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Gaming

Menschen erzählen, wie Games ihre Krankheiten lindern

"Ich vergesse meine Störung, ich vergesse, dass ich leide. Was ich brauche, sind meine Kopfhörer und ein paar gute Spiele mit gutem Soundtrack."

von Elena Schulz
08 August 2019, 9:38am

Foto: Patric || Screenshot: What Remains of Edith Finch | Giant Sparrow | IGDB Press Kit

Im Videospiel Re-Mission können Krebspatienten auf widerliche Quallenwesen schiessen, die Tumore darstellen. Die Botschaft: Du kannst deinen Krebs besiegen. So wird aus einem Shooter eine Quelle für Motivation.

Health Games wie Re-Mission sind kein Ersatz für eine Therapie oder Medikamente. Aber sie können einen Heilungsprozess unterstützen. Für einige Menschen funktionieren sogar gewöhnliche Spiele wie Health Games, auch wenn die Spiele nicht gezielt für Gamer mit einer Krankheit entwickelt wurden.

Wir haben mit vier Gamerinnen und Gamern darüber gesprochen, wie ihnen Videospiele bei Depressionen, Traumata und Angststörungen helfen.

Hanna, 22, Studentin: "In 'Stardew Valley' fühlt man sich wohl"

Stardew Valley Screenshot
In 'Stardew Valley' hat Hanna immer ein Ziel vor Augen | Screenshot: Concerned Ape | IGDB Press Kit

"Es ist nicht einfach zu beschreiben, wie sich psychische Probleme auf einen auswirken. Depressionen flüstern dir Halbwahrheiten ein, bis du beginnst, all diese toxischen Dinge tatsächlich zu glauben. Angststörungen können jede alltägliche Situation in eine Bedrohung verwandeln. Auch wenn ich rein rational weiss, dass weder die Halbwahrheiten noch die Bedrohungen real sind, hält sie das nicht davon ab, weiter auf mich zu wirken.

Das Spiel Stardew Valley war sehr hilfreich, weil es ein von Grund auf positives und entspannendes Spiel ist. Die Charaktere und Geschichten sind liebevoll geschrieben, die Musik ist schön gemächlich und der Stil einladend und freundlich. Man fühlt sich einfach wohl und nützlich, wenn man das Spiel spielt. Es gibt eine schöne Balance zwischen repetitiven und neuen Aufgaben, kurzfristigen und langfristigen Zielen und ihrer jeweiligen Erreichbarkeit, so dass man immer beschäftigt ist, ohne frustriert, gelangweilt oder überfordert zu sein.

What Remains of Edith Finch war auf eine ganz andere Weise nützlich für mich. Man spielt aus der Sicht von Edith Finch, die ihr altes Elternhaus besucht. Sie will sich an ihre Familienmitglieder erinnern, die sehr früh unter den seltsamsten Umständen gestorben sind. Man spielt und durchlebt die letzten Momente jedes Familienmitgliedes.

Gegen Ende des Spiels ist man beim Tod von Lewis dabei, dem Bruder von Edith. Lewis war depressiv und dementsprechend war seine Geschichte für mich persönlich sehr nachvollziehbar. Sein Tod ist der erste in dem Spiel, der kein Unfall war. Im ersten Augenblick mag es zwar kontraproduktiv klingen, sich mit solchen Themen zu befassen, wenn es einem ohnehin schon nicht gut geht, aber mir hilft das sehr. Die Geschichten, die ich lese, schaue und spiele, sind oft recht melancholisch und schwermütig. Manchmal hilft es zu weinen, um etwas Druck abzulassen."

