Sexismus

Wie Radfahrerinnen im Verkehr sexuell belästigt werden

"Als ich näher an sie heranfuhr, sagte einer etwas wie 'Na, Baby?' und versuchte, mir zwischen die Beine zu greifen." – Lana

von Rebecca Baden
07 Juni 2019, 9:33am

Alle Fotos: Shirin Siebert

Mein schwarzer Mantel flattert hinter mir im Fahrtwind wie das Cape einer Superheldin, als ich an einem kalten Abend im Mai mit einem Mietfahrrad nach Hause fahre. Ich habe die WG meiner Freundinnen besucht, und auch kurz nach halb 11 sind die meisten Strassen in Berlin-Friedrichshain noch belebt. Die drei Männer, die ich bereits aus der Ferne sehe, beachte ich deswegen kaum. Doch als ich an ihnen vorbeifahre, pfeift einer und ruft: "He, du Geile!" Ich radle weiter und zeige ihnen den Mittelfinger, ohne mich selbst umzudrehen. Die Männer grölen.

In Berlin ist es leicht, sich mit dem Fahrrad fortzubewegen. Dennoch fahre ich nur selten, aus Bequemlichkeit und weil ich ein Semesterticket habe. Doch schon einige wenige Male, als ich alleine mit dem Rad unterwegs war, fiel mir auf: Ich werde auf dem Rad öfter und aggressiver sexuell belästigt, als wenn ich laufe – besonders am Abend. Aber ist das nur der subjektiver Eindruck einer Gelegenheitsradfahrerin oder erleben das auch andere Frauen?


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Zu Hause teile ich meine Gedanken in meiner Instagram-Story. "Wird man als Radfahrerin öfter gecatcallt, weil man eher weiterfährt, als abzusteigen, um einen Streit anzufangen?", frage ich meine Followerinnen und Follower. "Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?" Und tatsächlich melden sich im Laufe der Nacht noch fünf Frauen. Eine Freundin schreibt, ein Mann habe ihr hinterhergerufen, er wäre gerne ihr Fahrradsattel. Andere berichten von Pfiffen. Und wieder andere haben sogar körperliche Belästigung erlebt, durch Fussgänger oder andere Verkehrsteilnehmer.

Als Lana an die Ampel heranfuhr, wollte ihr ein Fussgänger zwischen die Beine greifen

Lana, 36, ist eine dieser Frauen. Sie sei vor ein paar Jahren über die Oberbaumbrücke in Berlin gefahren, erzählt sie. An der Kreuzung sei sie langsamer geworden, weil die Ampel rot war. Dort habe auch eine Gruppe junger Fussgänger gestanden. "Als ich näher an sie heranfuhr, sagte einer etwas wie 'Na, Baby?' und versuchte, mir zwischen die Beine zu greifen. Das war eine Sache von ein paar Sekunden." Lana sagt, sie sei in dem Moment überrascht und angewidert gewesen. Vor allem aber habe sie in der kurzen Zeit nicht reagieren können. Ist das der Grund, warum solche Übergriffe passieren?

Die Diplom-Psychologin und Sexcoach Claudia Huber denkt nicht, dass die Belästigung von Radfahrerinnen einer besonders perfiden Zeit-Kalkulation geschuldet ist: "Ich glaube, dahinter steckt kein bestimmtes Muster", sagt sie. "Männer, die Radfahrerinnen belästigen, machen das auch sonst." Dass Radfahrerinnen scheinbar öfter belästigt werden, könnte mit der Körperhaltung zusammenhängen, erklärt Huber: "Man ist eher nach vorne gebeugt, der Hintern höher gelagert. So haben Männer ihn präsenter vor Augen."

