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The Humongous Fungus Among Us Issue

Würste und Bullshit bei der UFO-Sekte

Die Mitgliederversammlung der FIGU ist nichts für Vegetarier oder Leute mit Verstand.

von Alexandra Blöchliger
14 Oktober 2014, 7:05am

Alle Fotos von Yves Bachmann

Meine Stadt (Rapperswil bei Zürich) ist geradezu verseucht von freikirchlichen Predigern und Sektenanhängern. Die „Kirche" reisst sich unzählige Immobilien unter den Nagel und verbreitet sich wie die Pest. Wir sind ein Freikirchen-Nest, was mich seit jeher unglaublich nervt, mir aber gleichzeitig eine Faszination für Sekten im Allgemeinen beschert hat.

Das Leben in einer solchen Brutstätte bindet einem das Thema sozusagen direkt auf die Nase. Sehr früh begann ich, ein Interesse dafür zu entwickeln, wie Leute in eine solche Scheisse geraten und warum sie da nicht mehr rauswollen. Oder noch schlimmer: können. Auch wenn das manchmal schwer mit meiner Lebenswelt und meiner Verpflichtung dem rationalen Denken gegenüber vereinbar ist, glaube ich, dass Intoleranz den geistigen Horizont verstümmelt, und ich bleibe darum stets empfänglich für Wunder und Hokuspokus wie die Jungfrau Maria.

Also habe ich nach einer anderen Sekte gesucht, die idealerweise das Gegenteil von dem predigt, was die Freikirche sagt. Eine Gruppierung beispielsweise, die an gar keinen Gott glaubt, aber trotzdem eine Sekte ist. Bei der Recherche kämpfte ich mich alsbald durch die gesamte deutschsprachige UFO-Szene. Von der UFO-Hotline (wo neueste Sichtungen gemeldet werden können) über verschiedenste UFO-Gesellschaften bis hin zu Erich von Däniken. Schlussendlich stiess ich auf eine heitere kleine Vereinigung namens FIGU.

Der Mitgliederausweis der freien Interessengemeinschaft für Grenz- und Geisteswissenschaften und Ufologiestudien (kurz: FIGU) ist keine Freikarte zu Alien Watching und intersphärischem Beam-Spass. Trotzdem glauben seine Besitzer, dass die Welt einst von Ausserirdischen besiedelt war und Menschen auch ohne LSD in ferne Dimensionen befördert werden können. Sie glauben nicht nur, sie meinen vielmehr zu wissen. Denn bei der FIGU halten sich Vorstellungskraft und Ratio die Waage. Billy Eduard Albert Meier ist das Zünglein daran—derjenige, der entscheidet, dass ausserirdisches Leben im zeitversetzten Universum Tatsache, die Gottesvorstellung aber Humbug ist. Er ist der Mann hinter der Linse, wenn fliegende Untertassen in irdisches Gefilde gelangen.

Im Fachjargon würde man ihn als sektiererischen Guru verschreien und seine Wenigkeit schlägt als selbsternannter Prophet und Künder der Neuzeit keine minder leisen Töne an. Die Länge und Wirren seines weissen Vollbartes deuten auf ein gleichsam langjähriges und abenteuerliches Leben.

Er wurde (nach eigener Aussage) siebenfach als Prophet wiedergeboren und unternahm weite Reisen zu den Pyramiden von Gizeh und zurück in eine Zeit, in der Jesus Christus höchstpersönlich „Guten Tag" sagte. Bei einem Verkehrsunfall in der Türkei verlor er einen Arm, schreibt aber Bücher, als hätte er drei davon. Abertausende von Seiten versuchen, das Unerklärliche zu erklären und das Unbeweisbare zu beweisen. Die Zehn Gebote des Alten Testaments erscheinen wie ein Fliegenschiss im Vergleich zu den 3.000 (!) Gesetzen in Billys heiliger Schrift Kelch der Wahrheit.

In Sonderbulletins erzählt er davon, wie ihn die stark pigmentierten Jungs von Men in Black (es gibt sie wirklich!) in den Tod „blitzdingsen" wollten und im 250. Kontaktbericht lässt er sich von Ausserirdischen intergalaktische Prostitution und Geschlechtskrankheiten erklären.

Einer von Billys glühendsten Jüngern, der an seinen Lippen hängt wie die Zigarette an Lucky Lukes Grinsemund, ist Erwin Mürner. Der passionierte Ufologe stapelt in seiner Winterthurer Stadtwohnung alles, was im Online-Shop der FIGU verhökert wird.

