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Wir haben junge Leute gefragt, was ihre Eltern falsch gemacht haben

"Meine Eltern haben mir zu wenig Liebe gezeigt und mich emotional verkorkst. Jetzt bin ich Dauersingle"

von Lukas Kammer
29 Juni 2016, 4:00am

Das Wort "Vorwurf" klingt ziemlich hart gegenüber den Menschen, die dir als Baby den Arsch abgewischt haben, und die eigenen Eltern zu kritisieren, wird spätestens ab einem gewissen Alter richtig schwierig. Wenn du nicht mehr in der Pubertät bist und dich von jeder Art elterlicher Autorität bedroht fühlst, kommen dir manche Regeln und Ratschläge gar nicht mehr so dumm vor. Plötzlich erkennst du an dir die gleichen Muster, die dich an deinen Eltern immer aufgeregt haben, und du merkst auf einmal, dass dich der Konflikt mit deinen Eltern vielleicht vor der einen oder anderen dummen Lebensentscheidung bewahrt hat.

Natürlich machen Eltern aber auch Fehler—die ihre Kinder oft als Erste zu spüren bekommen. Mit vielen Wünschen meinen sie es nur gut mit dir, merken aber nicht, dass sie dich bei deinen eigenen Plänen und Träumen behindern oder dass du ihren hohen Ansprüchen einfach nicht gerecht werden kannst. Oder aber sie haben zu viele Schwierigkeiten mit ihrem eigenen Leben und vernachlässigen dich dabei.

Interviewpartner Eddy als Kind | Foto: privat | Bearbeitet von VICE

Kein Elternteil wünscht sich wahrscheinlich, seinen Kindern ein schlechtes Vorbild zu sein, deswegen ist es umso wichtiger, über vermeidbare Fehler in der Erziehung zu sprechen. Sechs Leute haben bei uns genau das getan.

Conny, 20

Was ich meinen Eltern vorwerfe und sicher noch vielen anderen vorwerfen könnte, ist, dass sie so unheimlich egoistisch sind. Sie setzen Kinder in die Welt, weil ihr Leben langweilig wird und die Ehe nicht mehr läuft und sie die Hoffnung auf Besserung mit einem Kind verbinden. Nach ein paar Jahren merken sie dann, dass es nichts gebracht hat und sie lassen sich scheiden. Dabei wurden wir als Kinder natürlich auch als Mittel zur Erpressung benutzt.

Erst dann merken sie, dass ihr toller Plan doch keine gute Idee war. Aus Angst vor ihrer Rente und ihrer Zukunft zwingen sie ihre Kinder dazu, schnell einen guten Beruf zu lernen. Da ihr eigenes Leben auch nicht mehr so großartig ist, versuchen sie mit aller Kraft, das Kind von seinen eigenen Plänen abzuhalten—in meinem Fall vom Reisen. Sie zeigen kein bisschen Interesse an meinen Zielen und erzählen mir in jedem Gespräch, dass aus meinem Leben nichts wird, wenn ich nicht studieren gehe. Ich glaube, sie wollen mir einfach so richtig Angst machen.

Pascal, 22

Meine Eltern meinten es total gut mit mir, deswegen kann ich heute nicht wirklich mit Geld umgehen. Obwohl ich eigentlich weiß, was ich falsch mache, hat sich dieser Lebensstil ziemlich bei mir festgesetzt. Außerdem bin ich durch viele Kleinigkeiten, die falsch gelaufen sind und die ich jetzt besser machen will, zum Perfektionisten geworden, was mich manchmal selbst nervt, da ich eher ein fauler Mensch bin.

Da hatten meine Eltern auch einen großen Einfluss auf mich, würde ich sagen. Das sind vor allem Dinge, die in der Erziehung—zum Beispiel im Umgang mit Geld—falsch gelaufen sind, die ich jetzt zwanghaft besser machen will, aber zum Teil nicht hinbekomme. Meine Eltern haben mir auch nicht wirklich einen Lebensentwurf mitgegeben. Das kann natürlich auch gut sein, aber ohne richtige Vorbilder stehe ich auch manchmal etwas desorientiert da und frage mich: Was ist eigentlich gut und warum?

Lisa, 23

Lisa als Kind | Foto: privat

Mich stört es, dass meine Eltern vernachlässigt haben, dass ich schon als Kind dick geworden bin. Damit habe ich jetzt schon mein Leben lang zu kämpfen. Ein anderer Punkt sind unfaire Vergleiche mit meinem gleichaltrigen Cousin, vor allem in Bezug auf Schule und Erfolg. Meine Eltern verstehen bis heute meinen Lebensweg oft nicht. Das hat gar nicht so viel damit zu tun, dass ich lesbisch bin, sondern mit der Art, wie ich mich gebe—in meinem Alter möchte ich von meinem Vater einfach nicht mehr hören, dass ich "wie ein Penner aussehe". Das war in der Jugend schon scheiße. Ein Klassiker meiner Mutter ist auch: "Was sollen die anderen von uns denken?"

