Was ich über euch gelernt habe, seit ich im Rollstuhl sitze

Ein Rollstuhlfahrer über falsches Mitleid, den demütigenden Behörden-Hustle und die unerwarteten Vorteile, die ein Leben im Rollstuhl mit sich bringt.

von Anonym; aufgeschrieben von Philippe Stalder
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23 April 2017, 6:36pm

Bild und Text von Philippe Stalder

Vor meinem Unfall hatte ich einmal einem Rollstuhlfahrer die Tür aufgehalten, woraufhin er mich blöd anmachte. Er brauche keine Hilfe, schnauzte mich der Rollstuhlfahrer an und bezeichnete mich als Idioten. Obwohl ich bloss helfen wollte, löste die Situation in mir Schuldgefühle aus. Heute sitze ich selbst seit zehn Jahren im Rollstuhl und kann mit gutem Gewissen sagen, dass er einfach nur ein unzufriedenes, undankbares Arschloch war. Doch damals dachte ich gar nicht daran, dass er sich in dieser Situation unkorrekt hätte verhalten können. Wohl auf Grund falschen Mitleids.

Obwohl auch Rollstuhlfahrer das Recht darauf haben, sich wie ein Arschloch zu benehmen, ärgert mich dieser Vorfall noch heute: Denn dadurch, dass ich ihm sein asoziales Verhalten habe durchgehen lassen, reduzierte ich ihn auf seinen Rollstuhl. Ich habe ihn mit Samthandschuhen behandelt, was weder nötig, noch angebracht war. Ein Vorgang, mit dem ich mich mittlerweile auch regelmässig konfrontiert sehe.

Die meisten Leute wirken im Umgang mit körperlich eingeschränkten Menschen ziemlich unbeholfen. Das Verhalten schwankt zwischen überhilfsbereit und überdirekt. Etwa wenn mich fremde Leute auf einer Party anquatschen und als Erstes wissen wollen, wie ich denn im Rollstuhl gelandet bin. Sowas regt mich auf. Nicht nur, weil ich auf einer Party meistens keine Lust habe, über dieses Thema zu sprechen. Sondern vor allem deshalb, weil die Frage zu intim ist. Sie betrifft mich schlussendlich in jedem Lebensbereich. Von der Art und Weise, wie ich mich fortbewege, bis hin zum Erledigen meiner Notdurft. Du fragst einen Junkie ja auch nicht als Erstes, weshalb er sich Heroin in die Venen spritzt. Die Frage impliziert eine Nähe, die nicht vorhanden ist. Das kratzt an meiner Souveränität. Und wie soll er denn auf meine Antwort reagieren? Ich bin schliesslich nicht an seinem Mitleid interessiert. Und abstruse Anekdoten über irgendeinen Onkel in Italien, der auch einmal im Rollstuhl sass, jetzt aber "geheilt" ist, bringen mich auch nicht weiter.

Lustigerweise machen das die meisten Leute nur, wenn sie betrunken sind. In nüchternem Zustand scheint ihnen diese Direktheit zu fehlen. Es gibt aber auch echte Vollidioten. Einmal fragte mich jemand im Ausgang, ob ich ein echter Krüppel sei. Mein Freund hat ihm dann fast die Eier abgerissen, was er in meiner Phantasie auch mehr als verdient hatte. Im Gegensatz dazu ist es für mich einfacher, mit überhilfsbereiten Menschen umzugehen. Anfangs kratzten unaufgeforderte Hilfsangebote noch an meinem Selbstbild. Mittlerweile stehe ich aber darüber, auch wenn ich mir manchmal vorkomme wie ein Blinder, der über den Fussgängerstreifen geführt wird, obwohl er die Strassenseite gar nicht wechseln will.