Eine Frau fährt im Sommer Fahrrad
Die Autorin beim Radfahren

Man müsse sich allerdings fragen, warum Menschen, in diesem Fall Männer, überhaupt belästigen, und was sie damit erreichen wollen, sagt Claudia Huber. "Im Endeffekt steckt dahinter die Einstellung: Ich habe das Recht, das zu tun." Die Psychologin vermutet, dass ein Teil der Männer sich tatsächlich eine positive Reaktion auf ihre belästigenden Zurufe erwartet. Sie glauben also, die Frauen würden sich über die vermeintlichen Komplimente wirklich freuen. Andere hätten ein Frauenbild, wonach ein bestimmtes weibliches Outfit oder Verhalten die Belästigung rechtfertige.

Am Ende entstehe aber immer ein wahrgenommenes Machtgefälle hinter den Handlungen, erklärt Huber: "Der Machtausdruck ist für viele Männer ein Spiel – und die wissen gar nicht, dass es für die Betroffenen echt scheisse ist."

"Der Mofafahrer hat mit der Hand eine Blowjob-Bewegung gemacht und ist weitergefahren."

Flora, 18, erzählt, dass sie vergangenen Sommer mit ihrem Rennrad neben zwei Männern in einem Auto die Strasse entlang gefahren sei. An einer roten Ampel sei Flora direkt neben dem Fenster des Beifahrers stehen geblieben. "Als die Ampel grün wurde, hat er mir im Vorbeifahren auf den Arsch gehauen", sagt sie. Flora sagt, sie sei in dem Moment so perplex gewesen, dass sie regungslos an der Ampel stehen blieb. Bei einem anderen Mal habe ein Mofafahrer ihr so lange zugerufen, bis sie hingeschaut habe, sagt Flora: "Er hat mit der Hand eine Blowjob-Bewegung gemacht und ist weitergefahren."

Flora sagt, in beiden Situationen hätte sie sich nicht wehren können, weil die Männer abgehauen sind. "Das war richtig scheisse." Doch selbst, wenn sie geistesgegenwärtig reagiert und sich die Nummernschilder gemerkt hätte, hätten die Täter womöglich keine Konsequenzen befürchten müssen. Sexuelle Belästigung kann laut Gesetz mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. Aber in der Praxis stehe in solchen Fällen oft Aussage gegen Aussage, sagt Claudia Huber.

Es gibt nicht die eine richtige Art, auf die Belästigungen zu reagieren

Wer den Mut habe, sich zu wehren, könne vom Rad absteigen und dem Belästigenden sagen, dass das nicht OK war, erklärt die Psychologin. "Aber das kann oder möchte man in der Situation vielleicht nicht, und es ist auch mit einem Risiko verbunden." Schliesslich könne der Angesprochene aggressiv reagieren. Die eine richtige Art, mit sexueller Belästigung umzugehen, gebe es nicht, so Huber: "Unterm Strich ist es wichtiger zu wissen: Das sollte nicht passieren, aber wenn ich mich noch lange darüber ärgere, schade ich nur mir selbst."

Egal, wie scheisse ich sexuelle Belästigung und die lauchigen Typen dahinter finde: Ich werde wohl auch in Zukunft nicht vom Rad absteigen und die Personalien eines betrunkenen Mannes erfragen, wenn er mir "Ficki, ficki" und "Lecki, lecki" hinterherruft – wie kürzlich jemand am Alexanderplatz. Das bedeutet vielleicht, dass Belästigende mit ihrem Verhalten durchkommen. Aber so entscheide ich mich für mein eigenes Wohlbefinden. Wirklich helfen, das sagt auch Claudia Huber, würde ohnehin nur ein gesellschaftliches Umdenken.

Denn in einer Welt, in der Menschen verstehen, dass ein weiblicher Körper kein Gemeinschaftsgut ist, gebe es wahrscheinlich auch keine Belästigung. Oder, wie Claudia Huber sagt: "Ein Nein ist ein Nein und kein Ja ist auch ein Nein. Auch dann, wenn der Hintern so schön prall auf dem Fahrradsattel sitzt."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.