach zu Virgils Charakter gehörte und ihn auch dazu brachte, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen.

Motherboard: Der einsame Programmierer Gottes

Im 80er Jahre Kultfilm Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension sagt der Hauptdarsteller an einer Stelle: „Wo immer du hingehst, da bist du dann!" In anderen Worten: Du kannst dich vielleicht vor der Welt verstecken, aber nicht vor dir selbst. Thomas Merton, ein Trappistenmönch, der selbst jahrelang als Einsiedler gelebt und mehrere Bücher zum Thema Einsamkeit veröffentlicht hat, schlug in die gleiche Kerbe, als er schrieb: „Wenn man nur in die Wüste geht, um vor den Leuten zu fliehen, die man nicht mag, dann findet man weder Ruhe noch Einsamkeit; dann isoliert man sich selbst nur mit seinen Dämonen."

Als ich Virgil zum letzten Mal einen Besuch abstattete, tranken wir Bier und saßen auf einer den Bergen zugewandten Anhöhe. Das war im März und wir beobachteten einen Specht, der sich auf einer rostigen Blechdose niedergelassen hatte. Virgil fragte mich, ob ich wissen würde, woher der Vogel immer weiß, wo er nach Futter suchen muss.

„Darüber habe ich ständig nachgedacht", meinte er. „Und dann habe ich diesen kleinen Scheißer eines Tages mal dabei beobachtet, wie er sich die ganze Zeit so bewegt hat, als ob er sich irgendwie ducken würde. Dann verstand ich es: Er hatte seinen Kopf zur Seite geneigt, weil er hören wollte, wo sich die Raupen unter der Rinde befinden. Irgendwelche schlauen Leute wissen das bestimmt, weil sie es mal irgendwo gelesen oder gehört haben. Aber wie viele von denen haben das gelernt, weil sie es mit eigenen Augen gesehen haben?"

Ich nickte. Wenn wir unseren Tag mit pseudowichtigen Dingen vollstopfen, übersehen wir oft die einfachen Tatsachen und Wahrheiten. Vielleicht hat Virgil da oben in seiner Hütte wirklich mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen, aber er weiß auch, dass es so oder so aufs Gleiche rauskommt.

„Man kann sich mit seinen Gedanken auch selbst verrückt machen", sagte er einmal zu mir. „Ich stehe jedoch lieber mit beiden Beinen fest auf dem Boden und lebe einen Tag nach dem anderen. Ich meine, Hunde nehmen sich zum Beispiel doch auch nicht so ernst."