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Warum ich mit 26 noch nie eine Beziehung hatte

Manche rennen im Beziehungs-Marathon um ihr Leben. Andere trinken daneben ein Bier.

von Sebastian Sele
09 Juli 2015, 6:21am

Foto von: Barney Moss

Bewertet man mein Leben nach Romantic-Comedy-Massstäben, dann bin ich ein ziemlicher Loser. Dort haben Männer einen Benz zu fahren, aus einer Schickimicki-Gegend zu kommen und sich glücklich zu verlieben—am besten in eine Kellnerin, Prostituierte oder eine andere Vertreterin eines ach so hilfsbedürftigen Berufs. In der Realität schreit mein Konto „Hol mich hier raus!", weil ich mein Studium mit einem netten Minus von 52.368 Franken abschliesse. Mein Benz ist ein klappriges Occassion-Velo. Und eine Beziehung hatte ich noch nie.

Für mich ist das okay. Geld ist für mich nicht das Non-Plus-Ultra. Ein Auto zu haben wäre mehr Stress als Nutzen. Und schliesslich habe auch ich meine Turteleien. Zu einem Commitment kam es dabei aber nie. Manchmal hatten wir beide mit der Zeit genug voneinander. Manchmal drehte ich den Hahn zu. Manchmal war sie es—was mich durchaus schon die ein oder andere Summertime Sadness mit einem Kopf voller selbstbemitleidender tumblr-Sprüche durchwaten liess. Trotzdem renne ich heute nicht verzweifelt von Party zu Party auf der Suche nach The One.

Viele können das nicht nachvollziehen. Zum Beispiel meine Familie. Beim alljährlichen Familienessen oder Besuchen bei meiner Tante muss ich mich mindestens ein Mal durch das erwartungsgeschwängerte „Und, hast du ein Schätzchen?"-Bombardement schlagen. Vielleicht, weil bei ihrem Grosswerden ein anderer Zeitgeist seine Schatten geworfen hat. Vielleicht, weil sie ihr Glück über ihre Beziehung definieren. Oder vielleicht auch einfach, weil manche Menschen dazu tendieren, ihr Lebenskonzept auf die ganze Welt zu projizieren.

Von Zeit zu Zeit werfen sie mir auch die Frage nach dem „Warum?" an den Kopf. Ich stammle dann rechtfertigend etwas davon, dass ich mich alleine eigentlich auch ganz wohl fühle und dass ich meine Freiheit irgendwie geniesse—eine wirklich klare Antwort darauf habe ich aber nicht. Das nächste Familienessen kommt aber auch dieses Jahr bestimmt. Darum habe ich bei Freunden nachgefragt, warum bei ihnen „Dauer" und „Single" zu einer Einheit verschmelzen. Nach einigen „Puh, das ist eine seeeeehr gute Frage!", habe ich doch noch drei Antworten bekommen.

Dauer-Single #1:

„Ich habe mich nicht bewusst gegen eine Beziehung entschieden. Mein inneres Ich ist aber um einiges cooler als mein äusseres Ich. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der zweiteres viel wichtiger ist. Einen anderen Grund sehe ich nicht. 'Gott' sei Dank bin ich aber meistens mit mir im Reinen und denke: Die Männer haben einfach noch nicht erkannt, was für ein wahnsinniges Potential ich als Freundin habe. Meine Stunde wird kommen, wenn die anderen schon lange in ihrem Ehe-Alltag verrecken!"

Die klassische Story: Girl vs. Society. Eine Beziehung ist der Traum, der auf einem in der Sonne glitzernden Schimmel direkt auf dich zureitet, epische Musik in deinem Kopf, er ist schon fast bei dir—und urplötzlich verschwindet er im Schlund des düsteren Abgrunds namens Gesellschaft. Ich könnte noch darüber schreiben, wie fies und ungerecht die Welt doch ist—aber ihr wisst ja eh Bescheid und ich bin in diesem Punkt schliesslich auch nicht besser.

