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10 Fragen

10 Fragen an eine IKEA-Mitarbeiterin, die du schon immer stellen wolltest

Welches IKEA-Produkt ist der grösste Schrott? Haben Kunden Sex in den Ausstellungsbetten? Wie streng kontrolliert ihr die SB-Kassen tatsächlich?

von Ruby Morrigan
03 März 2018, 5:45am

Alle Fotos: Patrick Ohligschläger

IKEA ist das McDonald's der Möbel – immer präsent, einheitlich, günstig und voller Superlative. Alle fünf Sekunden kauft irgendwo auf der Welt jemand ein Billy-Regal, behauptet die Firma auf ihrer Website. Weltweit beschäftigt das Unternehmen fast 200.000 Menschen, der Umsatz ist höher als das Bruttosozialprodukt von Ghana. Der IKEA-Katalog hat eine höhere Auflage als die Bibel und es gibt ein deutsches IKEA-Musical.

Hannah hat ihre Ausbildung zur Handelsfachwirtin bei IKEA gemacht und mit Unterbrechungen inzwischen acht Jahre dort gearbeitet. Die 30-Jährige heisst eigentlich anders, möchte hier aber anonym bleiben. Denn wenn das Unternehmen bessere Arbeitszeitmodelle einführt, könnte sie sich sogar vorstellen, bis zur Rente dort zu bleiben. Und das trotz kotzenden Kunden, versifften Matratzen und dreisten Dieben.

Wir haben Fragen.

VICE: Weisst du überhaupt, wie man die schwedischen Produktnamen ausspricht?
Hannah: Wir bekommen Produktschulungen, aber grundsätzlich ist es eher ein Raten. Es deutscht sich schnell ein, "Köttbullar" spricht man ja eigentlich "Schöttbullar". Es gab mal ein Kinderbett, das "Gutfick" hiess. Also G-U-D-V-I-K. Das fand ich bedenklich. Die WC-Bürste "Viren" ist auch so ein Klassiker. Die Kollegen fragen sich, wie das Unternehmen das bringen kann. Aber es hält an den schwedischen Namen fest. Die WC-Bürste Viren und das Kinderbett Gudvik waren lange im Sortiment und haben sich gut verkauft.

Haben Kunden oft Sex in den Ausstellungsbetten?
Unter Kollegen erzählen wir uns Geschichten aus jeder Abteilung. Die Betten sind ja nett gemacht, mit vielen Kuscheldecken, sodass man sich da durchaus eine Höhle bauen kann. Angeblich haben Paare aber auch schon im Kleiderschrank Sex gehabt. Auch in der SB-Halle, dem grossen Warenbereich vor der Kasse, gibt es immer wieder Pärchen, die sich zwischen den Regalen vergnügen. Selbst erlebt habe ich das noch nie – da bin ich auch ganz glücklich drüber. Aber Respekt für die, die im Kleiderschrank Sex haben.

Was ist das Ekligste, was Kunden bei IKEA machen?
Es gibt in der Ausstellung ja auch Bäder. Und es gibt einen Grund, warum auf den Toiletten eine Plexiglasscheibe mit einer Wegbeschreibung zur nächsten Kundentoilette angebracht ist. Aber immer wieder nutzen Kinder und auch Erwachsene die Toiletten – die ja gar nicht funktionieren.

Ich habe auch mal einen Kunden erlebt, der fünf Hotdogs hintereinander gegessen und wieder ausgekotzt hat. Dann rutschte er auf seiner eigenen Kotze aus und wollte uns auf Schadensersatz verklagen, beziehungsweise er forderte direkt welchen von uns. Aber wir haben das Spektakel selbst beobachtet und die Sicherheitskamera hat es auch aufgezeichnet, sodass es nichts zu diskutieren gab.


