Was Sexualstraftäter im Gefängnis erwartet

"Jeder Knacki weiss, welcher Gang den Pädophilen gehört", sagt ein Ex-Häftling.

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Aug. 9 2018, 1:23pm

Symbolfoto: imago | blickwinkel 

Südlich von Freiburg liegt Staufen, eine kleine Stadt mit knapp 8.000 Einwohnern, alten Fachwerkhäusern und einer Burgruine auf den angrenzenden Weinbergen. Mitten in dieser Idylle ereignete sich von Anfang 2015 bis Herbst 2017 ein fast beispielloser Fall von Kindesmissbrauch. Eine Frau und ihr Lebensgefährte boten den damals neunjährigen Sohn der Frau im Darknet zum Missbrauch an. Über zwei Jahre wurde der Junge von mindestens vier Männern und seiner eigenen Mutter regelmässig vergewaltigt. Die vier männlichen Mittäter wurden bereits verurteilt, zu acht und zehn Jahren Haft, zum Teil mit anschliessender Sicherungsverwahrung.

Am Dienstag wurden auch der Haupttäter Christian L. und die Haupttäterin Berrin T. wegen schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern, schwerer Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, Zwangsprostitution und der Herstellung und Verbreitung von Kinderpornografie verurteilt. Beide müssen für mehr als zwölf Jahre ins Gefängnis. Wir haben einen Justizvollzugsbeamten, einen Ex-Häftling und einen Rechtsanwalt gefragt, was die beiden dort erwartet.

Mobbing und Ausgrenzung durch andere Gefangene

"Pädophile Sexualstraftäter sind in der Knasthierarchie ganz unten", sagt Thomas Lill Justizvollzugsbeamter in der Sozialtherapie der JVA Saarbrücken gegenüber VICE. "Sexualstraftäter verhalten sich anfangs sehr ruhig und zurückhaltend, sie vermeiden den Kontakt mit anderen Insassen und leugnen ihre Straftaten. So lange, bis sie es nicht mehr leugnen können, weil ihre Taten an die Öffentlichkeit gelangen." Dann würden sie von den anderen Insassen gemieden, verachtet, unter Umständen schikaniert, verbal beleidigt und beschimpft, sagt Lill.


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"Inhaftierte, die in der Gefängnishierarchie weit oben stehen, zum Beispiel ein Räuber, wollen mit Sexualstraftätern nichts zu tun haben", sagt Lill. "Die Insassen lehnen Arbeitsverhältnisse mit Pädophilen ab und mobben sie raus. Für die Betroffenen bleiben dann Tätigkeiten übrig, die keiner machen möchte, wie Putzen oder Aufräumen." Straftaten unter Insassen seien schwer nachzuweisen, sagt der Justizvollzugsbeamte: "Verbale Beschimpfungen kann man nur schwer einem bestimmten Urheber zuordnen und Gewalttaten unter den Gefangenen werden meistens nicht zugegeben." Ob Häftlinge wirklich Sexualstraftäter körperlich misshandeln, weiss einer, der selbst unter ihnen einsass.

Sexualstraftäter sind für andere Inhaftierte gut zu erkennen

Markus B.* sass ein Jahr lang in der JVA München wegen Drogenhandel und sagt: "Jeder Knacki weiss, welcher Gang den Pädophilen gehört." In der Untersuchungshaft, wo Straftäter mit unterschiedlichen Delikten im gleichen Gang eingesperrt sind, habe es vor allem Gerüchte gegeben. So sei zum Beispiel jemand verdächtig gewesen, der wegen eines verhältnismässig leichten Delikts wie Betrug im Gefängnis sitzt. Als B. dann in den regulären Vollzug wechselte, hätten ihm Zellennachbarn schon in den ersten Tagen gezeigt, woran er Sexualstraftäter erkennen könne.

Nach der Untersuchungshaft in der JVA war Markus B. Hausarbeiter, kümmerte sich um die Wäsche und holte mit einem Schiebewagen dreimal täglich das Essen aus der Küche, um es an die Häftlinge auf seinem Gang zu verteilen. Sexualstraftäter haben eine eigene Station, mit ihren eigenen Hausarbeitern – ebenfalls Sexualstraftäter. Wenn diese dann gleichzeitig mit den anderen Hausarbeitern das Essen abholen, könne es für sie gefährlich werden, sagt B. Denn an der Nummer des Schiebewagen könne man sie erkennen. Ausserdem seien sie immer von drei Wärtern begleitet, statt nur von zwei. Es sei vorgekommen, dass mehr als dreissig Hausarbeiter sie umzingelten und beschimpften, sagt B.: "Ungefähr 300 Beamte sind da und knüppeln die Knastis nieder, wenn was passiert. Wären die nicht da, würde der Mob die Pädophilen wie in einem Westernfilm lynchen." So weit sei es aber noch nie gekommen.

