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Foto von Facebook/Westworld

Wie real ist 'Westworld'?

Teresa Delgado

Wir haben bei der Schweizer Pionierin in der Forschung zu virtuellen Menschen und einem Ethikprofessor nachgefragt.

Foto von Facebook/Westworld

In Japan pflegen sie schon jetzt Menschen in Altersheimen und bedienen Hotelgäste. Man kann auch Sex mit ihnen haben. In Südkorea sind sie Soldaten, die schiessen können und nie müde werden: Roboter. Und sie werden immer realistischer: In China stellten Forscher an der Weltausstellung die bildschöne Roboterfrau Jiajia vor. Jiajia versteht nicht nur Sprachbefehle, sondern auch die Mimik von Menschen. Sie liest dein Gesicht und gibt dir dann eine natürliche Antwort. Das heisst: Wenn man sie anlächelt, lächelt Jiajia zurück und reagiert freundlich.

Aber auf die Spitze treibt es die neue TV-Serie Westworld des amerikanischen Senders HBO, der auch Game of Thrones produziert. Hier trifft eine alternative Realität, wie wir sie von Computerspielen kennen, mit dem ultimativen Kampf zwischen Gut und Böse aufeinander. Und: Die Roboter leben im Wilden Westen, besser geht's fast nicht.

Foto von Facebook/Westworld

Westworld ist eine Art High-Tech-Vergnügungspark: Besucher können gegen Geld so viel Zeit in dieser Wild–West-Phantasiewelt verbringen, wie sie wollen. Bewohnt wird Westworld von menschenähnlichen Robotern, mit denen die Besucher machen können, was sie wollen. Den Typen erschiessen, nur weil er dich anschaut? Kein Problem. Dem Sheriff dabei helfen, Verbrecher zu jagen? Sicher doch. Mit zwei Prostituierten einen Dreier haben? Mach doch. In Westworld scheint alles möglich. Geht ein Roboter kaputt, wird er nachts einfach durch ein Team von Ingenieuren und Wissenschaftlern repariert. Tags darauf ist der Roboter dann wieder in seiner Rolle als Sheriff, Bordellbetreiberin oder Penner.

Die Betreiber von Westworld haben aber ein Problem: Einige der Roboter, allen voran das älteste Modell des Parks, Dolores, scheinen sich weiterzuentwickeln. Dolores kann sich plötzlich daran erinnern, dass ihr Vater von Räubern vor ihrem Haus schon mehrmals ermordet wurde, obwohl die Wissenschaftler ihr künstliches Computer-Gedächtnis jede Nacht zurücksetzen. Die Roboterfrau fängt an, Dinge zu tun und zu sagen, die ihr keiner einprogrammiert hat. Sie schnappt Informationen auf, etwa wenn Besucher ihr sagen "du bist nicht echt", erinnert sich daran und verheimlicht dies vor den Wissenschaftlern. Und sie ist nicht die einzige: Auch andere Roboter merken, dass irgendetwas mit ihrer Wahrnehmung nicht stimmt.

Wer die Serie schaut, empfindet schnell so etwas wie Mitgefühl mit Dolores und den anderen Robotern im Park. Das ist es, was Westworld ausmacht: Du versetzt dich in die Roboter hinein und ergreifst Partei für sie, nicht für die Menschen.

Aber sind die Roboter in Westworld denn eigentlich "nur" Maschinen, oder sind sie zu Menschen geworden? Was einen Menschen zum Menschen macht, mit solchen Fragen beschäftigt sich die Ethik. Der Ethik- und Philosophieprofessor Jean-Claude Wolf sagt gegenüber VICE: "Wenn ein Roboter empfindungsfähig ist und eine eigene Identität mit einem Selbstbewusstsein hat, könnte man ihn als Mensch verstehen oder zumindest als eine eigene Spezies." Zu überprüfen, ob dies der Fall ist, sei allerdings schwierig. Angenommen der Roboter ist aber wirklich empfindungsfähig und hat eine eigene Identität, gibt es in der Ethik eine klare Antwort: "Wesen, die leben wollen und eine Zukunftsvorstellung haben, darf man aus ethischer Sicht nicht töten", sagt Wolf. Das wäre brutal. Was aber, wenn man es, wie in Westworld, trotzdem tut?

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"Manche denken zwar, wenn man Spiele spielt, in denen man menschenähnliche Protagonisten umbringt, wird man in der realen Welt auch gewalttätiger gegenüber Menschen", sagt Wolf. Er finde aber, das sei zwar ein Argument, das vom gesunden Menschenverstand her einleuchtet—empirisch nachweisen könne man es aber keinesfalls. Denn: "Es gibt ja auch viele, die solche Spiele spielen ohne danach Amok zu laufen." Wolf denkt, dass wir bei menschenähnlichen Robotern eher dazu neigen würden, sie menschlich zu behandeln, als barbarisch. "Wenn etwas menschlich aussieht und wirkt, projizieren wir da etwas hinein", so Wolf. Deshalb ist es durchaus denkbar, dass man sich in einen Roboter verliebt. In Japan geschieht das bereits: Dort fand schon vor Jahren die erste Hochzeit zwischen einem Mann und einer Roboterfrau statt. Wenn ich beim Westworld-Schauen also mit Dolores mitfiebere, sagt das laut Wolf mehr über mein eigenes Menschsein aus, als über das von Roboterfrau Dolores.

