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Eine Tour durch Schaffhausens schlimmste Restaurants

Jeder liebt es, essen zu gehen – zumindest solange, bis du dich durch die am schlechtesten bewerteten Restaurants deiner Stadt quälst.

Sascha Britsko

Sascha Britsko

Foto: Sascha Britsko

Die meisten Menschen kennen meine Heimatstadt Schaffhausen nur von Bildern des grössten Wasserfall Europas und von einem alten Schlosses auf dem Stadtberg, in dessen Turm immer noch ein Wächter wohnt. Diese zwei Sehenswürdigkeiten sind wohl auch der Grund, wieso du hier praktisch an jeder Ecke einen asiatischen Touristen siehst, der irgendeine Strasse, irgendeinen Brunnen oder irgendeinen Stein fotografiert.

Indem ich meine Kindheit in einen Artikel über diesen Ort mit einer Existenz irgendwo zwischen Kleinstadt und Kaff gepackt habe, habe ich hier ein paar Freunde verloren und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es nach diesem Artikel nicht anders sein wird. Ich weiss nicht, ob es der Drang nach Selbstzerstörung oder einfach meine heimliche masochistische Ader war, die mich dazu bewogen hat, mit Absicht die auf Tripadvisor und Yelp am schlechtesten bewerteten Restaurants abzuklappern. Jedenfalls habe ich es getan. Für euch.

Um es gleich schon vorweg zu nehmen: Wirklich schlimme Restaurants, wie sie in Zürich oder Basel nur so aus dem Boden zu spriessen scheinen, existieren in Schaffhausen nicht. Hier ist alles etwas idyllischer, etwas behäbiger und um vieles durchschnittlicher als in den Schweizer Städten, die einer Metropole am nächsten kommen. Bewusst habe ich mich also auf eine Odyssee durch schlechte Kommentare und Bewertungen begeben und bin der Korrektheit dieser Meinungen in Sherlock Holmes-Manier und mit einigem an lokalem Wissen vor Ort auf den Grund gegangen:

Restaurant Falken

Das Falken im Herzen der Stadt Schaffhausen ist und bleibt der Lebensmittelpunkt der heranwachsenden 13- bis 17-Jährigen, die eigentlich kein Geld zum Weggehen haben aber an einem Freitagabend nicht zu Hause versauern wollen. Es ist berüchtigt für seinen individuellen Service, der gerne selbst entscheidet, was einem vorgesetzt wird. Ich habe das erlebt, meine Freunde haben das erlebt und auch Tripadvisor-User Charles_Snibelpool aus Zürich, der sein Gericht zwei Mal zurückgehen lassen musste, bis das tatsächlich bestellte Essen endlich kam, hat das erlebt: "Im dritten Anlauf erhalte ich dann das gewünschte Mahl."

Sagenhaft günstige elf Franken kostet das Mittagsmenü für den Auszubildenden, welches eine Suppe oder einen Salat und ein Getränk beinhaltet. Aber das Essen hier ist erfahrungsgemäss leider genauso schlecht, wie es günstig ist.

Auch bei meinem heutigen Besuch macht das Falken seinem Ruf alle Ehre und verwandelt die übriggebliebene Polenta von letzter Woche in ein Schüler-Menü. Polentaschnitte an Pilzrahmsauce nennen sie dieses ausgetrocknete Etwas, das ich und meine Begleitung serviert bekommen. Dazu gibt es gebratene Tomaten mit Brotkrumen obendrauf.

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Bei jedem Bissen habe ich das Gefühl, auf Sand anstatt auf Polenta herumzukauen. Und gegen Polenta, die schmeckt, als könnte sie mir selbst erlebte Geschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählen, kann auch eine passabel schmeckende Pilzrahmsauce nichts mehr ausrichten. Die Brotkrumen-Tomaten verstärken die sandige Note des Gerichts und als Krönung des Ganzen wird mir, noch bevor ich fertig gegessen habe, der Teller vor der Nase weggezogen. Aber ja, ich bin irgendwie froh darüber.

Zum Sittich

Das Restaurant Zum Sittich geniesst in Schaffhausen seit längerem den Ruf als "Heuchler". Es heuchelt seinen Gästen vor, ein Edelschuppen zu sein und rühmt sich mit Fischspezialitäten zu horrenden Preisen (unter 30 Franken findest du hier kaum eine Portion). Trotzdem klagte gerade erst vor einer Woche auf Tripadvisor John T aus Schaffhausen über "tiefgefrorenen Fisch auf dem Teller". Auch René Q zeigte sich enttäuscht, als er in einem Fischrestaurant an einem Karfreitag nur drei Fischgerichte vorfand: "Daraus wählten wir ein Menü das schon beim Anschauen widerlich war. Der optische Eindruck wurde bestätigt. Praktisch ungeniessbar." Und so dümpelt der Sittich bei gerade einmal 2.5 von 5 Punkten auf TripAdvisor vor sich hin.

Ich selbst war noch nie in diesem Möchtegern-Schickimicki-Laden und wäre dieser Artikel nicht gewesen, hätte ich dort nie auch nur einen Fuss hineingesetzt. Und das zurecht—wie ich auf die harte Tour herausfinden muss.

