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Sexarbeiterinnen erzählen uns von ihrem ersten Arbeitstag

Egal ob die Befriedigung von Fußfetischisten oder der Anfang einer Porno-Karriere, die ersten Schritte in der Sexindustrie sind nie leicht. Drei Frauen erinnern sich zurück.

von Graham Isador
18 November 2016, 8:00am

Vor ein paar Wochen wurde ich eingeladen, bei einer Bühnenshow namens Bedpost aufzutreten. Das Line-up bestand aus mir, einer anderen Geschichtenerzählerin, einer Sketch-Truppe sowie ein paar Burlesque-Tänzerinnen. Das Publikum quittierte meinen Auftritt mit relativer Gleichgültigkeit, was ich zuerst noch auf die Menschen vor mir schob. Rückblickend muss es aber an mir gelegen haben, denn bei anderen Auftritten waren die Zuschauer nämlich Feuer und Flamme—vor allem bei einer ehemaligen Domina, die davon erzählte, wie sie überhaupt in das Geschäft der Sexarbeit hineingerutscht war.

Später suchte ich das Gespräch mit besagter Ex-Domina und sie beantwortete auch bereitwillig alle meine Fragen. Wir diskutierten über das Stigma, das der Sexarbeit anhaftet. Wir redeten auch über Geld. Und obwohl wir noch viele andere Dinge ansprachen, ging es trotzdem immer wieder um ihren ersten Arbeitstag.

Foto: Nicole Bazuin

Ich habe schon mehrere Leute kennengelernt, die irgendwie in der Sexindustrie arbeiten oder gearbeitet haben. Explizit über diese Tätigkeit gesprochen habe ich jedoch mit keinem dieser Menschen. Wenn sie mir davon erzählen wollen, dann würden sie das Thema von selbst anschneiden—ansonsten geht mich das nichts an.

Die Offenheit der Ex-Domina und die daraus resultierende Unterhaltung hatten allerdings mein Interesse geweckt und ich entschied mich dazu, eine Handvoll Sexarbeiterinnen aus meinem Bekannten- und Freundeskreis zu kontaktieren und von ihrem ersten Arbeitstag erzählen zu lassen. Die folgenden Geschichten sollen mitnichten alle Facetten des Berufsleben von Sexarbeiterinnen abdecken, aber sie zeigen uns dennoch auf, wie es ist, die ersten Schritte in dieser Industrie zu machen.

Renata Val*, Fußfetisch-Domina

Ich bin vor zwei Jahren nach Toronto gezogen, wo ich erstmal total einsam und depressiv war. Anfangs lebte ich dazu noch mit vier Typen in einem total heruntergekommenen Haus. In den ersten drei Monaten habe ich mein winziges Zimmer quasi nie verlassen. Als meine Ersparnisse dann jedoch zur Neige gingen, musste ich mir eine Arbeit suchen. Aus Langeweile und Neugierde landete ich auf Craigslist und kam zu dem Schluss, dass ich durch Fußfetischisten am schnellsten Geld verdienen würde.

Vor dem ersten im Internet vereinbarten Treffen war ich total nervös und gab mein Bestes, meine Füße so gut wie möglich aussehen zu lassen. Leider hatte ich genau an diesem Tag Blasen, weil ich zu lange in hochhackigen Schuhen herumgelaufen war. Ich trug mir lila Glitzernagellack auf die Fußnägel auf und hoffte auf das Beste.

Ich traf mich mit Miles, einem überraschend attraktiven, älteren Herrn, in einem Café und schaute einfach, wo das Ganze hinführte. Nach etwas Smalltalk setzten wir uns in seinen riesigen Geländewagen und fuhren in die Tiefgarage eines Einkaufszentrums. Irgendwie fiel mir kein besserer Ort ein, der dunkel und abgeschieden genug war, um dort mitten am Tag an Füßen herumzuspielen.

Ich warf immer wieder ein Auge auf die umliegenden Parkplätze, während Miles meine Füße massierte, ableckte und daran rumsaugte. In diesem Moment schossen mir auch einige Fragen durch den Kopf. Was, wenn man uns erwischt? Bekommt Miles einen Ständer? Hat er irgendwelche Wunden im Mund, die mir Sorgen bereiten sollten? Und muss ich eigentlich so tun, als würde mir das alles gefallen?

Beim Rausfahren blieb Miles' SUV dann in der schmalen Parkhausausfahrt stecken und aus mir unbekannten Gründen half ich dabei, das Auto ins Freie zu drücken. Anschließend ließ er mich wieder beim Café raus, drückte mir 60 Dollar in die Hand und wir haben uns nie wieder gesehen.

Ich treffe mich auch heute noch mit Fußfetischisten, aber inzwischen habe ich das Ganze schon besser drauf. Kurz nach meinem Intermezzo mit Miles fing ich außerdem damit an, meine getragenen Socken an einen Studenten zu verkaufen. Dieser Student ist derzeit auch so etwas wie mein Diener: Er schmeißt meinen Haushalt, wäscht meine Wäsche, geht für mich einkaufen und schreibt auch manchmal meine Essays. Als Belohnung darf er dann meine Zehen ablutschen. Guter Deal.

