Wie mich mein Instagram-Account depressiv gemacht hat

"Ich hätte der Welt auch meine Kartoffeln mit heller Sauce präsentiert, hätte ich keine Scheu gehabt, das Krankenhaus dadurch ins Bild zu rücken."

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Sep. 14 2018, 7:29am

Foto: Bastian Bochinski

An einem Morgen im Oktober 2014 beschliesst Victoria van Violence, dass sie Hilfe braucht – und lässt sich mit ihren Depressionen in der psychiatrischen Abteilung eines Berliner Krankenhauses einweisen. Einen Monat verbringt das Tattoo-Model dort. Ihren Instagram-Account, auf dem ihr Zehntausende Menschen folgen, bespielt sie in der Zeit weiter. Mit alten Bildern von sich. Am Montag hat Victoria van Violence ihr Buch Meine Freundin, die Depression im mvg Verlag veröffentlicht. Darin schreibt sie darüber, wie sie die Depressionen jahrelang geheim gehalten hatte, wie diese überhaupt anfingen und welche Rolle ihre Bekanntheit in den sozialen Medien dabei gespielt hat.

Hier lest ihr einen Auszug aus dem Kapitel "Depression und Social Media".

Das Thema soziale Medien im Kontext Depression hat zwei Seiten: Zum einen ist da der Umgang mit Social Media während einer depressiven Episode, zum anderen die durch Social Media verursachte Depression. Und von beiden kann ich ein Liedchen singen …

Viele meiner Follower und Freunde, die unter Depression leiden, berichten, sie hätten zum Teil bewusst auf soziale Netzwerke verzichtet, um online nicht auffind- und somit verletzbar zu sein. Ich selbst war da "eiserner" und habe sogar mit einer depressiven Phase im Nacken meine Kanäle versorgt sowie meine Onlinefühler ausgestreckt. Ich wollte erfahren, was in der Netzwelt um mich herum passiert. Allerdings merkte ich auch, dass ich sensibler auf muntere Beiträge reagierte: 'Denen geht's so gut und mir so schlecht!'. Das zog mich sofort weiter runter. Auch deshalb musste ich in der ersten Klinikwoche eine Social-Media-Pause einlegen.

Doch kaum konnte ich wieder halbwegs klar denken, hatte ich den Mobilfunkapparat schon wieder in der Hand, den Blick gebannt auf dem Bildschirm. Es ging nicht anders, denn zweifellos bin ich handysüchtig. Auch darüber spricht "man" nicht, aber in meiner Generation, in der Instafame mehr wert ist als ein Schulabschluss, sind Handysüchtige eher die Regel als die Ausnahme. Umso witziger, dass wir uns alle gegenseitig der Handysucht bezichtigen, es (sich) aber niemand eingestehen will. Da kriege ich zu hören: "Kannst du mal das Handy weglegen, wenn wir einen Film gucken? Es nervt!", nur um die Genervten zehn Minuten später ebenfalls am Smartphone zu ertappen. Darauf angesprochen rechtfertigen sie sich: "Ich hab doch nur schnell die WhatsApp beantwortet, das war dringend."

Victoria van Violence Buch Meine Freundin, die Depression mfg Verlag Auszug
Foto zur Verfügung gestellt vom mvg Verlag

WhatsApp-Nachrichten und Instagram-Posts sind immer wichtig. Nachts um 3 Uhr, morgens um 8 Uhr, auf dem Klo und bei Oma am Kaffeetisch. Wir sind immer erreichbar. Doch dieser ständige Draht nach aussen, lässt einen auf die Dauer nicht nur etwas plemplem, sondern auch süchtig nach permanenter Kommunikation werden. Jeden Pups können wir in Echtzeit mit unserer Umwelt teilen und bekommen heutzutage für jeden Cocktail und jeden Caesar Salad Aufmerksamkeit in Form von Likes geschenkt. Früher wurden Speis und Trank einfach in privater Runde genossen; heute schieben Blogger und Muttis die Deko im Restaurant von rechts nach links und suchen den passenden Winkel, damit das Bestellte noch besser zur Geltung kommt. Wie oft schon habe ich mein eigenes Essen gepostet … Und hätte ich keine Scheu gehabt, das Krankenhaus ins Bild zu rücken, ich hätte der Welt auch meine Kartoffeln mit heller Sauce präsentiert.

Dank meiner Erreichbarkeits- und Aufmerkamkeits(sehn)sucht war ich selbst in einer meiner schwierigsten Lebensphasen via Social Media mit der Aussenwelt verbunden. Anfangs verlief die Kommunikation allerdings sehr einseitig. Mir ging es vor allem um das Gefühl, nicht den Anschluss zu verlieren. Aufmerksam betrachtete ich alle geposteten Bilder meiner Freunde, las mit Hingabe Status-Updates und hörte mir Musikempfehlungen an, wodurch ich mich als normaler Mensch fühlte, der noch irgendwie dazugehört.