Zuallererst weckt schon die überdimensionierte Speisekarte falsche Hoffnungen in mir, denn neben Vorspeisen kann ich nur zwischen fünf Gerichten wählen. Und tatsächlich: Obwohl der Sittich sich mit seinen Fischgerichten brüstet, ist die Fischauswahl etwa so gross wie das weltweite Interesse an einer Modellflugzeug-WM. Ich entscheide mich schliesslich für das Saiblingsfilet an Zitronensauce und Salzkartoffeln für stolze 37.50 Franken und hoffe auf das Beste.

Als ich das Gericht jedoch vor mir sehe, vergeht mir fast der Appetit. Sage und schreibe fünf Kartoffelhälften, ein Stückchen Fisch und ein Klecks Sauce liegen auf einem für eine solch mickrige Portion viel zu grossen Teller. Auf dem Stückchen Fisch ragt ein vertrockneter Stängel Petersilie in Richtung Decke, der wohl die Garnierung sein soll. "Aber Aussehen ist ja nicht alles", rede ich mir hoffnungsvoll ein, "vielleicht macht der Geschmack ja den bedauernswerten Auftritt meines Saiblings wieder wett."

Doch es kommt, wie es kommen musste: Die Kartoffeln sind kalt, die Zitronensauce ist klumpig und der Fisch schmeckt einfach nach gar nichts. Als ich endlich fertig bin, will ich nur so schnell wie möglich aus diesem grossen Raum verschwinden, in dem ich als einziger Gast einen Einblick ins Leben in Einsamkeit bekomme.

Pizzeria La Piazza

Die Pizzeria la Piazza (von Einheimischen zu Ehren ihres Vorgängers auch gerne Restaurant Thiergarten genannt) liegt ein wenig abseits des Stadtkerns, in der Nähe des Rheins. Ich selbst war bisher nur ein Mal in diesem Restaurant und damals haben wir uns dermassen die Hucke volllaufen lassen, dass ich vom eigentlichen Essen nicht mehr viel mitbekommen habe. Meine Begleitung und ich wollten die Ungewissheit hinter uns lassen und wagen uns zum altmodisch eingerichteten "Italiener mit Schweizer Spezialitäten", der auf Tripadvisor immerhin drei von fünf Punkte bekommt.

Das Abendessen an sich ist nicht so schlimm, wie ich erwartet habe. Es ist sogar ganz OK. Die Bedienung ist nett—mal davon abgesehen, dass wir bei unserer Ankunft die einzigen Gäste sind. Meine Piccata alla milanese ist beim ersten Bissen sogar überraschend zart und saftig—bis ich auf mehrere Knorpel beissen muss und das Fleisch daraufhin in meine Serviette verschwinden lasse. Mein Gegenüber hat mit demselben Problem an der Kalbsrahmschnitzel-Front zu kämpfen.

Die Beilagen und das Gemüse sind eben nicht mehr als Beilagen und Gemüse und abgesehen von einem Haar in den Nudeln (um fair zu bleiben: Es hätte auch von uns sein können) ist der Abend wirklich nicht so übel. Die Bedienung lässt zum Schluss zwar gute fünf Mal nach sich rufen und das Essen ist mit 40 Franken pro Gericht eindeutig überteuert, aber eben: Es war OK.

Güterhof

An dieser Stelle muss ich sagen, dass du den Güterhof nicht als schlimmes Restaurant per se abstempeln kannst. Das Essen dort ist durchaus geniessbar—mindestens so sehr wie der Ausblick auf den Rhein, den man von fast jedem Sitzplatz aus hat. Aber was ein gutes Restaurant ausmacht, ist bekanntlich nicht nur das Essen, sondern auch der Service—und dieser ist im Güterhof unterirdisch.

Das bestätigte kürzlich nicht nur mariagonzales123 auf Tripadvisor ("Der Empfang und die Bedienung waren unfreundlich, der Service langsam, das Essen ok und teuer, das Ganze prätentiös"), sondern auch meine persönliche Erfahrung. Wenn du mit einem genervten Blick von oben bis unten gemustert werden möchtest, nur weil du zum dritten Mal nach einer zweiten Tüte Zucker fragst, bist du hier genau richtig.

So werden ich und meine Begleitung auch dieses Mal mit einem Augenrollen begrüsst, als wir es wagen nach einem Tisch für zwei Personen (ohne Reservierung!) zu fragen. Nach drei ewig andauernden Blicken lässt sich schliesslich ein Tisch finden und wir dürfen hinter einer einen Meter breiten Säule Platz nehmen.

Der Rest des Abends ist dann ganz angenehm. Unser Essen ist kurze 20 Minuten nach unserer Bestellung am Tisch und meine "Maki Mix"-Platte schmeckt auch gut—abgesehen vom Stückchen Plastik, auf welchem ich mit meinem letzten Maki herumkauen darf. Die Bedienung lässt zum Abschied wie gewohnt 20 Minuten lang nach sich rufen, aber wünscht uns immerhin noch einen schönen Abend. Danke, Ihnen auch.

Dieses undefinierte Etwas befand sich in meinem Maki

Fazit:

Ich bin wahrlich kein Gourmet und gönne mir durchaus hin und wieder mal eine Tiefkühlpizza. Aber es gibt auch Grenzen. Es ist natürlich für einen Laien wie mich immer schwierig zu sagen, ob ein Restaurant wirklich und abschliessend schlimm ist, oder ob man einfach einen schlechten Tag erwischt hat. Das Preis/Leistungs-Verhältnis spielt in meiner Gesamtbewertung jedoch eine sehr grosse Rolle. Und dieses wird bei den oben genannten Restaurants (OK, nicht beim Falken) sehr stark überstrapaziert.

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