Daniel, 18, Schüler: "Egal, wie hart es ist, am Ende gewinnst du"

Controller und Figur
Daniel schafft es mit Videospielmusik besser durch den Tag | Foto: Daniel

"Mir wurde klar, dass ich an PTBS leide, als ich regelmässig Nervenzusammenbrüche in der Schule bekam. PTBS steht für Posttraumatische Belastungsstörung. Ich litt zehn Jahre an Mobbing, war völlig ausgegrenzt und es ging soweit, dass ich mir eine imaginäre Freundin in der vierten Klasse vorstellen musste, um wenigstens das Gefühl zu kriegen, ich hab jemanden, mit dem ich reden kann – diese Person habe ich bis heute. Als ich im September 2018 in die Psychiatrie gebracht wurde, fand ich dann heraus, dass ich Recht mit meiner Vermutung hatte. Und seitdem bin ich zu Hause und kann Schulen nicht mehr besuchen. Jetzt mache ich zum zweiten Mal in meinem Leben eine ambulante Therapie.

Ich habe total viele unterschiedliche Spiele gespielt, die mir geholfen haben. Hitman 2016/2018, Resident Evil, Batman: Arkham City, Fallout, Deus Ex und sogar die Total War: Warhammer-Spiele. Jedes Mal, wenn ich unterwegs bin, höre ich den Soundtrack der Spiele. Und ich fand heraus, dass ich keine Angst mehr habe, wenn ich Musik höre. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich deutlich besser. 'Requiem For Humanity' aus Fallout 3 ist zum Beispiel ein Track, den ich immer dann höre, wenn die Sonne scheint, da ich diesen Track im Spiel zum ersten Mal hörte, als ich aus der Vault entkommen bin und die Sonne auf das Ödland von Washington schien.

Szene aus Sekiro
Bosse besiegen in 'Sekiro': "Ich habe gejubelt" | Screenshot: FromSoftware | IGDB Press Kit

Und dann, wenn ich Spiele spiele, in denen ich diese Tracks höre, erinnere ich mich daran. Ich vergesse meine Störung, ich vergesse, dass ich leide, und denke daran, dass alles gut ist. Alles, was ich brauche, sind meine Kopfhörer und ein paar gute Spiele mit gutem Soundtrack. Als ich in Sekiro zum ersten mal den letzten Boss endgültig besiegt habe, habe ich gejubelt und sogar ein paar Tränen vergossen – jedes Mal hatte ich Gänsehaut, und wenn der Gesang begann, sang ich leise mit. Da soll mir mal einer sagen, Musik ist nicht so wichtig für ein Videospiel!

Deshalb: Egal, wie schlimm es ist und egal, wie lange es andauert, ihr seid stärker als das. Und das gilt nicht nur für die, die eine psychische Störung haben. Das gilt für jeden. Ich weine oft vor dem Schlafengehen, habe Albträume, Angstzustände, ja, ich wollte mir sogar mal das Leben nehmen – aber ich habe es nicht getan. Denn ich weiss eine Sache, die mich Spiele, und speziell der Soundtrack von Prey gelehrt hat: Everything Is Going To Be Okay."

Lukas, 17, Fachabiturient: "'Battlefield' hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin"

Szene aus Battlefield
Der Militär-Shooter 'Battlefield' bedeutet für Lukas Gemeinschaftsgefühl | Bild: EA | IGBD Press Kit

"Früher litt ich einmal an Depressionen. Ich hatte Angst, in die Schule zu gehen, weil ich genau wusste, dass da die Menschen sind, die mich tagein tagaus mobben. Du fühlst dich dadurch nach einer Zeit so schwach, dass du manchmal das Verlangen hast zu sterben. Das Schlimme daran war, dass ich das alles zugelassen habe, weil mein Selbstwertgefühl quasi von Anfang an ruiniert war.

Eine Spielereihe, die mich zu dem Mensch gemacht hat, der ich heute bin, ist Battlefield. Damals habe ich die Videos aus der Beta von Battlefield 4 auf YouTube gesehen. Die fand ich so gut, dass ich bei meiner Mutter gebeten und gebettelt habe, bis sie mir dieses Spiel kauft. Bekommen habe ich es Mitte 2014 für die PS3. Das hat den Stein ins Rollen gebracht.

