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Gaudenzdorf – ein unverrückbares Grätzl in Meidling

Zwischen dem Meidlinger Markt und der Margaretenstraße versteckt sich das Gaudenzdorfer Grätzl vor Half-Buns und Hipster-Cafés.

von Sabrina Kraußler
11 Dezember 2016, 5:00am

Alle Fotos von Christopher Glanzl

Alle Fotos von Christopher Glanzl 

Meidling hat nicht gerade das Image eines hippen Bobo-Bezirks. Dafür ist es authentisch. Im sogenannten "Arbeiterbezirk" trifft man Leute, die im Supermarkt eher eine Dose Bier und eine Leberkässemmel kaufen als vegane Gemüselaibchen und Mango-Lassi. Man hört auch weniger aufgebrachte Touristen, die verzweifelt nach Sehenswürdigkeiten suchen, als urige Gespräche über Diskonter-Preise inklusive Meidlinger L.

Das Gaudenzdorfer-Grätzl ist ein Ortsteil von Meidling und liegt südlich des Wienflusses. Es endet am Gürtel, der den 12. vom 5. Bezirk trennt. Während der Fünfte immer mehr zum Szenebezirk mit Galerien und Jungdesigner-Shops wird, bleibt das Grätzl so wie es ist und Gentrifizierung betrifft eher andere Gegenden in Wien. Für viele vertritt es das echte Wien mit seinem etwas spezielleren Charme und raueren Flair. Junge Menschen, die hippe Bars und Designer-Flohmärkte in ihrer Wohngegend suchen, zieht es weniger hierher. Die vergleichsweise günstigen Mieten machen das Grätzl trotzdem attraktiv.

Gaudenzdorf war bis 1892 eine selbstständige Gemeinde und ist heute eine von 89 Katastralgemeinden in Wien. Das Grätzl ist stark von der Industrialisierung geprägt und wurde dann durch die Ansiedlung der Arbeiter zum Wohnbezirk. Wilfried Zankl ist stellvertretender Bezirksvorsteher von Meidling. Laut ihm sei Gaudenzdorf ähnlich zu den inneren Bezirken, bewege sich aber trotzdem im Spannungsfeld zwischen Industrie- und Wohngebiet: "Ehemalige Gewerbegebiete werden hier in Wohngegenden umgewandelt. Die Reste der gewerblichen Struktur sind aber noch vorhanden".

Die alte Wäschefabrik ist heute ein traditionelles Wiener Wirtshaus

Mit der Errichtung des Gaswerks 1855 setzte die Industrialisierung in Gaudenzdorf ein. Danach folgte die Errichtung einer Ölfabrik und einer Seifen- und Kerzenfabrik. Die ersten Bewohner waren Fischer und Wäscherinnen, die den Wienfluss für ihre Arbeit nutzten. Sie wurden später von den Färbern und Gerbern verdrängt, die das Wasser zu sehr verschmutzen. In der alten Wäschefabrik neben dem Wienfluss befindet sich heute ein traditionelles Wiener Wirtshaus und Hotel—die Fabrik Wien. Das dunkelrote Gebäude mit dem riesigen Suppentopf darauf ist schon von der U6 aus zu sehen.

Gleich daneben ist der Eingang zu einem kleinen Parkareal nahe der U-Bahn-Station Längenfeldgasse. Viele wissen nicht, dass man die rote Ziegelmauer, die offensichtlich den Gehweg von den U-Bahn-Gleisen trennt, auch durchqueren kann. Auf der kleinen Betoninsel dahinter wird geskatet und Basketball gespielt; Urban Gardener haben ebenfalls ein paar Parzellen gemietet. 2011 fand hier sogar ein Open-Air-Techno statt. Dass diese Veranstaltung die einzige in den letzten Jahren war, die junge tanzlustige Menschen im Grätzl versammeln konnte, erklärt vielleicht, dass Studenten-WGs vorzugsweise in anderen Bezirken gegründet werden.







Zwischen Balkan-Lokalen und urigen Eckbeisln gibt es hier vor allem Pizzerien, die eher beliefern als tatsächlich Gäste vor Ort zu bewirten. Eine Beisltour zahlt sich aber trotzdem aus. Ein beliebtes Lokal für richtige Beislhocker ist das Gasthaus Maria.

Das Flair im Gasthaus—das eher ein Beisl mit Speisekarte ist—lässt sich nur schwer in einem Wort beschreiben. Hier hat man das Gefühl, dass sich jeder kennt: Die Gäste tratschen über die Tische hinweg und die Kellnerin spricht jeden beim Vornamen an. Die Maggi-Flasche auf dem Tisch, das Wieselburger, das direkt aus der Flasche getrunken wird, und die Gäste selbst, erinnern an die Sendung Alltagsgeschichten aus dem Jahr 1996, während ich mit den "Schanksitzern" plaudere.

Der zweite, dritte Spritzer am Freitagnachmittag trägt sicher einiges dazu bei, dass die Beisl-Gäste so gut gelaunt sind. Als wir Fotos machen, wird darüber gescherzt, dass die Bilder auch ein bisschen Werbung für das Wirtshaus sein könnten, bevor ein Gast ergänzt: "Die beste Werbung is mei Woumpn!"