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Stimmt das Klischee vom vorprogrammierten Beziehungsstreit bei IKEA?
Ja. Ich kann nur davon abraten, als glückliches Paar zusammen bei IKEA einzukaufen. Meist ist es so: Der Mann hat schon am Eingang keine Lust mehr, während die Frau sich alles anschauen will – und IKEA verursacht gekonnt Reizüberflutung.

Beim heftigsten Streit, den ich erlebt habe, konnte sich die Freundin nicht entscheiden, welche Eigenschaften der Kleiderschrank haben sollte, der Mann hatte das alles schon geplant und wollte los. Dann stürzt das Planner-Tool bei IKEA auch noch regelmässig ab, mich macht das Programm nach zehn Sekunden aggressiv. Der Typ meinte zu seiner Freundin: "Mach doch, was du willst", und feuerte alle Unterlagen durch die Gegend. Er stürmte wutentbrannt aus der Abteilung, die Frau kreischte hinterher und brach in Tränen aus.

Welches IKEA-Produkt ist eigentlich Schrott?
"Lack" ist ein beliebter Tisch für sechs Euro, da muss man nur mal mit Schmackes sein Glas abstellen und er hat schon eine Delle. Der wird dann auch häufig reklamiert, und natürlich nehmen wir ihn problemlos zurück. Das ist aber gepresste Pappe mit einer dünnen Folie drum, da darf man nicht zu viel erwarten. Ansonsten gibt es ein Schienensystem für Vorhänge, "Vidga", und das ist wirklich nicht gut verarbeitet. Die kleinen Anhänger für die Gardinen brechen oft durch. Da kann ich verstehen, wenn es Kunden zur Weissglut bringt – die verbringen ein paar Stunden mit dem Montieren, und dann ist es kaputt.

Wie genau beobachtet ihr wirklich die SB-Kassen?
So eine SB-Kasse ist natürlich eine Einladung zum Diebstahl, das ist IKEA auch bewusst. Die Mitarbeiter an der Kasse sind da gut geschult, es wird auch mit Stichproben gearbeitet und Kameras gibt es natürlich auch. Man müsste die Kassenaufsicht schon ablenken, in ein Gespräch verwickeln, nebenbei die Waren abscannen und Sachen vorbeimogeln. Trotzdem klauen immer mal wieder Kunden, zum Beispiel, indem sie Sachen unter Pflanzen in Blumentöpfen verstecken. Da greift IKEA dann hart durch. Die Person kommt dann in einen U-Raum, Mitarbeiter nehmen die Personalien auf und rufen die Polizei.

Und wenn man von einer billigen Tasse das Label auf etwas Teureres klebt, kommt man damit davon?
Das ist so der Klassiker. Dabei muss man wenigstens schon so geschickt sein, dass die Labels gleich gross sind, sonst fällt das auf. Bei teureren Artikeln ist der Preis oft in den Karton eingebrannt, da würde es auffallen.

Ein Kunde hat versucht, Lack-Labels auf einen Karton zu kleben, wo "Bestå" drin war – bei Bestå kannst du 250 Euro für einen Artikel hinlegen, die teuersten Sachen von Lack kosten 50 Euro. Aber der Kunde war so "schlau", dass er an eine Barkasse gegangen ist. Lack besteht aus Pappe, Bestå ist massives Holz, das ist der Kassiererin sofort aufgefallen. Der Kunde ist dann mit hochrotem Kopf geflüchtet. Wenn man so was schon macht, sollte man wenigstens so klug sein und an eine Selbstscan-Kasse gehen.

Man findet auch immer wieder Kartons, die umgepackt wurden. Das finde ich spannend, denn ich habe es noch nie hinbekommen, ein Möbelstück neu einzupacken, sodass der Karton wieder zugeht. Wer das schafft, muss ein Profi sein. Wenn man beim Umlabeln erwischt wird, ist das strafrechtlich übrigens kein Diebstahl mehr, sondern schon Betrug.

