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Höhlentauchen in der Nullarbor-Ebene gleicht einem Ausflug ins Weltall

Eine kleine Gruppe an Elitetauchern hat es sich zur Aufgabe gemacht, die wassergefüllten Höhlen der australischen Wüste zu kartografieren.

von Royce Kurmelovs
20 November 2015, 5:00am
Alle Fotos: Richard Harris

Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen, aber vor langer Zeit—in Zahlen: ungefähr 100 Millionen Jahre—wurde der Kontinent Australien noch durch Wasser geteilt. Was inzwischen als Central Australia bekannt ist (also die schier endlose Wüstenebene zwischen den Städten Adelaide und Darwin), war einst der Grund eines Flachmeers. So kam es auch, dass sich im australischen Bundesstaat South Australia mitten in der Wüste jetzt Höhlen voller kristallklarem Wasser befinden.

Die meisten anderen auf der Welt befindlichen Höhlen entstanden, als Wasserläufe über lange Zeiträume hinweg Löcher in altertümliche Gesteinsformationen frästen. In South Australia lief dieser Prozess jedoch etwas bizarrer ab: Das Gebiet dort wird von zwei riesigen Schichten Kalkstein umgeben, die unter dem Meer entstanden sind. Als dieses Meer später schließlich austrocknete, fraß sich Regen in die Kalkschichten und dabei entstanden weitverzweigte und mit Wasser gefüllte Tunnelsysteme, die kilometerweit ins Erdinnere reichen.

Dr. Ian Lewis vor einem Tauchgang

Vor den 60er Jahren hatte man davon noch nicht viel gewusst, aber dann erschien (unter anderem) plötzlich Ian Lewis, ein Hydrologe aus Adelaide, auf der Bildfläche und fing damit an, die Höhlen im australischen Hinterland zu erforschen. Dabei wurde erstmals klar, wie tief diese Höhlen eigentlich nach unten gehen. Heute ist Lewis ein bekanntes Gesicht der Cave Divers Association of Australia, aber als er mit dem Höhlentauchen anfing, steckte der Sport noch in den Kinderschuhen.

Man wusste zwar, dass es am Mount Gambier und in der Nullarbor-Ebene tiefe Höhlen gibt, aber da hörte es dann auch schon auf. Selbst heute erinnert sich Lewis noch an das anfängliche Gefühl der Neugierde, als er sich in den 70er Jahren mit einer Gruppe Taucher auf eine Expedition wagte, bei der die unbekannten Gegenden kartografiert werden sollten.

„So etwas hatte dort vor uns noch kein anderer Mensch gewagt", erzählt Lewis. „Und die Tauchgänge waren atemberaubend, die Höhlen riesig und die Wände so blütenrein weiß, dass unser Licht überall reflektiert wurde. Das Wasser war kristallklar und rein. Als wir die Sicherung übernahmen, waren die anderen Taucher gut 150 Meter entfernt, aber man konnte sie immer noch genauestens sehen."

Der Eingang der Cocklebiddy Cave | Foto: Geoff Paynter und Richard Harris

Seitdem hat sich jedoch viel verändert. Jetzt gibt es neue Gesichter und neue Technologien wie zum Beispiel Kreislauftauchgeräte, die die Tauchzeit signifikant verlängern. Lewis beschäftigt sich selbst nicht mehr wirklich mit der Erforschung der Höhlen, sondern macht lieber Platz für „junge Wilde" wie Dr. Richard Harris.

Harris ist Narkosearzt und Mitglied einer Gruppe an Elite-Höhlentauchern, die sich selbst die „Wet Mules" nennen. Der Name kommt von ihrer Bereitschaft, ihre schwere Ausrüstung auch bis zu den entlegensten Höhlen zu schleppen und dort bis zu 20 Stunden am Stück durchzutauchen. Laut Harris fühlt sich das Höhlentauchen dabei so an, als würde man „durch Luft schwimmen".

„Einige Leute schauen durch das klare Wasser in die Tiefe und ihnen wird schwindlig", erzählt er. „In Piccaninnie Ponds gibt es eine bekannte Stelle, wo es in einer engen Spalte gut 20 Meter nach unten geht. Wenn man darüber hinweg schwimmt, bekommt man schnell das Gefühl, gleich abzustürzen."

„Manche Leute übertreiben es ein wenig mit dem Weltall-Vergleich, aber hier ist er tatsächlich angebracht. Es kommt einem da unten wirklich so vor, als schwebe man im Nichts."

In Kilsby's Sinkhole haben „Adrenalinjunkies" und „Selbstmord-Freaks" nichts zu suchen.

