Dating

Ich habe die große Liebe beim Tinder für Muslime gesucht

Bei Muzmatch wird das Wort "Sex" zensiert und User bestimmen einen “Wali”, einen Wächter, der die Chatverläufe zugeschickt bekommt.

von Berivan Kilic
02 Januar 2017, 2:02pm

"Bismillah Al-Rahman Al-Rahmin!"—im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Allmächtigen—"Willkommen bei muzmatch!" So begrüßt mich die Datingseite für Muslime. "Insha'Allah—so Gott will—findest du hier deinen perfekten Partner". Na, mal schauen, ob Allah mir hilft. Ich bin zwar nicht gläubig, aber vielleicht legen meine muslimischen Brüder etwas mehr Verbindlichkeit an den Tag, als die Kerle bei Tinder und anderen Datingapps, die ich ausprobiert habe. Nachdem sich meine große Tinder-Liebe nie wieder bei mir gemeldet hat, habe ich nichts gegen etwas Nachhilfe vom Allmächtigen.

Muzmatch ist eine kostenlose App für Single-Moslems, die auf der Suche nach einem Ehepartner sind. Rund 120.000 Muslime aus 123 verschiedenen Ländern nutzen sie bereits. "Generell daten Muslime nicht, sie heiraten", erzählt mir Shahzad Younas, der Gründer von Muzmatch in unserem Skypegespräch. "Viele gehen nicht in Bars, trinken keinen Alkohol. Die muslimische Gemeinschaft braucht Apps wie Muzmatch." In Österreich leben laut Schätzungen der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich mittlerweile rund 600.000 Muslime.

Meine Eltern sind alevitische Kurden, besonders religiös ist meine Familie aber nicht. Im Alevitentum ist Alkohol erlaubt, Männer und Frauen beten nicht in getrennten Räumen, sondern gemeinsam. Sie gehen dafür auch nicht in die Moschee, sondern ins sogenannte Cem Evi, das alevitische Versammlungs- und Gotteshaus. Ich war aber öfter in einer Kirche als dort, weil ich in einen katholischen Kindergarten und Hort gegangen bin. Da ich aber nicht getauft bin, musste ich auf der Kirchenbank sitzen bleiben, als die anderen Kinder den Leib Christi probieren durften—und auch beim Mädchenchor in der Kirche durfte ich nicht mitsingen. Seitdem ich mich in der achten Klasse vom Religionsunterricht abgemeldet habe, spielt Religion in meinem Alltag kaum eine Rolle mehr. Ich gehe auch in Bars und trinke Schnaps—neugierig bin ich auf die App aber trotzdem. Wie werden die muslimischen Männer auf mich reagieren? Und ist Tindern unter Muslimen so viel anders als sonst? Muzmatch wirbt damit, eine "halale" Datingapp zu sein—so bezeichnet man Handlungen, die nach islamischen Regeln erlaubt sind.

Mir gefällt nicht, dass man bereits bei der Anmeldung angeben muss, ob man der sunnitischen, schiitischen oder einer anderen islamischen Religionsgemeinde angehört. Gut finde ich den Gedanken nicht, dass Menschen aufgrund ihrer Religion von etwas ausgeschlossen werden—egal ob Mädchenchor oder Datingapp. Ein muslimischer Bekannter kommentiert das so: "Ey, feuert den Streit nicht an, wir sind ein Laden!"

Die Spaltung der muslimischen Gemeinschaft in Sunniten und Schiiten geht zurück auf den Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed und sorgt heute noch für viel Leid. Auch die Hinrichtung des prominenten schiitischen Geistlichen Scheich Nimr al-Nimr in Saudi-Arabien Anfang 2016 fachte den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten erneut an. Etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten. Nur in wenigen Ländern wie dem Iran, Irak und Bahrain stellen Schiiten die Mehrheit. Aber auch im Alltag vieler Muslime hinterlässt der Konflikt Spuren. So diskutieren Muslime nicht nur in unzähligen Internetforen darüber, ob Sunniten und Schiiten überhaupt einander heiraten dürfen, sie schüren auch Hass und Vorurteile gegeneinander.