Das Beisl liegt in der Wolfganggasse. Die Bäume auf beiden Seiten der verkehrsruhigen Straße bieten den wenigen Lokalen, die hier einen Gastgarten haben, natürlichen Schatten. Ein paar Nachbarn bepflanzen gemeinsam die Grünflächen und feiern einmal im Jahr ein kleines Straßenfest. Auch ein Atelier gibt es in der Gasse.

Es gehört Armin Kohl, der es gleichzeitig als Wohnung nutzt. Der Künstler gibt auch Malstunden und schwärmt von der Wolfganggasse, die—wie er selbst sagt—eine seiner Lieblingsgassen in Wien ist. "Es wäre so schön, wenn die Wolfganggasse nicht befahrbar wäre", meint Armin. "Sie wäre perfekt für ein paar neue Cafés und man könnte sogar Liegestühle aufzustellen".







Die Wolfganggasse ist wohl der Gegenpol zur verkehrsstarken und wettbüroverseuchten Steinbauergasse. Trotzdem reiht sich hier ein Café an das andere—Balkan-Lokale und urige Wiener Beisl, versteht sich. Drei Trafiken, Handyshops, schrill beschilderte Fast-Food Läden und zwei Altwiener Geschäfte teilen sich den Platz an der belebtesten Straße im Grätzl, die nicht einmal einen Kilometer lang ist. Am Ende der Straße am Gürtel befindet sich der Haydnhof; ein typischer Wohnbau des "Roten Wiens" der Zwischenkriegszeit.

Weiter oben ist der gleichnamige Park. Der Grabstein des Komponisten Joseph Haydn geht im Gebüsch ein wenig unter. Der Park wurde auf dem Gelände des ehemaligen Hundsturmer Friedhofs angelegt, wo Haydn begraben wurde. Der Leichnam wurde 11 Jahre nach seinem Tod in die Bergkirche nach Eisenstadt gebracht. Übrigens ohne Schädel. Der wanderte erst 145 Jahre später in den Sarkophag. Der Park ist ein kleines Stück Grün im dicht bebauten, historischen Stadtgebiet. Der Verkehrslärm des Gürtels, der gleich daneben liegt, nimmt ein wenig die Idylle.







Der Grabstein ist vielleicht die einzige echte Sehenswürdigkeit in Gaudenzdorf, neben der Pferdeskulptur von Elisabeth Turolt in der Kobingergasse und der Abbildung von zwei Schwertern auf einer Hausmauer in der Korbergasse. Die sehen zwar wie Nordic-Walking-Stöcke aus, sind aber Johann Korber gewidmet, der ein Jahr (1847 bis 1848) Ostrichter in Gaudenzdorf war.

Dass es im Grätzl so still ist, hat Gaudenzdorf der fehlenden Infrastruktur zu verdanken: keine Einkaufsstraße, keine Clubs, keine Touristenschauplätze. Nachts sieht man hier nur wenige Menschen auf der Straße. Die Längenfeldgasse war noch vor 15 Jahren als Drogenumschlagplatz bekannt. Heute ist wenig los auf den Straßen.

Das Wildeste, was man hier trifft, sind auch schon die Mitglieder der United Tribuns, die an der Schönbrunner Straße ein Chapter haben. Die Jungs legen hier nur den Weg zwischen dem 30 Meter entfernten Box Gym und ihrem Eingang zurück. Probleme gab es im Grätzl anscheinend nur mit Kindern, die in der nicht befahrenen Kobingergasse trotz Beschilderung Fußball spielten.







Wenn es mal Diskussionen gab, dann rund um die Erhaltung alter Gebäude im Grätzl: Die Initiative Denkmalschutz konnte den Beschluss der Gemeinde aber nicht aufhalten, der den Umbau oder Abriss einiger Gebäude in Gaudenzdorf erlaubt hat. Neue und umgebaute Gebäude findet man immer häufiger zwischen den alten, abgewitterten Fassaden der alten Häuser im Grätzl.

Das beste Beispiel dafür ist der futuristischer Bau in der Fockygasse, der so gar nicht zur Architektur des restlichen Grätzls passt. Die weiße Hochglanzfassade der IT- und Druckfirma wird nachts mit lila-grün-gelb-blauen Lichtern beleuchtet und strahlt durch die ganze Gasse. Etwas weniger auffällig, aber genauso fragwürdig ist das Meidlinger Heizmuseum, das sich in einer schmalen Einbahnstraße hinter der Berufsschule befindet und ironischerweise "Brennpunkt" genannt wird. Es scheint so, als würde das "Gebäude" aus einem Raum bestehen, in dem vier Heizungen ausgestellt sind.

Trotz baulicher Veränderungen wird sich das Grätzl nicht so schnell in eine hippe Gegend verwandeln. Der Kitsch, die Beisl und die Tschecheranten werden wohl noch eine Weile das Bild des Grätzls prägen. Man wird immer noch Meidlinger treffen, wie den Straßenkehrer mit Vokuhila und den Typ auf der Harley mit Schnauzbart, die in Gaudenzdorf bekannte Gesichter sind. Für junge Menschen, die trotzdem hier wohnen und sich verzweifelt nach einem Hipster-Stammcafé im Grätzl sehnen, bleibt als Trost nur das Meidlinger Jutesackerl, das hier definitiv noch nicht Totebag heißt.

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Foto: yyy Fashion