Als ich mir Battlefield 1 geholt habe, hatte ich wenige, mit denen ich es spielen konnte. Ich habe in der Zeit einen YouTuber verfolgt, Admiral E. Der hatte dann ein kleines digitales "Meet and Greet" gemacht. Man konnte einfach auf der PS4 in seine Party joinen und mit ihm und den anderen reden. Dort habe ich einen meiner besten Freunde kennengelernt. Seitdem zocke ich fast ausnahmslos jeden Tag mit ihm und bin froh, dass ich so jemanden an meiner Seite habe. Mir geht es heute besser und Battlefield hat in der ganzen Situation eine riesige Rolle gespielt, da ich so viele neue Leute kennen lernen konnte und durfte, die mich immer unterstützt haben."


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Patric, 20, Abiturient: "Auch wenn es ein Traum ist: Du entscheidest"

Patric
Spiele zeigen: Du bist nicht allein | Foto: Patric

"Ich hatte von Zeit zu Zeit immer wieder Schwindelanfälle, aber dachte mir nicht viel dabei. Nach einer Weile häuften sie sich aber und wurden schlimmer. Danach fühlte sich alles um mich herum wie ein Traum an. Ich wusste nicht mehr, was real war, und bekam innerliche Panik. Stimmen hörten sich anders an, klangen wie in einem Traum. Ich spürte Dinge anders, als wären sie gar nicht da. Ich musste mich im Alltag sehr konzentrieren und mir immer wieder einreden, dass alles kein Traum ist, sondern die Realität. Ich traute mich teils nicht raus, weil ich Angst hatte, einen Anfall zu bekommen. Von Jahr zu Jahr wurde es aber weniger und ich traute mich mehr. Jedoch sind diese Anfälle noch präsent, wenn auch nicht mehr so oft.

Was mir geholfen hat, war vor allem What Remains of Edith Finch. Man spielt dort nicht etwa eine Superheldin, die es mit Tausenden Gegnern aufnehmen kann – sondern einfach nur ein Mädchen, das der Geschichte ihrer Familie auf den Grund geht.

Szene aus What Remains of Edith Finch
Die Szene in der Fischfabrik spielt Patric heute immer noch | Screenshot aus dem Video "WHAT REMAINS OF EDITH FINCH | Xbox One Announce" vom YouTube-Kanal Annapurna Interactive

In What Remains of Edith Finch gibt es eine Sequenz, in der man eines der Familienmitglieder in einer Fischfabrik spielt. Dieses Person arbeitet am Band und schneidet die Köpfe von den Fischen ab. Um den Tag hinter sich zu bringen, erstellt er in seiner Fantasie eine Traumwelt, in der er der König ist. Im Laufe der Sequenz verschwindet das reale Leben mehr und mehr, und er taucht immer tiefer in diese Traumwelt ein. Er wusste nicht mehr, was Realität und Traum war.

Diese Sequenz bleibt mir bis heute in Erinnerung und ich spiele sie teils immer noch. Es ist zwar nur eine Videospielfigur, aber hinter dieser Sequenz steckt ein Game-Entwickler, der sich ernsthaft mit dem Thema befasst hat. Ich hatte damals so gut wie niemandem von meinen Schwindelanfällen erzählt, weil ich mir so vorkam, als wäre das komisch. Aber die Sequenz hat mir gezeigt: Man ist nicht unbedingt alleine damit. Ich fühlte mich erleichtert und konnte gleichzeitig vieles von damals verarbeiten. Du entscheidest sowohl in deiner Traumwelt als auch im realen Leben. Du gibst die Richtung vor, niemand anderes. Sobald ich wieder so einen 'Anfall' hatte, sagte ich immer zu mir selbst: Auch wenn es ein Traum ist: Du entscheidest."

Du leidest an einer Angst- oder Panikstörung oder sorgst dich um einen nahestehenden Menschen? Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist 0800 111 0 111. In der Schweiz erhältst du in einem akuten Moment der Angst oder Panik Hilfe unter der Nummer 0848 80 11 09. Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist 142. Den Notfallpsychologischen Dienst erreichst du hier unter 0699 18 85 54 00.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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