Nach weiteren Profilangaben zu Geschlecht, Größe, Beziehungsstatus (Single/nie verheiratet, geschieden, getrennt, verwitwet) und der Anzahl von Kindern, die man bereits hat, kommt die Kategorie "islamischer Lifestyle". Beim persönlichen Kleidungsstil kann Frau zwischen den Optionen "Modest, Hijab, Jilbab oder Niqab" wählen. Auch wenn ich erst googlen musste, was ein "Jilbab" ist—ein weites Gewand, das einen von Kopf bis Fuß bedeckt und nur das Gesicht unverhüllt lässt—war klar, dass ich mich für "modest" entscheide. Das bedeutet so viel wie anständig und bescheiden. Ob meine Skinny Jeans und meine engen Oberteile im islamischen Kontext als anständig zu bezeichnen wären, ist fraglich, aber irgendetwas muss ich ja schließlich anklicken.







"Wie oft betest du? Nie, gelegentlich, meistens oder immer?" Die Frage war noch einfach zu beantworten. Schwierig wurde es bei den Angaben zu meinen Hochzeitsplänen. Wenn mich bisher jemand danach gefragt hat, habe ich angeboten, bei einem Spaziergang auf dem Mond darüber zu reden. Muzmatch will aber wissen, ob ich so schnell wie möglich, in ein bis zwei, drei bis vier oder doch in vier oder mehr Jahren heiraten will. Ich wähle vier oder mehr Jahre aus.

Mein Profil ist vollständig. Als "Wali", meinen persönlichen Wächter, der wöchentlich meine Chatverläufe per Mail zugeschickt bekommt, habe ich nicht traditionsgemäß meinen Vater angegeben, sondern mich selbst. Die Funktion ist optional und kann nur von Frauen aktiviert werden. Wenn sie eingeschaltet ist, wird es im Profil angegeben. Die Informationen, die man bei Muzmatch preisgeben muss, sind sehr viel persönlicher als bei gewöhnlichen Dating-Apps. Aber gewöhnlich will Muzmatch auch nicht sein. "Wir sind anders, wir wollen der muslimischen Gemeinschaft die Möglichkeit bieten, einen Ehepartner zu finden", sagt der Gründer Shahzad Younas.

Die Möglichkeit zu chatten wird erst freigeschaltet, wenn Interesse von beiden Seiten besteht—man also einen Match hat, so wie man es von Tinder kennt. Anders als bei Tinder gibt es aber eine "Who likes me"-Liste, bei der ich meine Verehrer sehen kann. Dafür kann man bei Tinder solange Kerle matchen, bis der Daumen taub wird. Bei Muzmatch können pro Tag nur 15 Likes vergeben werden. Nutzer sollen ihre Entscheidungen sorgfältig treffen und nicht mit zu vielen Leuten gleichzeitig schreiben.

Meinen ersten Match habe ich mit einem 27-jährigen Aachener aus einer ägyptischen Familie. Nennen wir ihn Karim. Seinen echten Namen gibt Karim bei Muzmatch nicht an, weil er "hier viele schlechte Erfahrungen hatte". Ich frage Karim, was er damit meint und er erzählt mir, dass ein Mädchen sein Facebook-Profil und seine Telefonnummer ausfindig gemacht hat und das, weil er ihr einen Tag lang nicht geantwortet hat.

Ein Date mit einem Muz-Match hatte Karim zwar bisher nicht. Die App hat er aber heruntergeladen, weil seine Tinder-Dates enttäuschend waren. Warum das so war, erklärt er mir so:







Für Karim hat Sex beim ersten Date nichts mit Selbstbestimmung zu tun —ob Mann oder Frau spielt dabei für ihn keine Rolle. Ich frage ihn, ob er überhaupt schon mal Sex hatte. Das Wort "Sex" wurde dabei im Chat automatisch zensiert—genau wie Schimpfwörter. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt ein rotes Ausrufezeichen auf sein Profil—wahrscheinlich gehört das dazu, wenn das Onlinedating halal sein soll.