Foto: Quinn Dombrowski | Flickr | CC BY 2.0

Dauer-Single #2:

„Darüber habe ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht. Aber mein Freundeskreis ist nicht wirklich offen. Sie sitzen lieber in Bars in der Ecke als neue Leute kennenzulernen. Ausserdem war die letzten Jahre mein Planungshorizont ein bis zwei Semester lang und eine Beziehung sollte für mich etwas Langfristiges sein. Ich bin auch nicht sonderlich kompromissbereit und anscheinend sei ich zu nett."

Generation Y meets Tradition. Er weiss nicht, was morgen sein wird und sieht Beziehungen gleichzeitig als Vertrag mit jahrelanger Bindung. Darum: Im Moment lieber nicht. Beziehungen scheinen ihn aber momentan sowieso nicht mehr zu interessieren als die im August steigende Modellflug-Weltmeisterschaft in Dübendorf—sonst hätte er sich wohl schon Gedanken dazu gemacht, warum es für ihn immer hiess: Freundin? Nope.

Foto: michael_swan | Flickr | CC BY 2.0

Dauer-Single #3:

„Am meisten wünscht mir meine Oma eine Freundin. In dem Punkt muss ich sie immer wieder enttäuschen. Ich bin gerne mal hier, mal dort. Auch was Menschen angeht. Eine Beziehung bedeutet Bindung. Es ist mehr als eine sehr gute Freundschaft, die man einfach mal für ein halbes Jahr pausieren kann. Dafür bin ich schlicht zu unruhig im Leben. Ich bin eher gebunden an Orte und Konzepte—und an Freunde. Das ist keine bewusste Entscheidung. Bis jetzt hat es aber auch auf Gefühlsebene bei niemandem gepasst. Idealvorstellungen einer Beziehung habe ich sicherlich—aber die sind eher unbewusst."

Wer keinen Bock auf Verpflichtungen hat, tut sich auch mit Beziehungen schwer. Psychologen würden an dieser Stelle wahrscheinlich das böse Wort „Bindungsängste" auf die Bühne bitten. Dabei sind Ängste grundsätzlich ja nicht schlimm. Wer wegen seiner Höhenangst nicht an einem Gummiseil vom nächsten Staudamm springen möchte, tut das einfach nicht—und gut ist. Wer sich (noch) nicht so eng an Menschen binden möchte, bindet sich eben nicht so eng an Menschen. Natürlich spielen aber auch hier wieder gewisse Vorstellungen einer Ideal-Beziehung ihren Part. Eine Beziehung bedeutet ja nicht per se eine so krasse Verpflichtung—Fernbeziehung ahoi!

Foto: Guilhelm Vellut | Flickr | CC BY 2.0

Von den Antworten meiner Freunde habe ich gelernt: Idealvorstellungen und entsprechende Erwartungen sind der präventive Beziehungs-Killer Nummer eins. Sie töten Beziehungen schon bevor diese überhaupt angefangen haben zu leben. Sei es, weil jemand die traute Zweisamkeit als Einschränkung der eigenen Freiheit sieht oder weil eine Beziehung automatisch als etwas Langfristiges angesehen wird. Ausserdem kann man den Grund für die Beziehungslosigkeit sowohl bei anderen als auch bei sich selbst suchen.

Für mich ist auch nach diesen Antworten immer noch nicht wirklich klar, wieso ich nie eine Beziehung hatte. Irgendwo zwischen den schwammigen Begriffen Bindungsangst und Freiheitsliebe, in Kombination damit, dass ich nicht aktiv danach suche, liegt wahrscheinlich die Antwort. Was für mich aber klar ist: Diese Situation, die für viele unvorstellbar ist, ist nicht wirklich schlimm. Scheinbar nicht nur für mich, sondern auch für manche meiner Freunde. In diesem Sinne: Familienessen—Ich bin ready!

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Titelfoto: Barney Moss | Flickr | CC BY 2.0

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