Beim Höhlentauchen auf einem so hohen Level dreht sich alles um Kontrolle und Präzision. Das technische Wissen, das man zur Durchführung dieser Sportart braucht, unterscheidet das Ganze von anderen Erforschungsaktivitäten wie etwa Urban Exploration. Diejenigen, die es in der Tauchwelt so weit schaffen, zeichnen sich durch Entdeckungssinn und Vorsicht aus—„technisch orientierte" Taucher, die immer auf der Suche nach dem perfekten Tauchgang sind. Ein schlampiges Vorgehen, bei dem zum Beispiel Schlamm aufgewirbelt oder die Höhle beschädigt wird, ist extrem verpönt.

Um ein solches Level zu erreichen, sind monatelanges Spezialtraining, Übung und Erfahrung notwendig. Dazu ist der Zugang zu den Höhlen nicht immer einfach. Das liegt alles daran, dass ernsthafte Gefahren bestehen. Wenn man im Ozean tauchen geht, hat man natürliches Licht und kann einfach wieder auftauchen, falls Probleme aufkommen sollten. Beim Höhlentauchen fällt diese Option weg. „Adrenalinjunkies" und „Selbstmord-Freaks" haben da nichts zu suchen.

„Wenn man nur auf sowas aus ist, dann kann man auch Fallschirmspringen gehen", meint Lewis. „Wenn wir da runtertauchen, wollen wir auch wieder hochkommen."

Ein Taucher in der Tank Cave

Mehr will Lewis zu diesem Thema nicht sagen. Es ist jedoch auch klar, dass bei einem solchen Unterfangen die Dinge gehörig schiefgehen können und der Tauchgang tödlich enden kann. Zwischen 2010 und 2011 sind drei Höhlentaucher ums Leben gekommen—darunter auch die Marinearchäologin Agnes Milowka, eine hoch angesehene Forscherin aus Victoria. Sie starb 2011 während der Erforschung der Tank Cave, eines der größten und komplexesten Höhlensysteme der Welt.

Harris war Teil des Teams, das die Polizei bei der Bergung von Milowkas Leiche unterstützte. Die Tragödie ereignete sich, als die erfahrene Taucherin während der Untersuchung eines engen Abschnitts von ihrem Tauchpartner getrennt wurde, dabei ein wenig Schlamm aufwirbelte, so die Orientierung verlor und letztendlich den Rückweg nicht mehr finden konnte.

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Harris kannte Milowka von der gemeinsamen Arbeit am Set des Films Sanctum. „Sie war ein fröhlicher und geselliger Mensch—voller Leben und voller Abenteuerlust. Außerdem zeichnete sie ihr außergewöhnliches Talent zum Höhlentauchen aus, aber dabei war sie dann wohl ein wenig zu forsch. Das wurde ihr letztendlich zum Verhängnis", erzählt er. „Sie war eine richtige Entdeckerin."

Die treffend benannte Iddlebiddy Cave

Der wohl fatalste Zeitabschnitt in der Geschichte des Höhlentauchens war in den 70er Jahren, als in einem Zeitraum von sechs Jahren elf Menschen starben. Dieser Umstand führte auch dazu, dass die Cave Divers Associaton gegründet und ein Trainingsprogramm eingeführt wurde, das die Leute vor sich selbst schützen soll. Seitdem ist das Höhlentauchen in Australien relativ sicher: Laut Harris gab es zwischen 1985 und 2010 nur einen Todesfall zu verzeichnen.

Zwar wurden bis dato ungefähr 50 Höhlen kartografiert, aber damit ist noch lange nicht das Ende erreicht. Unter Tauchern wird die Entdeckung von neuen Abschnitten als „laying a line" bezeichnet und ab und zu schaffen es die Forscher tatsächlich, neue Teile einer Höhle auf der Karte einzuzeichnen.

Dieser Umstand hat auch dazu geführt, dass Höhlentaucher oftmals an der Spitze von wissenschaftlichen Forschungen stehen, wenn sie mit Wasser- und Gesteinsproben sowie Fossilien zurückkommen oder eigenartige neue Lebensformen entdecken. Was komplett unentdeckte Höhlen angeht: Lewis zufolge gibt es die zwar, aber die Herausforderung besteht darin, einen Zugang zu finden.

„Der Kalkstein ist voller Löcher, man muss sie nur finden", erklärt er. „Es besteht immer die Möglichkeit, neue Höhlen zu entdecken. Die Technologie zum Aufspüren dieser Höhlen wird ebenfalls besser und besser. Auf der Nullarbor-Ebene gibt es 12.000 Blaslöcher, durch die Luft rein- und rausströmt. Unter einigen befindet sich vielleicht eine Höhle, unter anderen wiederum nicht. Das kann man nie genau sagen."

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