LGBTQ

Auch lesbische Frauen wollen schnellen, harten und unverbindlichen Sex

"Es ist sexistisch, zu glauben, dass Frauen nur geil auf Hingabe und Liebe sind", sagt Chingy. Sie steht auf Vollpinkeln und Ablecken.

von Sofia Barrett-Ibarria
07 Januar 2019, 12:43pm

Shane (r.) aus 'The L Word' trifft auf Leisha || Still: imago | Cinema Publishers Collection

Schon als Teenagerin fantasierte Chingy Long vom Fetischsex mit Frauen. In ihrer Heimatstadt San Bernardino in Kalifornien kannte sie allerdings nur wenige andere queere Gleichaltrige – und die konnten nichts mit ihren ihre sexuellen Vorlieben anfangen. Sobald sie 18 wurde, meldete sich Chingy beim BDSM-Portal FetLife an, wo sie eine ältere Frau aus Los Angeles kennenlernte: "Ich bin am Wochenende mit dem Zug knapp zwei Stunden zu ihr gefahren, um mich von ihr schlagen, ficken, vollpinkeln und ablecken zu lassen."

Später zog Ghingy von ihrer Heimatstadt an die Bucht vor San Francisco, die Bay Area, und ging auf Cruisingtouren in queeren Bars und auf BDSM-Veranstaltungen, sogenannten Play Partys. Heute ist sie Mitte 20 und zu Hause in der queeren Cruising- und Kink-Szenen. Leute, des gleichen Geschlechts anonym aufzureissen, gilt in LGBTQ-Kreisen als typisch für schwule Männer. Dabei hat Cruising unter Frauen, die Frauen lieben, eine lange Tradition. Das liegt an Frauen wie Shug.

Shug, wie ihre Freundinnen sie nennen, lebte Mitte der 80er als Kunststudentin und Punkmusikerin in San Francisco, einem der wichtigsten Hotspots der damaligen queeren Fetisch- und der Leder-Szene. In ihrer Nachbarschaft hatte sie gleich mehrere lesbische Treffpunkte: die lesbisch geführte Amelia's Bar, das Artemis Cafe und das Osento, ein geschichtsträchtiges lesbisches Badehaus. "Crusing passierte in Bars, in Kunstgalerien und auf der Strasse", sagt Shug. "Es war, als wäre ich ins Nirwana gezogen."

Auf der Strasse trugen Frauen schwere Stiefel, Lederjacken, das Labrys-Symbol oder ein strategisch platziertes Taschentuch, sogenannte Hankys, um ihr Interesse an anderen Frauen zu signalisieren. "Manchmal war es auch ein Cockring an der Schulterklappe der Jacke – entweder links oder rechts, um 'Top' oder 'Bottom' zu signalisieren. Jegliche Art von Kristallen oder esoterisch-mystischem Schmuck konnte ebenfalls ein Indikator sein."


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Heute lebt Shug, Mitte 50, als bildende Künstlerin in Los Angeles und trifft regelmässig Frauen in Lederbars, schwul-lesbischen Clubs und auf queeren BDSM-Partys. Dating-Apps benutze sie keine, sagt sie. "Für mich fühlt sich das einfach besser an. Ich bin ein aktives Mädchen, schon immer gewesen. Und ich bin einfach gerne da, wo andere Menschen sind", sagt sie. "Ich will sie sehen, ich will sie riechen, ihre Pheromone. Ich will ja wissen, ob die Chemie stimmt oder nicht."

In queeren Ballungsgebieten wie der Bay Area leben Traditionen wie der Hanky Code weiter – auch wenn heute in der globalen LGBTQ-Szene kaum noch jemand seine Sexvorlieben mit farbigen Tüchern offenbart. Für Chingy und andere junge Lesben ist es eine Hommage an die queere Kulturgeschichte.

"An den meisten Tagen sehe ich in der Bay Area mindestens ein oder zwei Queere, die die Tücher tragen", sagt Chingy. "Es ist eine lockere Art, radikale schwul-lesbische Sexualität auszudrücken. Leute ausserhalb der Szene sehen nur ein Accessoire. Aber eingeweihten Schwulen und Lesben zeigst du etwas total Versautes. Es gibt kaum eine andere Sprache, in der du sagen kannst: 'Hey, ich fände es super, wenn mir jemand in meinen Mund spuckt, während ich ihre Löcher fiste', ohne auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen oder auszuschreiben. Einfach ein rotes Tuch in deine linke und ein blassgelbes in deine rechte Tasche stecken."

