Ist die Body-Positivity-Bewegung nichts für schlanke Frauen?

Die Bewegung ist nicht für alle da, die mit ihrem Körper unzufrieden sind.

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06 Februar 2019, 2:29pm

Illustration: Yasmin Nickel | VICE Media

Julia und Esin sind fett – und nennen sich selber so. Mitte Januar veröffentlichten die beiden eine Instagram-Story, in der sie ihre Followerinnen und Follower fragten: "Bist du in einem Körper, der systematisch diskriminiert, unterdrückt und ausgegrenzt wird? Nein? Ist dein (cis-het) Frausein die einzige Marginalisation, die du hast? Dann ist die Body-Positivity-Bewegung nicht dein Platz." Damit sagen sie: Es reicht nicht, "nur" eine Frau zu sein, um Teil der Bewegung zu sein. Menschen, die heterosexuell sind und sich dem biologischen Geschlecht zugehörig fühlen, werden ausgeschlossen.

Richtet sich die Body-Positivity-Bewegung wirklich nur an fette Menschen?

Um das herauszufinden, muss man erstmal verstehen, was Julia und Esin eigentlich für ein Ziel verfolgen. Die beiden deutschen Bloggerinnen berichten auf "Wir müssten mal reden" über ihre alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus und Sexismus. Auf ihrem gemeinsamen Instagram-Account teilen sie Denkanstösse aus ihrem Leben als Nicht-Weisse, fette Frauen. "Sich selber als fett zu bezeichnen ist eine Art von Befreiung", erklären die beiden.


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Warum Befreiung? Zu lange schon werde das Wort negativ konnotiert, indem es als Beleidigung benutzt wird, sagen Julia und Esin. Solange das so sei, würden fette Menschen in unserer Gesellschaft als weniger wert angesehen. "Fette Menschen erleiden systematische Unterdrückung, Diskriminierung und Ausgrenzung. Das möchten wir ändern und zeigen, dass es eine ganz normale Selbstbezeichnung ist." Wie das Wort "Bitch", das Frauen sich gerade zurückholen.

Aber war das schon immer das Ziel der Fat-Aktivisten? Woher kommt die Body-Positivity-Bewegung eigentlich?

Die Anfänge der BOPO-Bewegung

Die Body-Positivity-Bewegung, kurz BOPO-Bewegung, ist viel älter, als wir denken. Sie hat keineswegs mit Instagram angefangen, sondern entstand mit der ersten Welle des Feminismus von 1850 bis 1890. Damals legten Frauen ihre Korsetts ab, um gegen das Schönheitsideal einer schmalen Taille zu rebellieren und für die Akzeptanz von vielfältigen Körperformen einzustehen.

1967 demonstrierten 500 fette Menschen im New Yorker Central Park gegen das soziale Stigma von Fettleibigkeit, es war die Geburtsstunde der Fat-Acceptance-Bewegung. Auch hier hat die BOPO-Bewegung sich einiges abgeschaut. Kurz darauf veröffentlichte der Autor Lew Louderback in der Saturday Evening Post einen Essay mit dem Titel "More People Should Be Fat". Darin beschrieb er den fanatischen Körperkult in den USA und betonte, wie besessen die Gesellschaft von dünnen Körpern ist – und dadurch fette Menschen diskriminiert.

Louderback und seine Frau waren selbst dick. Sie hatten jahrelang mit ihrem Körpergefühl gekämpft, hielten immer wieder Diäten und seien trotzdem dann am glücklichsten, wenn sie fett sind, schrieb er. Nach der Veröffentlichung von Louderbacks Essay, und inspiriert von der Demo im Central Park, wurde die National Association to Advance Fat Acceptance gegründet – eine Bürgerrechtsbewegung, die sich gegen Diskriminierung von fetten Menschen einsetzt.

Systematisch, das heisst zum Beispiel, dass die betroffene Person keine Kleidung in normal zugänglichen Geschäften findet, im Flugzeug Angst haben muss, dass der Sitz zu eng ist oder beim Arztbesuch grundsätzlich als erstes hört, dass sie abnehmen müsse.