Vor meinem Unfall lebte ich sehr selbstständig und unabhängig. Als ich aus dem Koma erwachte, brauchte es vier Pfleger und Pflegerinnen, um mich zu waschen. In der Reha musst du dir Schritt für Schritt deine Selbstständigkeit wieder zurückerkämpfen. Heute wohne ich alleine. Seit ich mir eine Geschirrspülmaschine und einen Staubsaugerroboter angeschafft habe, ist die Lage zu Hause nicht mehr so prekär. Im ersten Jahr nach dem Unfall verweigerte ich auf Grund von falschem Stolz noch, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber ich stiess ziemlich schnell an die Grenze, an der sich Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit breit gemacht haben. Ich habe für mich beschlossen, dass ich lieber auf jemanden angewiesen bin, als diese Gefühle zu erleben. Das ist das kleinere Übel. Auch für meine Mitmenschen, die nicht mit meiner Wut umgehen müssen.

Gewissermassen versuche ich mich als Mensch zu validieren, denn von aussen gesehen bin ich ja invalid.

Ob ich den Rollstuhl-Bonus von Zeit zu Zeit auch ausnutze? Klar, wieso auch nicht! Ich werde heute öfters mal an einer Schlange vorbeigelassen, am Schalter mit mehr Kulanz empfangen oder an der Bar auch mal auf ein Bier eingeladen. Das passiert sonst wohl nicht allzu vielen Typen und das lehne ich dann auch nicht ab. Das Distanzlose, was mich aufregt, kann je nach Situation auch ein Eisbrecher sein – wenn die Person nicht gerade mit der Tür ins Haus fällt. So habe ich während meiner Zeit im Rollstuhl viele Menschen kennengelernt, deren Bekanntschaft ich sonst wohl nicht hätte machen können.

Generell erfahre ich heute definitiv mehr Menschlichkeit als vor meinem Unfall. Wobei ich es schade finde, dass es einen Rollstuhl braucht, um menschlich behandelt zu werden. Im Vergleich zu anderen randständigen Bevölkerungsgruppen – wie Drogenabhängigen, Transsexuellen oder Flüchtlingen – begegnet man Rollstuhlfahrern im Alltag sicherlich zuvorkommender.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Erfahrungen, die ich mit der Invalidenversicherung (IV) gemacht habe. Momentan stecke ich mitten in einer Gerichtsverhandlung, weswegen ich im Detail nicht darauf eingehen kann und in diesem Text auch anonym bleiben möchte. Grundsätzlich geht es aber darum, dass mir die IV eine Rente verwehrt, obwohl ich aus körperlichen Gründen nicht mehr als 50 Prozent arbeitsfähig bin. Sie stützen sich dabei auf ihre Lohntabelle, die meiner Meinung nach viel zu hoch angesetzt und realitätsfremd ist. Es fühlt sich an, als ob mir die Behörde unterstellt, ein Sozialschmarotzer zu sein. Das ist zermürbend und demütigend. Und fuck, ich habe vorher in diese Kasse einbezahlt.

Ich beschuldige dabei nicht in erster Linie die Behörde, deren Spardruck kommt von aussen. In der Politik war es eine Weile lang en vogue, das Sozialsystem zu bashen. Diese Politiker haben die Schweiz zu einem menschenfeindlichen Land gemacht, in dem lieber einer zu wenig als einer zu viel unterstützt wird. Da mir das Gefühl gegeben wird, keine Rente Wert zu sein, verbringe ich immer wieder Zeit damit, mich im Gespräch mit Freunden zu vergewissern, dass mein Anspruch tatsächlich gerechtfertigt ist. Gewissermassen versuche ich mich als Mensch zu validieren, denn von aussen gesehen bin ich ja invalid.

Trotz des ganzen Dramas hat meine Situation auch gute Seiten. Vorher war ich einfach ein stumpfer, zugekiffter Hippie-Fötzel, der keine Ansprüche an sein Leben hatte. Ich war sehr indifferent, ob es mir gut geht oder nicht. Durch den Unfall habe ich überhaupt erst Prioritäten in meinem Leben entwickelt. Wenn du ein zweites Leben geschenkt bekommst, dann gibt dir das eine neue Sicht auf die Dinge – so kitschig und abgelutscht es klingen mag, aber es trifft zu.

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