Über meine Partnerinnen streiten wir uns oft, da sie ihnen nie wirklich ins Schema passen—das lassen sie dann an mir aus. Mein Vater konnte sich einfach nie entschuldigen, selbst, wenn es angebracht gewesen wäre, und er spricht gern von oben herab. Meine Mutter ist im Gegenteil so harmoniebedürftig, dass sie Streit oft nicht zugelassen hat. Ich meine, wir hatten immer einen sehr guten Umgang und waren uns sehr nahe, auch weil ich ein Einzelkind bin. Das war in den letzten Jahren aber auch sehr anstrengend, weil meine Eltern mir absolut nichts zutrauen—dabei hatten sie ja ihren Beitrag dazu, indem sie mir alles abgenommen haben. Das hat schon etwas "Helikopter-Eltern"-mäßiges. Aber darüber will ich mich gar nicht beschweren, wir haben ja ein super Verhältnis.

Nico, 22

Als ich noch ein kleiner Junge war, hatten meine Eltern dauernd Streit. Das hat unsere Familie auf Dauer total zerstört. Wir hatten alle unsere ganz eigenen Probleme durch diesen Stress: Meine Schwester wurde magersüchtig, ich bekam Frustfressattacken und meine Mutter hat jeden Tag ein Tetra Pak Wein vernichtet. Geholfen haben uns unsere Eltern dadurch natürlich auch nicht. Später ist mein Vater dann für sein dubioses "Hobby" einfach abgehauen, hat noch eine Menge Geld mitgenommen und mit meiner Mutter wurde es dann erst so richtig schlimm. Als sie eines Nachts nackt im Türrahmen stand und irgendwelche Freundinnen meiner Schwester dumm angemacht hat, sind meine beiden Schwestern abgehauen. Dann stand ich allein mit ihr da und konnte ihr beim Saufen zuschauen.

Elisa, 20

Meine Eltern haben mich von klein auf in die Essstörung getrieben. Weil ich schon größer und kräftiger als die meisten Kinder auf die Welt kam, haben sie ab dem Kindergarten streng darauf geschaut, was und wie viel ich esse. Das hat sich durch meine ganze Kindheit gezogen und mein Gewicht war immer vor der ganzen Familie Thema. Jeder Bissen wurde kommentiert. Und wenn es immer nur heißt, ich solle doch lieber ein Glas Wasser trinken und in einer halben Stunde nochmal schauen, ob ich Hunger habe, dann ist es klar, dass ich ein gestörtes Verhältnis zu Essen bekomme.

Als ich die Schule wechselte, von zu Hause auszog und plötzlich diese ständige Kontrolle meiner Eltern nicht mehr da war, ging meine Essstörung erst richtig los. Fressattacken, Sportsucht, völliges Hungern, Bulimie—ich bewegte mich in Phasen von Extrem zu Extrem. Nach vier Jahren Achterbahnfahrt entschied ich mich schließlich für eine Therapie. Meine Eltern waren zuerst skeptisch: Ich könne doch auch "einfach normal essen" und weiter so viel Sport machen.

Aber—und das ist mir sehr wichtig—sie unterstützten mich sofort. Ich lernte endlich, ihnen Grenzen zu zeigen, was die Kontrolle über meinen Körper und mein Essen angeht. Sie meinten es immer nur gut mit mir, waren selbst überfordert mit der Situation und wollten mich einfach nur zu "bewusstem Essen" erziehen. Das kann ich ihnen nicht übelnehmen. Alle Eltern machen Fehler, aber du kannst ihnen nicht ewig die Schuld geben und auf der Stelle treten, sondern musst lernen, mit der Situation umzugehen. Das können dir die Eltern nicht abnehmen.

Eddy, 22

Eddy stellte uns netterweise auch diese Perle zur Verfügung | Foto: privat | Bearbeitet von VICE.

Meine Eltern haben mich, finde ich, nicht richtig "Kind sein" lassen. Mit acht oder neun durfte ich schon das ganze Haus putzen und war damit zwar um einiges selbstständiger als meine Freunde, aber natürlich auch neidisch, dass sie viel mehr Zeit zum Fußballspielen hatten. Heute sehe ich natürlich, dass meine Eltern auch für uns Kinder schuften mussten und nicht immer da sein konnten. Und im Schullandheim war ich, glaube ich, der einzige, der kompetent seine Bettwäsche wechseln konnte.

Ich finde auch, dass mir meine Eltern zu wenig Liebe gezeigt und mich emotional verkorkst haben. Jetzt bin ich Dauersingle und hatte vielleicht nur einmal nicht-sexuelle Gefühle für ein Mädchen. Der größte Vorwurf ist aber, dass sie in Sachen Bestrafung überreagiert haben. Wenn ich 15 Minuten zu spät nach Hause komme, weil ich noch mit meinen Freunden zu Ende spielen wollte, und dafür einen auf den Arsch bekomme, ist das schon zu viel. Ich habe da richtige Tricks benutzt und zum Beispiel mehrere Unterhosen getragen, damit es nicht so wehtut, wenn ich wusste, dass ich Mist gebaut hatte. Angst vor Prügel sollte kein dauerhaftes Erziehungsmittel sein.

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