Körperliche Gewalt gegen Sexualstraftäter habe er nie beobachtet, sagt Markus B., und das habe einen Grund: "Der Hass gegen sie war spürbar, viele haben den psychischen Druck nicht ertragen und trauten sich in der Untersuchungshaft nicht aus ihren Zellen." Die eigene Station habe sie in der weiteren Haft dann ein Stück weit vor den anderen beschützt. Auch Thomas Lill bestätigt diese Darstellung. Um sich zu schützen, würden Sexualstraftäter den Kontakt zu anderen meiden und dafür sorgen, dass sie sich immer unter Aufsicht der Wärter befinden.

Dass Sexualstraftäter von den Gefangenen gemieden werden, liegt an ihrem Image, das Markus B. wiedergibt: "Mir war immer schlecht, weil das schäbige Menschen sind: fette alte Wichser mit gelblicher Haut und schlechter Aura. Selbst als Knacki ist einem da der kalte Schauer über den Rücken gelaufen. Und ich habe von einem Räuber, einem Frauen-Mörder und einem Hells Angel das Schafkopfspielen gelernt." Jeder im Gefängnis habe eine Gruppe hinter sich, die ihn für Gefälligkeiten beschützt, sagt B., – Russen, Hells oder Araber. Nur die Sexualstraftäter hätten niemanden.

Mehrere Fälle von körperlicher Gewalt gegen pädophile Sexualstraftäter in Haft

Auch wenn weder Thomas Lill noch Markus B. von physischer Gewalt gegenüber Sexualstraftätern erzählen, kommt es immer wieder dazu. 2014 berichtete der Stuttgarter Strafverteidiger Markus Bessler von einem Mandanten, der in Untersuchungshaft gequält worden sein soll. Insassen hätten den Sexualstraftäter "mit Wasser übergossen, ihn Urin trinken und Zigarettenstummel essen lassen", sagte der Bessler gegenüber den Stuttgarter Nachrichten. Und 2017 wurde der mutmassliche Doppelmörder und Vergewaltiger Catalin C. in der JVA Freiburg von Mithäftlingen angegriffen und im Gesicht verletzt.

Im Staufener Missbrauchsfall wussten Christian L.s Mitgefangene in der Freiburger Untersuchungshaft aus den Medien nach kurzer Zeit, wer er ist. Deswegen wurde er nach Schwäbisch-Hall in einen Trakt für Bedrohte verlegt, sagte der Leiter der JVA Freiburg, Michael Völkel, gegenüber der Badischen Zeitung. Während des Prozesses war L. dann in Offenburg inhaftiert. Zu Anfang sei L. gegen die Verlegung gewesen, "dann aber hat er gemerkt, was für eine Dynamik sich da entwickelt", sagt Völkel. Die Schutzhaft ist ähnlich wie eine Einzelhaft: keine Freizeitaktivitäten, kein Sport und keine Arbeitsmöglichkeiten. Auch die andere Haupttäterin, Berrin T., könnte in der Haft im Frauengefängnis auf Probleme stossen.

Denn unter weiblichen Häftlingen gebe es ebenfalls eine Gefangenenhierarchie, sagt der Rechtsanwalt Thomas Galli gegenüber VICE. Das hätten ihm weibliche Gefangene berichtet, die er rechtlich vertritt. Mobbing und Diskriminierung seien ebenfalls an der Tagesordnung, physische Gewalt jedoch sei unter Frauen weniger häufig und der Kreis der Betroffenen kleiner. "Bei Frauen, die länger inhaftiert sind, ist es nicht selten, dass sie ihr Kind ermordet haben. Die meisten Insassinnen befinden sich also aus ähnlichen Tatmotiven in Haft, sitzen somit im gleichen Boot", sagt Galli. Bei Berrin T. sei die Situation jedoch eine andere: "Die Betroffene wird es sicherlich schwer haben während ihrer Haft, weil die Details so medial ausgebreitet wurden." Es werde ein paar Jahre dauern, bis sie Fuss fassen könne und nicht mehr auf sie herab geschaut werde.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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