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Wer Social Media während einer schwierigen Lebensphase nutzt – sei es nun bei Depression, Liebeskummer oder Frust im Job –, läuft jedoch Gefahr, unbedacht Dinge zu senden, die man im Nachhinein bereut ("Wieso habe ich bloss eine so saudumme Chefin!?" oder "So wirklich macht das Leben keinen Sinn"). Aber ist etwas erst mal im Netz, ist es auch schon in aller Welt und kaum noch zu tilgen.

Vor einigen Jahren, vor allem in meinen early Twenties, war ich gross darin, jeden Schnupfen, jede gute, schlechte, jede noch so banale Neuigkeit und jedes Gefühlszucken auf Facebook zu teilen. Damit war ich in bester Gesellschaft, denn auch meine Freunde teilten so ziemlich alles im Netz. Inzwischen stelle ich nichts mehr dergleichen online, vor allem nicht in akuten Situationen. Das ist nicht zuletzt eine "Nebenwirkung" meiner Therapie, denn die eigentliche Intention hinter solchen Beiträgen ist der Wunsch nach Aufmerksamkeit: Wir wollen bemitleidet, getröstet und unterstützt werden. Doch ein Gespräch mit einer Freundin bringt in solchen Situationen viel mehr als jeder Post. Und im Zweifel fliegt mir das Gespräch auch nicht so schnell um die Ohren. Zudem kann ein depressiver Kopf sehr irrational sein; und selbst Menschen, die ansonsten sehr bedacht im Netz agieren, geraten dann leicht in Versuchung, intimste Gedanken öffentlich zu machen.

"'Hätte ich meinen Filou nicht, wäre ich wohl nicht mehr auf dieser Welt!', schrieb eine gute Freundin"

Da wird geballter Weltschmerz gepaart mit Selbsthass als Statusmeldung formuliert oder ein Kommentar verfasst, der den Freundeskreis aufschrecken lässt. So las ich neulich unter einem Beitrag über Hunde folgenden Kommentar einer guten Freundin: "Hätte ich meinen Filou nicht, wäre ich wohl nicht mehr auf dieser Welt!" Prompt schickte ich ihr eine besorgte private Nachricht. Es war ihr sehr unangenehm, sie habe nicht damit gerechnet, dass ihr Kommentar automatisch in der Timeline aller Freunde landen würde, und löschte ihre Zeilen sofort wieder.

So gut wie jeder öffentlichen Äusserung über das eigene Befinden liegt wie gesagt der Wunsch nach Aufmerksamkeit zugrunde. Allerdings kann diese ganz anders ausfallen, als es einem in dem Moment guttäte. Hat unser soziales Umfeld eh schon seine Probleme, mit dem Thema Depression adäquat umzugehen, so überfordert man vermutlich viele Menschen mit seiner schwarzgrauen Gedankenwelt und erhält womöglich gar keine Rückmeldung. Das wiederum kann dazu führen, dass man sich nicht gehört, missverstanden und allein gelassen fühlt. Es kann aber auch passieren, dass das Umfeld auf eine düstere Statusmeldung komplett anders reagiert als erhofft, möglicherweise mit Häme, Belustigung oder persönlichen Angriffen. Das wäre der Supergau für den Betroffenen, weil der angeknackste Selbstwert und das negative Gefühl dadurch noch verstärkt werden. Soziale Netzwerke sind eben nicht der richtige Ort, um sein Innerstes nach aussen zu kehren. Zumindest nicht in einer akuten Phase. Denn jede persönliche Äusserung, die auf die öffentliche Bühne gestellt wird, sollte unbedingt wohlüberlegt sein!

"Es dauerte nicht lange, bis die ersten Nachfragen kamen, ob bei mir alles okay sei. 'Ja, alles okay, habe im Moment nur viel um die Ohren!', log ich."

Als ich in die Klinik kam, wurde es um mich auf meinen privaten Social-Media-Kanälen still. Das machte die eine oder den anderen irgendwann stutzig, hatte ich mich doch bislang häufig eingebracht und immer wieder Musik gepostet. Insofern dauerte es auch nicht lange, bis die ersten Nachfragen kamen, ob bei mir alles okay sei. "Ja, alles okay, habe im Moment nur viel um die Ohren!", log ich, um für Ruhe zu sorgen. Es fühlte sich aber auch gut an, vermisst zu werden.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch Meine Freundin, die Depression , das im September 2018 im mvg Verlag erschien.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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