In queerfreundlichen Bars und auf Pride-Partys lässt es sich zwar zwanglos anbändeln, aber viele dezidierte Treffpunkte für Lesben verschwinden aus den Städten – in den USA ist es besonders schlimm. Die meisten cruisen heute im Internet.

Chingy ist in mehreren lesbischen Facebook-Cruising-Gruppen. Dort kann sie problemlos nach Treffen fragen. Nicht alle in ihrem direkten Umfeld sind davon begeistert. "Wenn ich mit einer was Flüchtiges habe oder überhaupt erwähne, dass ich multiple Partnerinnen habe, werde ich oft als 'lesbischer Fuckboi' bezeichnet", sagt sie. "Es ist scheisse, wenn andere auf deine Sexualität herabschauen."

Chingys Erfahrungen stehen für Stereotype, die queere Frauen weltweit erleben – oftmals auch in den eigenen Kreisen. The L Word, eine TV-Serie der 00er-Jahre und Meilenstein lesbischer Popkultur, verkörperte und verteufelte in der Figur der Shane die lesbische Fuckboi-Archetypin, eine Herzensbrecherin, deren grösster Charakterfehler ihre Vorliebe für One-Night-Stands war. Die Angst davor, als "eine Shane" bezeichnet zu werden, geistert bis heute durch die Szene.

Die Soziologin Denise Bullock hat bereits 2004 in einem Aufsatz im Journal Of Homosexuality gezeigt, dass Slutshaming auch das Sexleben und die Einstellung zu Sex von lesbischen und queeren Frauen beeinflusst. Klischeehafte Darstellungen queerer Frauen, die sich von einer monogamen Beziehung in die nächsten hangeln, stigmatisieren diejenigen, die eher unverbindlichen Sex wollen. Gleichzeitig spiegeln sie kulturelle Vorurteile über Frauen im Allgemeinen wider: die Vorstellung, dass Frauen quasi von Natur aus monogam sind und beim Sex Intimität anstreben.

"Es ist sexistisch, zu glauben, dass Frauen nur geil auf Hingabe und Liebe sind. Das spricht uns ab, dass wir auch lüstern und sexuell verkommen sein können. Es rückt uns in eine Ecke der lesbischen Kultur, die als vulgär oder ausschweifend gilt", sagt Chingy. "Ich bin durchaus dazu fähig, eine sexuelle Verbindung mit jemandem zu haben, ohne dass daraus direkt der Wunsch entsteht, zusammenzuziehen und sich ein Hundewelpen zuzulegen."

Je mehr queere Kultur und Identität in den US-Mainstream einsickern, desto weniger ist Cruising ein Teil davon. Marketing-Kampagnen grosser Unternehmen zeichnen lesbische Frauen oft als besonders einfühlsam und liebevoll. Impliziert wertet das alle ab, die Ehe, Monogamie oder Blümchensex ablehnen. Es gibt allerdings Bestrebungen, Räume für unverbindliche Begegnungen zu bieten – etwa den Instagram-Account @_personals_. So explizit sexorientiert wie ihre historischen Vorgänger sind diese Räume allerdings nicht.

"Man bringt uns bei, dass Frauen, die Lust auf Frauen haben, notgeil und etwas Negatives sind. Aber es ist nicht notgeil oder übergriffig, jemanden zu wollen und die Person das auch wissen zu lassen. Es ist nicht übergriffig, eine andere Frau allein aus sexuellen Gründen zu wollen", sagt Chingy. "Es ist nur übergriffig, wenn du die Grenzen, den Körper und das Wesen der anderen nicht respektierst."

Chingy will Cruisen wieder positiver besetzen – als persönliche wie kulturelle Praxis, die das Klischee queerer Perversion mit Stolz und Lust positiv auflädt. Für sie wertet das Cruisen die queere Liebe auf, indem es Sexualität in all ihren Varianten zelebriert. "Mir erwärmt es das Herz, wenn sich eine Frau auf meinen Brustkorb stellt", sagt Chingy. "Das ist Intimität für mich."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.