Trotzdem frage ich mich: Ist die Weiterentwicklung vom Roboter zum empfindsamen, selbstständig denkenden Wesen aus technischer Sicht denn überhaupt möglich? Die Genfer Wissenschaftlerin Nadia Magnenat Thalmann sagt Nein. Seit fast dreissig Jahren leitet sie das MIRALab in Genf, ein Institut, das sich mit virtueller Realität und Robotern beschäftigt. Auf Anfrage von VICE hat Nadia Thalmann den Trailer von Westworld geschaut und ärgerte sich darüber. "Die Serie zeigt ein völlig falsches Bild der Roboterforschung", so Thalmann, die eine Pionierin auf dem Gebiet der sogenannten "virtuellen Menschen" ist. Heute sei man noch sehr weit von Robotern entfernt, die eine künstliche Intelligenz haben und menschenähnlich interagieren können. Roboter mit Gefühlen und einer Seele, das sei pure Science-Fiction. Das Fortschrittlichste, was es derzeit in der Roboterforschung gebe, seien selbstfahrende Autos, die sich selbst orientieren und somit Kollisionen verhindern können. "Das war's aber auch schon", sagt Thalmann. "Die menschliche Interaktion kopieren—das ist so komplex, das ist wahnsinnig schwierig." Ein Park, wie er in Westworld gezeigt werde sei technisch schlicht nicht machbar und auch nicht wünschenswert, so Thalmann.

Thalmann forscht an Robotern, die alten, einsamen Menschen als Ansprechpartner dienen können. "Die Isolation von Senioren wird in Zukunft noch ein viel grösseres Problem sein, weil unsere westlichen Gesellschaften schon jetzt überaltert sind", erklärt die Forscherin. Roboter könnten auch autistischen Kindern helfen: Für sie ist es krankheitsbedingt schwierig, mit Menschen zu interagieren. Roboter können mit den Kindern verlangsamt interagieren, so dass Autisten von der Maschine abschauen können, wie menschliche Mimik aussieht. Das ist für sie einfacher, als es von Menschen abzuschauen, denn "autistische Kinder müssen menschliche Interaktion ähnlich erlernen wie Roboter", sagt Thalmann.

In einem Punkt stimmt Thalmann aber zu: Westworld befasst sich mit einem Thema, das die Menschen in Zukunft noch viel mehr beschäftigen wird, nämlich mit der Frage, was Menschen mit Robotern tun dürfen. Die Missbrauchsgefahr ist gross. Für Thalmann ist das Problem aber nicht die Technologie, sondern der Mensch. Genau das zeigt Westworld: Die Rolle der Bösen in der Serie übernehmen nicht die Roboter, sondern Menschen wie der kaltherzige Dr. Robert Freud, der von Anthony Hopkins gespielt wird. Die Roboterexpertin findet, es brauche dringend internationale Gesetze, die den Gebrauch von Robotern regulieren. Was dabei rauskomme, wenn die Armee Roboter einsetze, sehe man heute schon an Kampfdrohnen. "Wenn wir das weiter zulassen, wird es in der Zukunft noch viel mächtigere Tötungsmaschinen geben", warnt Thalmann.

Auch ohne Gesetze wird es einen Park wie Westworld in naher Zukunft nicht geben. Schon alleine die Kosten, die anfallen würden, wenn man ständig erschossene Roboter und zerstörte Gebäude reparieren müsste, wären gewaltig.

Völlig realitätsfern ist die Fernsehserie deshalb trotzdem nicht: Im Juli wurde im japanischen Nagasaki der Themenpark Huis Ten Bosch mit über 200 Robotern eröffnet. Die Roboter kochen, servieren Essen und Getränke und fahren die Besucher in Bussen umher.

In Japan sind Roboter gesellschaftlich längst akzeptiert. Wohl auch, weil der Schintoismus, der in Japan neben dem Buddhismus die wichtigste Religion ist, lehrt, dass auch Dinge wie Puppen oder Roboter eine Seele haben können. Im Huis Ten Bosch-Park darf man Roboter nicht wie in Westworld einfach abknallen. Und das ist auch gut so, denn, so spannend die alternative Realität von Westworld ist, wünschen würde man das, was vor allem die weiblichen die Roboter in der Serie erleben müssen, niemandem. Nicht mal einer Maschine.

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Titelfoto von Facebook/Westworld