Die Grundidee der BOPO-Bewegung ist also, Akzeptanz und Raum für diejenigen Körper zu schaffen, die von der Gesellschaft als nicht schön und/oder nicht gesund erachtet und dadurch systematisch diskriminiert werden. Systematisch, das heisst zum Beispiel, dass die betroffene Person keine Kleidung in normal zugänglichen Geschäften findet, im Flugzeug Angst haben muss, dass der Sitz zu eng ist oder beim Arztbesuch grundsätzlich als erstes hört, dass sie abnehmen müsse. Wer zusätzlich auch körperlich behindert, nicht-weiss oder nicht-heterosexeuell ist, hat richtig Pech gehabt.

Ab wann gilt man überhaupt als fett? Eine Grössentabelle dafür gibt es nicht, sagen Julia und Esin. "Grob kann man sagen, wenn es sich im Alltag mit der Diskriminierung bemerkbar macht." Man passt nicht in jeden Stuhl, oder muss immer aufpassen, dass die Dinge auf denen man sitzt für einen geeignet sind. "Wenn man kaum Repräsentation in den Medien von Körpern sieht, die so aussehen wie deiner oder wenn du beim Dating immer fürchten musst, dass die Person nicht auf 'Menschen deiner Grösse' steht".

Foto: Yasmin Nickel | VICE Media

Was aber, wenn nun eine Frau die Bewegung für sich beansprucht, obwohl ihr Körper durchaus in gängige Kleidergrössen passt? Darf sie das, wenn sie sich in ihrem Körper nicht wohlfühlt?

"Die Body-Positivity-Bewegung ist nicht nur für fette Menschen", sagen Julia und Esin. Aber: "Wenn eine dünne, weisse, Cis-Frau ohne körperliche Behinderungen diese Bewegung für sich beansprucht – und beispielsweise auf Instagram ein Foto von sich postet, auf dem sie mit kleinen Bauchrollen ein Stück Pizza isst und darunter #bodypositivity schreibt – dann ist das nicht okay."

Eine von diesen Frauen ist die Influencerin Mary Jelkovsky. Auf Instagram hat sie über 133’000 Follower und schreibt über den Heilungsprozess einer Essstörung und Depressionen, die ihr Job als Bikinimodel verursacht hat. Auf ihrem Account postet sie Bilder, auf denen sie ihre Fettröllchen am Bauch zur Schau stellt – die sie wohlbemerkt nur dann hat, wenn sie sitzt oder die Röllchen mit den Händen zusammenpresst. Diese Bilder stiessen der New Yorker Fett-Aktivistin Ashleigh Tribble sauer auf: Sie kritisierte Mary öffentlich auf ihrem Profil und kommentierte unter den entsprechenden Posts, dass diese Bewegung nicht für weisse, nicht-fette Frauen gedacht ist. "Diese Frauen tragen nichts zur eigentlichen Bewegung bei, im Gegenteil: Sie schaden ihr sogar, weil dadurch wieder weisse, nicht-fette Frauen im Zentrum des Diskurses stehen", sagt Tribble. Schliesslich entsprächen Frauen wie Mary trotz der Bauchröllchen dem konventionellen Schönheitsideal.

Nur Frausein reicht nicht

Auch Frauen wie Mary leiden unter dem patriarchalen System – einfach nur dadurch, dass sie Frauen sind. Darauf weisen auch die Bloggerinnen Julia und Esin hin. Trotzdem profitieren sie widerum von anderen Unterdrückungssystemen – weil sie weiss sind. Dazu komme, dass sich weisse Frauen tendenziell vor allem für die Anliegen von weissen Frauen einsetzen, um diese Privilegien nicht zu verlieren: "Weisse Frauen haben schon immer deutlich gemacht, dass sie, was Gleichberechtigung angeht, oft nur ihre eigenen Interessen vertreten und wenig bis gar nicht intersektional sind." Dieses Phänomen nennt man white feminism.

"Das geht Hand in Hand damit, dass man sagt, man "fühlt sich fett", wenn man seinen Körper beschämen will."

Frauen wie Mary profitieren zudem vom thin privilege, sagt Tribble: "Das bedeutet zum Beispiel, dass Frauen mit einem nicht-fetten Körper in normal zugänglichen Kleiderläden shoppen können. Sie haben nicht damit zu kämpfen, dass man automatisch denkt, sie seien faul oder verfressen. Von fetten Menschen wird immer erwartet, dass sie abnehmen wollen – erst dann behandelt die Gesellschaft sie wie normale Menschen. Nicht-fette Menschen haben diese Probleme nicht." Das Darstellen von Fettröllchen am Bauch würde die gesellschaftliche Fettphobie sogar noch befeuern: "Das geht Hand in Hand damit, dass man sagt, man "fühlt sich fett", wenn man seinen Körper beschämen will." Dass die BOPO-Bewegung aber vielen Menschen, die privilegiert und nicht fett sind, helfen kann, ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln, bestreitet keine der Frauen.

