Abgas-Affäre

Ich habe 100 Mal bei der Diesel-Hotline des Verkehrsministeriums angerufen

Und versucht, die Wahrheit über den Abgasskandal zu erfahren.

von Paul Hertzberg
23 Oktober 2018, 1:47pm

Collage bestehend aus: Foto: Flora Rüegg || Screenshot: www.bmvi.de

Ich weiss, wie man harte Verhöre führt: 1. Man stellt dieselben Fragen einfach immer und immer wieder. 2. Man stellt geradezu kindlich-naive Fragen. Weshalb, warum, wieso? So ist es in jeder Polizeiserie und in jedem Film. Am besten setzt man sich für diese ermüdende Taktik an einen Metalltisch, unter Neonlicht und mit einer Tasse kaltem Kaffee. Irgendwann, bei der zwanzigsten oder dreissigsten Wiederholung einer Frage ist es dann so weit. Wenn man mit dieser Taktik Mörder zum Einknicken bringen kann, dann müsste man so auch die Wahrheit über die Diesel-Affäre ans Licht bringen können.

Die Diesel-Affäre ist verwirrend. Keiner scheint genau zu wissen, wo welche Autos in Zukunft noch gefahren werden dürfen, welcher Hersteller welche Umrüstungskosten übernimmt oder welche Umtauschprämie zahlt. Da ist es einfach, sich die ganze Diskussion egal sein zu lassen. Vor allem, wenn man – wie ich – gar keinen Diesel fährt. Aber das wäre falsch. Schliesslich will keiner von uns in vollkommen verpesteten Städten leben und eigentlich auch nicht in einer Gesellschaft, in der Autofirmen ihre Kunden mit Betrugssoftware hinters Licht führen und nicht für den kompletten Schaden einstehen.

Wie gut, dass das Verkehrsministerium eigens eine Hotline eingerichtet hat, um Fragen von Diesel-Fahrern zu der komplexen Situation zu beantworten. "Sie haben Fragen zum Thema Diesel?", fragt das Ministerium auf seiner Website. "Ab sofort können sich Diesel-Fahrer unter der Service-Hotline 'Sauber-Fahren' informieren." Und ja: Ich habe Fragen.

  1. Warum zahlen die Autobauer nicht 100 Prozent der Hardware-Umrüstungskosten?

  2. Warum spricht Minister Scheuer seit neuestem nicht mehr vom Abgas-Skandal, sondern von der "Diesel-Thematik" (so inzwischen auch das Ministerium auf seiner Homepage)?

  3. Glaubt das Verkehrsministerium wirklich, dass die Luft am Ende dieser Affäre sauberer sein wird?

Ich weiss, Hotlines sind nicht dafür da, Warum-Fragen zu stellen. Sie sind auf das "Wie" spezialisiert. Hotline-Mitarbeitende erklären uns, wie man sein Ikea-Regal zusammenschraubt, oder geben mässig kluge Hinweise zur kaputten Internetverbindung ("Schon mal ein- und ausgeschaltet?"). Mal schauen, was für Tipps mir die Diesel-Hotline gibt.

Anruf Nr. 1 - besetzt

Anruf Nr. 2 - besetzt

Anruf Nr. 3 - besetzt

Anruf Nr. 4 - Es tutet! Ein, zwei, drei Mal. Dann geht eine Frau ans Telefon. "Hotline Sauber-Fahren", sagt sie. "Guten Tag." Fantastisch! Ich habe bis zuletzt nicht damit gerechnet, dass ich meine Fragen tatsächlich stellen werden kann.

VICE: Warum zahlen die Autobauer nicht 100 Prozent der Hardware-Umrüstungskosten?
Diesel-Hotline: Ähm - dazu kann ich Ihnen jetzt ad hoc auch nichts genaues sagen. Alles, was ich weiss, ist, dass wir da in Verhandlungen sind. Es gibt ja diese 80 Prozent, die übernommen werden, an den 20 anderen Prozent wird auch noch gearbeitet.
VICE: Ok, vielen Dank.

Kryptisch, aber ok, damit hatte ich gerechnet. Irgendwann, beim zehnten, elften, dreiundreissigsten Anruf wird diese Mitarbeiterin mir schon noch vollkommen entnervt die Wahrheit gestehen.

Anruf Nr. 5 - besetzt

Anruf Nr. 6 - besetzt

Anruf Nr. 7 - besetzt

Anruf Nr. 8 - besetzt

Anruf Nr. 9 - besetzt

Anruf Nr. 10 - besetzt

Anruf Nr. 11 - besetzt

Anruf Nr. 12 - besetzt

Anruf Nr. 13 - besetzt

Anruf Nr. 14 - besetzt

Anruf Nr. 15 - besetzt

Anruf Nr. 16 - besetzt

Anruf Nr. 17 - besetzt

Anruf Nr. 18 - besetzt

Anruf Nr. 19 - besetzt

Anruf Nr. 20 - besetzt

Anruf Nr. 21 - besetzt

Anruf Nr. 22 - besetzt

Anruf Nr. 23 - besetzt

Anruf Nr. 24 - besetzt

Anruf Nr. 25 - besetzt

Zumindest die Verhörsituation stimmt. Der Tisch ist hart, der Kaffee kalt, das Licht zu hell. Nur ist niemand da, dem ich meine Fragen stellen kann.