Foto: Richard Avery

Sovereign Syre, Porno-Darstellerin

Ich hätte vielleicht auch einfach für Starbucks arbeiten können, aber mir ging es nach meinem Studiumsabschluss nicht nur um schnelles Geld. Ich war schon immer das "nette Mädchen" gewesen und hatte bereits früh in meinem Leben viel erreicht. Und dennoch fühlte ich mich miserabel. Ich verspürte den Drang, etwas Anderes zu machen.

Damals gab es eine Website namens God's Girls, auf der "alternative", junge Frauen ganz harmlose Nacktfotos hochgeladen haben und dafür Geld bekamen. Genau hier sah ich meine Chance, etwas Aufregendes zu tun und gleichzeitig meine Reisekasse aufzubessern. Das war mein Einstieg in die Welt der Erotikfotografie—die für mich übrigens niemals mit Pornos gleichzusetzen war.

Durch verschiedene Connections und die sozialen Netzwerke wurde die Regisseurin Nica Noelle auf mich aufmerksam und wollte einen Erotikfilm produzieren, in dem sich alles um mich dreht. Die Bezahlung war auch viel besser als bei meinen Modelaufträgen. Und durch den LGBT- und Feminismus-Umbruch, den die Industrie damals im Jahr 2011 durchlief, fühlte sich die Aussicht auf einen solchen Film fast schon wie Aktivismus an.

Am Set war ich von der ersten Minute an unglaublich nervös. Es gibt gewisse Augenblicke im Leben, in denen man weiß, dass man eine Grenze überschreitet und dass es danach kein Zurück mehr gibt. Pornos sind eine solche Grenze. Den Rest des Tages habe ich leider nur noch schemenhaft in Erinnerung, weil mir so viele Dinge durch den Kopf gingen. Als ich dann die eigentliche Sexszene drehte, schaltete ich meinen Denkapparat einfach aus und gab mich ganz der anderen Darstellerin hin. Nach Drehschluss fiel mir ein Riesenstein vom Herzen und ich fühlte mich total befreit.

In den darauffolgenden vier Jahren spielte ich ausschließlich in Girl-on-Girl-Szenen mit. Die zwei Jahre danach drehte ich auch "normale" Pornos, aber eher selten. Heutzutage habe ich meine Erotikkarriere quasi beendet und bin zur Stand-up-Comedy sowie zu Podcasts übergegangen.

Meine Porno-Karriere ist das Beste, was mir je passiert ist. Ich habe auch akzeptiert, dass mich die Gesellschaft schon abgeschrieben hat. Aber nur weil wir Sexarbeiter von der "Norm" für anständiges Verhalten abweichen, bedeutet das noch lange nicht, dass wir schlechte Menschen sind. Wir gehen dieses Risiko ein, um glücklich zu sein—egal ob nun des Geldes oder der neuen sexuellen Erfahrungen wegen. Eigentlich hat sich bei mir nur mein Bruder negativ geäußert, denn ich habe ihm mit meiner Porno-Karriere das Internet "für immer versaut".

Pamela*, erotische Masseuse

Eine Freundin leitet die Wellness-Einrichtung, in der ich gerade arbeite. Das, was sie tut, hat mich schon immer interessiert und die Aussicht auf weniger Arbeit bei gleichzeitig mehr Geld war ja auch nicht schlecht. Nach langer Überlegung entschied ich mich schließlich dazu, es einfach auszuprobieren.

Ich traf mich mit meiner Freundin, um mit ihr über meine Bedenken zu sprechen. Schließlich meinte sie, dass ich in der darauffolgenden Woche gerne eine Schicht übernehmen könnte, in der man mir auch alles beibringt.

An meinem ersten Tag war ich total nervös. Nach der kurzen Erklärung des Ablaufs einer 30-Minuten-Session und einigen Videos von speziellen Ganzkörpermassagen ging es auch schon los und der erste Kunde kam herein. Er war genau die Sorte Mann, die man in einem solchen Etablissement erwartet: mittleres Alter, korpulent, Businessoutfit.

Mich vor einem Fremden auszuziehen, war kein Problem, denn das hatte ich vorher als Kunstmodel schon häufig gemacht. Und da mir Sex an sich so viel Spaß macht, dauerte es auch nicht lange, bis ich den fast schon schauspielerischen Charakter meiner Aufgabe richtig genoss. Die Körper-auf-Körper-Massage ging dabei richtig ab: Ich ölte den Rücken des Kunden ein und glitt anschließend richtig sportlich darauf hoch und runter. Ich schaffte es sogar, den Typen in unter einer Minute zum Orgasmus zu bringen. So lief es übrigens auch bei den restlichen Kunden des Tages. Ich bin wohl so etwas wie ein Naturtalent.

Ich hatte schon bald das Gefühl, meine Berufung gefunden zu haben—vor allem dann, als man mir meinen Anteil der Bezahlung für eine 45-minütige Massage in die Hand drückte. Nach meinem ersten Tag war mein Geldbeutel prall gefüllt und ich total euphorisch. Mein sexuelles Können verlieh mir ein richtiges Machtgefühl. Ich kam mir vor wie eine Rebellin mit einem dunklen Geheimnis. Und obwohl mir klar war, dass diese Euphorie nicht ewig andauert, wusste ich genau, dass ich weitermachen würde.

*Name geändert