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Trauerkultur

In Japan fahren die Leute zu Drive-Thru-Beerdigungen

Geschäftsleute können Trauerfeiern ganz einfach in ihrer Mittagspause erledigen. Das übliche Kondolenzgeld lassen die Gäste am Schalter.

von Mahmood Fazal
05 Juli 2018, 1:25pm

Ein Mitarbeiter demonstriert den neuen Bestattungsservice || Foto: imago | Kyodo News

Burger-Brutzel-Buden haben es etabliert, doch das Drive-Thru-Konzept besitzt ein viel grösseres Potential zur Lebensverbesserung: Egal ob es die schnelle Kochsalzinfusion gegen den Kater auf dem Weg zur Arbeit ist oder das in Colorado bereits existierende Cannabis to go – die Möglichkeiten sind schier unendlich. Aber selbst in unseren dunkelsten Goth-Tagen wären wir nicht auf das Drive-Thru-Konzept gekommen, das sich ein japanisches Unternehmen ausgedacht hat.

Wie die Japan Times im Dezember vergangenen Jahres berichtete, hat die Kankon Sousai Aichi Group in Ueda, in der Präfektur Nagano, ihren ersten Drive-Thru-Bestattungs-Service eröffnet. Die Trauergäste fahren vor ein Fenster, aus dem ihnen ein Touchscreen gereicht wird. In einer App können sie ihren Namen und eine Beileidsbekundung eintragen, bevor sie das in Japan übliche Kondolenzgeld aushändigen. Bei Bedarf können sie noch zum Gebet ein Räucherstäbchen anzünden, was sich praktischerweise ebenfalls per Knopfdruck erledigen lässt.

Die eigentliche Bestattungszeremonie ersetzt dieses Trauer-to-go-Angebot allerdings nicht. Angehörige und Familie sitzen derweil mit dem Priester drinnen und können auf Bildschirmen die vorbeirollenden Gäste bei der Abschiednahme beobachten.


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Geschäftsführer Masao Ogiwara sagte gegenüber der Japan Times, dass sich das Angebot vor allem an Menschen richte, die aufgrund körperlicher Einschränkungen oder hohen Alters weniger mobil sind. "Ich bin schon eine Weile in dem Geschäft und habe gesehen, wie belastend der Besuch einer Beerdigung für alte Menschen in Rollstühlen sein kann", sagte Masao.

Er glaube, dass der Service seiner Firma "die Zeit reduziert, die man für den Besuch einer Bestattung braucht". Und da Bestattungen in Japan oftmals um die Mittagszeit stattfinden, können Geschäftsleute die Trauerfeier jetzt ganz praktisch mit ihrer Mittagspause kombinieren, ohne sich vorher noch einmal umzuziehen oder Angst haben zu müssen, im behäbigen Trauerzug festzuhängen.

Das Geschäft mit dem Tod ist in Japan heiss umkämpft. Kein Wunder, wenn man sich vor Augen führt, dass über ein Viertel der Bevölkerung älter als 65 ist. Das Yano Research Institute beziffert den Wert der Branche auf umgerechnet etwa 14 Milliarden Euro, Tendenz steigend.

In den vergangenen Jahren Auch haben sich auch andere Unternehmen in Japan an teils fragwürdigen Geschäftsmodellen versucht. Amazon zum Beispiel bietet in Japan Mietmönche an, die man sich für Trauerfeiern bestellen kann – was dem Unternehmen nicht nur Sympathien unter den dortigen Buddhisten beschert hat. Der japanische Medienkonzern Softbank ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen und bietet mit "Pepper" einen buddhistischen Roboterpriester an.

Für Angehörige, die sich die kostspieligen Zeremonien nicht leisten können, gibt es Mailorder-Bestattungen, bei denen sie die Asche der Toten per Post an einen Tempel schicken. Dieser führt dann für einen günstigen Preis die Bestattungsriten durch und betrauert die sterblichen Überreste. Dazu gibt es dann auch gleich eine App, mit der Verwandte und Freunde dem Grab einen virtuellen Besuch abstatten können.

Erfunden wurde das Konzept der Drive-Thru-Bestattungen übrigens in den USA. Dort können Trauernde bereits seit 2011 bequem im Auto Abschied nehmen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE AU.

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