Anruf Nr. 26 - besetzt

Anruf Nr. 27 - besetzt

Anruf Nr. 28 - besetzt

Anruf Nr. 30 - besetzt

Anruf Nr. 31 - besetzt

Anruf Nr. 32 - besetzt

Anruf Nr. 33 - besetzt

Anruf Nr. 34 - besetzt

Anruf Nr. 35 - besetzt

Anruf Nr. 36 - besetzt

Anruf Nr. 37 - besetzt

Anruf Nr. 38 - besetzt

Anruf Nr. 39 - besetzt

Anruf Nr. 40 - besetzt

Anruf Nr. 41 - besetzt

Anruf Nr. 42 - besetzt

Das harte Tuten des Besetzt-Zeichens tut langsam richtig weh in meinem Ohr. Tut! Tut! Tut! Jedes Signal ist ein Angriff. Wann geht da endlich jemand ran?

Anruf Nr. 43 - besetzt

Anruf Nr. 44 - besetzt

Anruf Nr. 45 - besetzt

Anruf Nr. 46 - besetzt

Anruf Nr. 47 - besetzt

Anruf Nr. 48 - besetzt

Anruf Nr. 49 - besetzt

Anruf Nr. 50 - besetzt

Anruf Nr. 51 - besetzt

Anruf Nr. 52 - besetzt

Anruf Nr. 53 - besetzt

Anruf Nr. 54 - besetzt

Anruf Nr. 55 - besetzt

Anruf Nr. 56 - besetzt

Anruf Nr. 57 - besetzt

Anruf Nr. 58 - besetzt

Mein Telefonat vor 54 Anrufen scheint ein Glückstreffer gewesen zu sein. Vielleicht habe ich das auch einfach halluziniert. Langsam bin ich mir da nicht mehr so sicher. Alleine in einem kleinen Raum, während ich immer wieder eine endlos besetzte Nummer anrufe, beginne ich, meine beruflichen Entscheidungen ernsthaft zu hinterfragen.

Anruf Nr. 59 - besetzt

Anruf Nr. 60 - besetzt

Anruf Nr. 61 - besetzt – denke ich für eine Sekunde, dann merke ich, dass das Tuten länger anhält. Unglaublich, wie gut sich das anfühlt. Es geht jemand ran. Wieder eine Frauenstimme, diesmal eine andere. "Hotline Sauber-Fahren", sagt sie. "Guten Tag!" Ich kämpfe das Zittern in meiner Stimme erfolgreich nieder. Zeit für den zweiten Versuch.

VICE: Warum zahlen die Autobauer nicht 100 Prozent der Hardware-Umrüstungskosten?
Diesel-Hotline: Da bin ich jetzt überfragt. Wahrscheinlich müsste ich mich erst einmal kundig machen.
VICE: Aber Sie sind doch die Diesel-Hotline. Das ist eine Frage zum Diesel.
Diesel-Hotline: Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, dass die Automobilhersteller einen Teil der Kosten tragen. Alles andere wird weiter verhandelt werden.

Ich bin kurz davor zu weinen, aber lasse mir das nicht anmerken. "Alles klar", sage ich. "Einen schönen Tag noch."

Anruf Nr. 62 - besetzt

Anruf Nr. 63 - besetzt

Anruf Nr. 64 - besetzt

Anruf Nr. 65 - besetzt

Anruf Nr. 66 - besetzt

Anruf Nr. 67 - besetzt

Anruf Nr. 68 - besetzt

Anruf Nr. 69 - besetzt

Anruf Nr. 70 - besetzt

Anruf Nr. 71 - besetzt

Anruf Nr. 72 - besetzt

Anruf Nr. 73 - besetzt

Anruf Nr. 74 - besetzt

Anruf Nr. 75 - besetzt

Anruf Nr. 76 - besetzt

Anruf Nr. 77 - besetzt

Anruf Nr. 78 - besetzt

Anruf Nr. 79 - besetzt

Anruf Nr. 80 - besetzt

Anruf Nr. 81 - besetzt

Inzwischen denke ich gar nicht mehr nach. Meine Finger wählen, langsam werden sie taub. Ich bin mir sicher, dass die beiden Nummern der Diesel-Hotline bis an mein Lebensende in mein Gehirn eingebrannt sein werden.

Anruf Nr. 82 - besetzt

Anruf Nr. 83 - besetzt

Anruf Nr. 84 - besetzt

Anruf Nr. 85 - besetzt

Anruf Nr. 86 - besetzt

Anruf Nr. 87 - besetzt

Anruf Nr. 88 - besetzt

Anruf Nr. 89 - besetzt

Anruf Nr. 90 - besetzt

Anruf Nr. 91 - besetzt

Anruf Nr. 92 - besetzt

Anruf Nr. 93 - besetzt

Anruf Nr. 94 - besetzt

Anruf Nr. 95 - besetzt

Anruf Nr. 96 - besetzt

Anruf Nr. 97 - besetzt

Anruf Nr. 98 - besetzt

Anruf Nr. 99 - besetzt

Anruf Nr. 100 - besetzt

Besetzt. Besetzt. Besetzt. 98 Mal besetzt. Ich gebe es auf. Alles, was ich heute gelernt habe, ist, dass offenbar tausende verwirrter Diesel-Fahrer im Verkehrsministerium anrufen und sämtliche Leitungen besetzen. Und vielleicht noch eines: Gut, dass ich kein Polizist geworden bin.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.