Gibt es Leute, die das Småland als Ganztags-Kita missbrauchen?
Meist überziehen Eltern vielleicht um eine Stunde. Eigentlich werden die Kinder dort maximal zwei Stunden betreut, danach rufen Mitarbeiter die Eltern an. Natürlich passiert es immer wieder, dass sie nicht auftauchen. Gerade bei einem IKEA in einem Einkaufszentrum kann man sich dann relativ sicher sein, dass die Eltern gerade nicht bei IKEA sind. Oder jemand bringt sein Kind ins Småland und geht dann im Baumarkt nebenan shoppen. Die Eltern kriegen ordentlich Anschiss, wenn sie wieder da sind. Aber dass sie das Kind über einen ganzen Tag abgeben, ist eigentlich nicht möglich. In dem Fall würde man auch die Polizei einschalten. Was aber öfter passiert: Das Småland ist ab drei, und viele Eltern versuchen, jüngere Kinder hinzubringen. Also fragen wir die Kinder selbst nach ihrem Alter, weil Kinder nicht lügen.

"Vollgesiffte Matratzen mit Urinflecken, Menstruationsflecken – die Kunden haben das Ding nicht mal verpackt und erwarten, dass wir das ohne Handschuhe entgegennehmen."

Wer sind die schlimmsten Kunden?
Die Choleriker. Wenn sie erst mal auf 180 sind, kann man sie schwer beruhigen. Dann gibt es die "Informatiker-Banker-Fraktion", die kommen im Anzug rein und benehmen sich dreimalklug, fragen zum Beispiel nach der Artikelnummer statt nach dem Artikel. Woher soll ich bei den 8.000 Artikeln jede Nummer kennen? Ich habe schon mal so einem gesagt "In Regal 1, Fach 5" und bin einfach weitergegangen.

Dann gibt es Kunden, die Kulanz ausnutzen. Die wollen alle drei Monate ihren Esszimmerteppich umtauschen, sobald sie einen Fleck draufgemacht haben. Bei einer Kundin habe ich beim zweiten Mal gesagt: "Sie waren vor ein paar Monaten hier mit einem Rotweinfleck, jetzt kommen Sie mit Kaffeeflecken." Ich habe das nicht umgetauscht. Die Kundin war mega angepisst.

Wirklich eklig ist, wenn Kunden in der Umtausch-Schlange stehen mit einer vollgesifften Matratze mit Urinflecken, Menstruationsflecken – und ich will nicht wissen, was. Sie haben das Ding nicht mal verpackt und erwarten, dass wir das ohne Handschuhe entgegennehmen. Wenn man dann fragt, was mit der Matratze sei, kommt der Spruch: "Also, ich schlafe da drauf schlecht." Dass IKEA extrem kulant ist, nervt Mitarbeiter schon manchmal.

Was hältst du von Leuten, die nur zum Essen zu IKEA gehen?
Ich finde das überhaupt nicht schlimm, die Qualität des Essens ist ja auch in Ordnung. Rentner finde ich witzig, die jeden Morgen schon mit ihren Krückstöcken an der Eingangstür scharren. Die rennen dann los und versuchen, als Erstes im Kundenrestaurant zu sein, um beim Frühstück an ihrem Stammplatz zu sitzen. Als ich morgens zum ersten Mal aufschliessen musste, wusste ich noch nicht, wo das Schloss ist. Auf einmal pochten 20 Menschen an die Scheibe und zeigten mir, wo ich hin muss. Dann hatte ich fatalerweise die Rolltreppe noch nicht eingeschaltet, da war was los. Eine Dame mit Krückstock hat mir ein paar Takte erzählt – dass sie jetzt zu spät kommt, weil sie die Treppe nicht benutzen kann.

Was aber nervt, sind die Leute, die sich ihre Hotdogs schon vor dem Einkaufen holen. Die stehen dann im Beratungsgespräch und krümeln alles mit Röstzwiebeln voll, die Sosse tropft und sie stinken aus dem Mund. Das könnten die auch nach ihrem Einkauf machen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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