Sie hat auch Morena Diaz geholfen, Lehrerin und Influencerin aus der Schweiz. Die 25-Jährige teilt auf ihrem Instagram-Account Bikini-Fotos mit sichtbaren Dehnungsstreifen mit 70.000 Followern, schreibt unter einem Bild von sich im Body, dass Frauen sich selbst lieben sollen, und setzt sich in ihrem Schulunterricht dafür ein, dass ihre Schülerinnen und Schüler ein gesundes Körperbild entwickeln. Diaz erzählt, dass sie die BOPO-Bewegung vor ein paar Jahren auf Social Media entdeckte und sich damit identifizieren konnte: "Mich haben diese Bewegung, beziehungsweise die Inhalte auf Social Media sogar aus meiner Essstörung begleitet."

Body Positivity ist viel mehr als Selbstliebe

Bis vor zwei Jahren hatte Diaz allerdings ein eng gefassteres Verständnis der Bewegung: "Ich dachte, es ging darum, den eigenen Körper zu akzeptieren und zu lernen, alle Körper zu zelebrieren. Das stimmt so aber nicht." Diaz ist selber nicht fett und durch kritische Auseinandersetzungen vor allem auf Social Media festgestellt, dass diese Bewegung nicht viel mit ihr zu tun hat: "Ich habe mich stark mit dieser Thematik auseinandergesetzt und mich entschieden, nicht mehr im Namen von Body Positivity zu posten. Diese Bewegung gehört anderen und muss von anderen repräsentiert werden."

Diaz hat selber immer wieder Mobbing und Body Shaming erfahren und darunter gelitten: "Aber es ist ganz etwas anderes, was wirklich dicke Leute sich gefallen lassen müssen." Sie bezieht auch People of Color, Menschen mit Behinderungen und die ganze LGBTQ-Community in die Bewegung ein. Für Diaz ist klar, dass diese Menschen noch mehr um Akzeptanz und Toleranz, aber auch Sichtbarkeit und Repräsentation kämpfen müssen. "Body Positivity ist eine politische Bewegung, die politische und strukturelle Veränderungen will. Sie ist so viel mehr als nur zu lernen, sich im eigenen Körper wohl zu fühlen. Body Positivity muss man von Selbstliebe unterscheiden."

Diesen Unterschied betont auch die Fett-Aktivistin Ashleigh Tribble: "Das Konzept der Selbstliebe ist selbstverständlich etwas, das allen Menschen offen steht und gelebt werden kann." Damit sind auch Julia und Esin einverstanden: "Selbstliebe ist für alle da." Aber auch hier sei es wichtig, seine Privilegien zu checken und zu kapieren, warum es so einfach ist, diese Repräsentation für sich selber zu finden, während das für marginalisierte Personen noch immer sehr schwierig ist: "Die gesellschaftliche Abneigung gegen Cellulite wiegt nicht gleich schwer wie diejenige gegen fette Menschen, Trans* oder Menschen mit Hijabs."

Die BOPO-Bewegung ist also tatsächlich nicht für alle Menschen gedacht, weder historisch, noch aktuell.

Für Ashleigh Tribble ist wichtig, den Betroffenen zuzuhören und ihnen Glauben zu schenken: "Ich spreche viel über den Hass, der fetten Menschen entgegenschlägt, ich erlebe das ja selber – und trotzdem werde ich nicht ernst genommen." Frauen, die auf Instagram ihre Fettrollen "faken", bekommen Tribbles Ansicht nach mehr Aufmerksamkeit. Ihnen glaubt man, während sie Überzeugungsarbeit leisten muss: "Darüber sollten alle mal nachdenken, die selber nicht fett, weiss, cis und hetero sind – und die Bewegung wirklich unterstützen wollen."

Aber wie können die, die nicht davon angesprochen sind, trotzdem unterstützend sein? Julia und Esin arbeiten momentan an einem Guide für nicht betroffene Menschen, die die BOPO-Bewegung unterstützen möchten, ohne sich dabei selber zu zentrieren: "Wir werden den Guide dann auf unserem Blog veröffentlichen."

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