Um mich mental auf das erste grosse Treffen mit meinen neuen Glaubensbrüdern und -schwestern vorzubereiten und in der Gemeinschaft nicht als Einzelgängerin anzuecken, setze ich mich bei dem Pensionär auf die Couch, wo wir über Ufos sprechen und Freundschaft schliessen. Erwin hat viel zu erzählen. Sein ungebremster Mitteilungsdrang artet in einen zweistündigen Monolog aus, der selbst zugekokste Techno-Kids zum Schlafen bringen würde.

Wahrscheinlich redet er so viel, weil seine Frau ihn verlassen hat. Und wahrscheinlich hat sie ihn verlassen, weil er zu viel redet. Ich bleibe bei ihm, kann aber seinen Gedankensprüngen vom Hörgerät seiner Ex zum Fluggerät vor seinem Küchenfenster beim besten Willen nicht folgen.

Trotz Erwins verschobenem Weltbild kann ich den alten Mann gut leiden und schliesse ihn spätestens dann ins Herz, als er sich am frühen Morgen der FIGU-Generalversammlung beim Winken fast den Arm auskugelt.

Er ist aufgekratzt wie ein kleines Kind auf Koffein und freut sich ganz offensichtlich, mich zu sehen. Ich manövriere meinen Wagen in die Lücke zwischen holländischem Wohnmobil und deutscher Pseudo-Proletenkarre mit Heckspoiler, ehe ich den letzten freien Sitzplatz zwischen Erwin und seinen Freunden ergattere. Im Nachhinein wünschte ich mir, er wäre besetzt gewesen. Mir klebt der Arsch am Stuhl. Nicht einmal eine der sieben Stunden ist vergangen. Draussen strahlt die Sonne und drinnen wird von Strahlschiffen auf dem Uetliberg geträumt.

Tatsächlich muss ich mir wegen der Fotomontagen, die beweisen wollen, dass Träume Realität werden können, nur anfangs das Grinsen verkneifen. Später kommen mir fast die Tränen, als ich merke, dass die 250 Nasen im Saal den Scheiss wirklich glauben. Zur Halbzeit überkommen mich Fluchtgedanken—ich möchte Erwin und mich da rausholen. Der sitzt aber seelenruhig neben mir und meint, dass es jetzt Wurst und Brot gebe. Ich bleibe.

Gerade, als mich die zwei Wiener Würstchen langsam wieder glücklich machen, setzt sich Bernadette an meine Seite und lässt mich wünschen, ich würde an den Wienern ersticken. Sie ist Hardlinerin und als Redakteurin der Mitgliederzeitschrift sozusagen Berufskollegin. Als sie mir zu erklären versucht, dass ihr Periodikum das einzig unabhängige Medium der Schweiz ist, und sie dafür nickende Zustimmung der Kollegen erntet, schaue ich zum Notausgang—gerade lange genug, um nicht zu merken, dass die Versammlung in die zweite Runde geht. Das Programmheft kündigt noch einen Höhepunkt an, der keiner ist, und ich versuche, meinen Ärger gemeinsam mit dem letzten Bissen runterzuschlucken.

Meine Reise ins entlegene 90-Seelen-Kaff hätte einen Vortrag vom Propheten höchstpersönlich wert sein sollen. Aber Billy kommt zu meiner großen Enttäuschung nicht—und kam anscheinend noch nie. Erwin flüstert mir zu, dass er es nicht mag, unter vielen Leuten zu sein, und ungern im Mittelpunkt steht. Bullshit. Wenn du in der Liga der ganz Grossen spielen willst, gehören Pain-in-the-Ass-Events wie dieser eben dazu. Sonst ist das, als würde Jesus Weihnachten verschlafen oder Mohammed den Ramadan durchfuttern. Ernüchtert versuche ich, Bernadettes monotoner Stimme, die stellvertretend Billys Vortrag vorliest, trotzdem einen Hauch Melodie abzugewinnen. Ich scheitere und verliere mich gedanklich in ihren dicken Oberarmen.

Am Abend geht es weiter mit Würsten und Bullshit. Mittlerweile sitzen wir auf dem Vorplatz des Semjase-Silver-Star-Centers, dem FIGU-Headquarter, in dem weniger Eingeweihte vielleicht einen einfachen Bauernhof sehen würden. Erwin und seine Freunde versuchen, mir mit Zitaten aus dem Kelch der Wahrheit zu imponieren, und ich beginne sehnlichst zu wünschen, dass hinter den Toren der Scheune ein Mutterschiff steht, das mich zurück in mein Leben beamt. Es wird Zeit, zu gehen.

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Jahrgang 8 Ausgabe 8
kelch der wahrheit