Aus Karim und mir wird wohl keine große Liebe. Aber immerhin hatte ich einen Match. Das habe ich angesichts meiner ehrlichen Profilbeschreibung nicht erwartet. Ich frage einen 18-jährigen Kurden aus Holland, ob auch andere Frauen in ihr Profil schreiben, dass sie Alkohol trinken und nie beten. Er verrät mir: "Nein, außer dir niemand. Manche geben nichts an, vielleicht trinken sie auch wirklich nicht." Dass ich aber nicht die einzige trinkfreudige Person bei Muzmatch bin, zeigt das nächste Gespräch.







Walid, so nenne ich ihn hier, ist Afghane, 26 Jahre alt, trägt auf seinem Profilbild eine schwarze Brille, Baseball-Cap und streckt die Zunge raus. In seinem Profil schreibt er, dass er lustig und lebensfroh sei. Er gibt auch an, dass er keinen Alkohol trinkt, was aber offensichtlich nicht stimmt.

Walid wohnt in Belgien, seine Familie lebt aber in Afghanistan. Trotzdem hat er Angst, dass die Verwandten herausfinden könnten, dass er Alkohol trinkt. Ich frage ihn, ob er bei Muzmatch auf der Suche nach einer Ehefrau ist? "Nein, wirklich nicht. Man weiß nie, auf wen man hier trifft. Zum Beispiel habe ich dich kennengelernt, das hätte ich nicht erwartet."

Auch wenn er lässig und humorvoll rüberkommt, bereitet es mir Bauchschmerzen, dass ein 26-Jähriger in seinem Datingprofil falsche Angaben machen muss, um Stress mit seiner Familie aus dem Weg zu gehen.

Beim Weiterwischen stoße ich auf das Profil eines 29-jährigen Belgiers, der vor sieben Jahren zum Islam konvertiert ist.




Von "Was machst du?" bis zu "Ich unterstütze die kurdische Autonomie" ist keine Minute vergangen—in dem Moment konnte ich nicht anders, als laut zu lachen. Mir gefällt es nicht, dass man bei Muzmatch Angaben zu seiner ethnischen Herkunft machen muss. Ich definiere mich über viele Dinge—meinen Charakter, meine Freunde und meine Liebe zu Beyoncé. Aber nicht darüber, wo ich oder meine Eltern geboren sind.

Darüber spreche ich auch mit einem 29-jährigen Immobilienhändler aus London. Ahmed—so nenne ich ihn hier—verrät mir, dass er auf der Suche nach einer Frau fürs Leben ist. Die Gegenfrage bleibt nicht aus. Ich erzähle ihm, dass mich die Neugier dazu getrieben hat und auch, dass ich bereits Tinder ausprobiert habe. Ahmed hat das auch. Und er zieht einen Vergleich.







Während Tinder den Ruf hat, eine oberflächliche Dating-App zu sein, möchte Muzmatch Singles die Möglichkeit geben, sich intensiv kennenzulernen. Ob das durch die vielen zusätzlichen Angaben, Möglichkeiten und Einschränkungen wirklich so viel besser funktioniert, habe ich bei meinem Test nicht feststellen können. Meinen Seelenverwandten habe ich wieder nicht gefunden—trotzdem kann ich mir vorstellen, dass Muzmatch vielen Muslimen dabei helfen kann, den richtigen Partner zu finden. Vor allen solchen, die sonst kaum Möglichkeit haben, Gleichgesinnte zu treffen und denen es wichtig ist, ihre Familie in die Suche nach einem Partner miteinzubeziehen—oder solchen, denen Apps wie Tinder zu forsch sind.

Bei Männern wie Karim habe ich gemerkt, dass ihnen unverbindlicher Sex und die schier unendliche Auswahl bei Tinder nicht geheuer sind. Insha'Allah—so Gott will—finden sie bei Muzmatch den perfekten Partner. Ich werde mich weiterhin in Bars nach der großen Liebe umschauen.

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